Zigarettenstummel sind Plastikverschmutzung: OceanCare kritisiert Symptombekämpfung und die Rolle der Tabakindustrie
Zigarettenstummel sind Plastikverschmutzung:
OceanCare kritisiert Symptombekämpfung und die Rolle der Tabakindustrie
Rund 1'000 Tonnen Zigarettenabfälle gelangen jährlich in die Schweizer Umwelt. Der weitaus grösste Teil davon ist Plastik. An einem Runden Tisch gegen Zigarettenstummel-Littering unter Federführung des Bundesamts für Umwelt (BAFU) hat die Meeresschutzorganisation OceanCare jetzt deutliche Kritik angebracht: Der Prozess behandelt ein gravierendes Plastikproblem als blosse Sauberkeitsfrage und räumt mit der Tabakindustrie ausgerechnet jener Lobby den grössten Einfluss ein, die das Problem verursacht.
Ein Plastikproblem, das als Litteringfrage kleingeredet wird
Zigarettenfilter bestehen zum Grossteil aus Celluloseacetat, einem Kunststoff, der über Jahre in Mikrofasern zerfällt und in Böden und Gewässern verbleibt. Damit zählen Zigarettenstummel zu einer der grossen Einzelquellen von Mikroplastik – mit entsprechenden Folgen für die Umwelt. Hinzu kommt, dass die Filter zahlreiche giftige Substanzen binden und auch in der Schweiz in die Gewässer abgeben.
«Zigarettenstummel-Littering wird verharmlosend auf eine Verhaltens- und Sauberkeitsfrage verengt. Damit wird am Kern des Problems vorbei diskutiert», sagt Ewoud Lauwerier, Plastic Policy Specialist bei OceanCare. «Es handelt sich in erster Linie um Plastikverschmutzung. Wer das Problem als blosses Litteringthema versteht, landet zwangsläufig bei Massnahmen, die die Ursache nicht berühren. Damit spielen wir der Tabak-Lobby in die Karten.»
Die Tabakindustrie ist der falsche Partner für Umweltlösungen
OceanCare hält UNO-Sonderberaterstatus des UN-Wirtschafts- und Sozialrats (ECOSOC) in Meeresfragen und engagiert sich in den internationalen Verhandlungen zu einem globalen Plastikabkommen, in denen auch die Schweiz vertreten ist. Aus dieser internationalen Erfahrung verweist die Organisation auf einen weltweit anerkannten Grundsatz: Bei der Erarbeitung von Massnahmen mit Tabakbezug darf die Industrie, die vom Verkauf der Produkte profitiert, nicht über die Lösungen mitbestimmen.
Dieser Grundsatz ist im WHO-Rahmenübereinkommen zur Eindämmung des Tabakgebrauchs (FCTC) verankert. Ein Abkommen, das die Schweiz zwar unterzeichnet, bislang aber als eines von nur sechs Ländern (darunter Argentinien, Kuba, Haiti, Marokko, die Schweiz und die USA) weltweit nicht ratifiziert hat. «Stattdessen rollt das BAFU der Tabak-Lobby jetzt den roten Teppich aus», so Ewoud Lauwerier.
«Selbstverständlich ist OceanCare zum Dialog bereit, dann muss es jedoch ein transparenter Konsultationsprozess sein, der auf Augenhöhe stattfindet und in den Umweltverbände von Tag eins eingebunden sind. Es ist mehr als fragwürdig, dass die Tabakindustrie in ein Umweltkonsultationsverfahren federführend mitwirkt, sind sie doch Verursacher des Problems. Hier ist einiges schiefgelaufen und wir fordern vom BAFU einen Neustart. Zurück auf Feld Eins!», fordert Lauwerier.
Wirksame Lösungen setzen an der Quelle an
Aus Sicht von OceanCare greifen Ansätze, die nur auf das Verhalten der Konsumentinnen und Konsumenten oder auf die nachgelagerte Entsorgung zielen, systematisch zu kurz. Eine glaubwürdige Strategie muss den gesamten Lebensweg der Filter erfassen: von einer strukturellen Reduktion der in Verkehr gebrachten Mengen über verbindliche Produktanforderungen bis zu einer klaren Verantwortung der Hersteller. Vorbilder bestehen bereits, so etwa die erweiterte Herstellerverantwortung für Tabakprodukte, wie sie in der Europäischen Union gilt.
Bereitschaft zur Mitwirkung an einem echten Prozess
OceanCare begrüsst, dass das BAFU das Thema überhaupt aufgreift. Entsprechend will sich die Meerschutzorganisation weiterhin aktiv einbringen. Voraussetzung sei jedoch ein Prozess, der die Zivilgesellschaft von Beginn an einbezieht, statt sie über bereits getroffene Entscheidungen bloss zu informieren. «Wir beteiligen uns gerne. Aber an einem echten Runden Tisch, der diesen Namen verdient», so Lauwerier. «Das Problem ist zu ernst für halbe Sachen: Es geht um rund tausend Tonnen grösstenteils kunststoffhaltiger Abfälle pro Jahr.»
Weiterführende Informationen:
Webnews zum Thema Zigarettenlittering
Factsheet Zigaretten (Englisch)
Factsheet E-Zigaretten (Englisch)
Medienkontakt
Dr. Ewoud Lauwerier, Plastic Policy Specialist, OceanCare
E-Mail: elauwerier@oceancare.org · Telefon: +41 43 477 61 29
Gerbestrasse 6, Postfach 31, CH-8820 Wädenswil · www.oceancare.org
Über OceanCare
OceanCare setzt sich seit 1989 weltweit für die Meerestiere und Ozeane ein. Mit Forschungs- und Schutzprojekten, Umweltbildungskampagnen sowie intensivem Einsatz in internationalen Gremien unternimmt die Organisation konkrete Schritte zur Verbesserung der Lebensbedingungen in den Weltmeeren. OceanCare ist vom Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen als Sonderberaterin für den Meeresschutz anerkannt und ist offizielle Partnerorganisation in zahlreichen UN-Abkommen und internationalen Konventionen. OceanCare engagiert sich zudem in internationalen zivilgesellschaftlichen Bündnissen wie der High Seas Alliance, Seas at Risk, oder der #BreakFreeFromPlastic-Koalition.
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