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Zu laut, zu unbekannt, zu einfach lösbar: Neue IFAW-Umfrage zur unsichtbaren Bedrohung der Meere

Zu laut, zu unbekannt, zu einfach lösbar: Neue IFAW-Umfrage zur unsichtbaren Bedrohung der Meere
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Zu laut, zu unbekannt, zu einfach lösbar: Neue IFAW-Umfrage zur unsichtbaren Bedrohung der Meere

Heute hat der International Fund for Animal Welfare (IFAW), mit Unterstützung von KRESK 4 OCEANS, die Ergebnisse einer europaweiten Meinungsumfrage zur Unterwasserlärmverschmutzung veröffentlicht.

Die von IPSOS in fünf Ländern – Frankreich, Deutschland, den Niederlanden, Spanien und Schweden – durchgeführte Befragung zeichnet ein klares Bild:

Europas Bürgerinnen und Bürger sind bereit, den Ozean zu schützen und unterstützen das Ergreifen dringender Massnahmen gegen Unterwasserlärm – sobald sie erfuhren, dass dieser zu den grössten Bedrohungen für das Meeresleben zählt.

  • Der Wille ist da, der Aufklärungsbedarf ist signifikant: 98 Prozent der Befragten wollen das Meeresleben schützen – doch das öffentliche Bewusstsein wird stark von sichtbaren Bedrohungen geprägt: 81 Prozent nennen Plastikverschmutzung als grösste Gefahr, während nur 14 Prozent Unterwasserlärm und 16 Prozent die Versauerung des Ozeans als Bedrohung identifizieren
  • Einmal aufgeklärt fordern die Befragten sofortiges Handeln: 89 Prozent verlangen dringende Massnahmen, 84 Prozent befürworten langsamere Geschwindigkeiten für Schiffe, 78 Prozent wollen verbindliche Regelungen statt freiwilliger Empfehlungen
  • Unterwasserlärm, verursacht durch Schifffahrt, könnte durch eine einfache Massnahme sofort gesenkt werden: Eine verbindliche Temporeduktion in der Schifffahrt reduziert Unterwasserlärm, Treibhausgasemissionen und reduziert das Risiko, mit Walen zu kollidieren
  • OceanCare fordert die Europäische Union und ihre Mitgliedsstaaten auf, ihrem Anspruch gerecht zu werden: durch verbindliche Temporegelungen für Schiffe und ein Verbot der maritimen Exploration von neuen Öl- und Gasquellen im Meeresboden – ein Verfahren, das mithilfe von Schallkanonen durchgeführt wird, die zu den lautesten, explosiven Lärmquellen im Ozean zählen

Während 98 Prozent der Befragten den Schutz des Meereslebens für wichtig halten, unterstreicht die Umfrage, dass das öffentliche Bewusstsein stark von sichtbaren Formen der Umweltverschmutzung geprägt wird:

So ist Plastikverschmutzung über alle Altersgruppen und Bildungsniveaus hinweg die am häufigsten genannte Bedrohung (81 Prozent).

Unterwasserlärm hingegen, ein unsichtbarer, aber ebenso zerstörerischer menschlicher Einfluss wird nur von 14 Prozent der Befragten als Bedrohung wahrgenommen.

Ähnliches gilt für die Versauerung des Ozeans (16 Prozent), eine weitere nahezu unsichtbare Krise.

OceanCare würdigt den IFAW ausdrücklich für die Umfrage und begrüsst ihre Ergebnisse als wichtigen Beitrag hin zur Schließung dieser Wissenslücken.

Einmal aufgeklärt, fordern die Befragten Handeln

Als den Befragten erklärt wurde, dass Schiffslärm die Kommunikation, Navigation und das Fressverhalten von Meeresarten stört, gaben 89 Prozent an, das Problem müsse dringend angegangen werden. 84 Prozent befürworten Geschwindigkeitsreduktionen für Schiffe zum Schutz des Meereslebens, 78 Prozent fordern verbindliche Regelungen statt freiwilliger Selbstverpflichtungen.

Carlos Bravo Villa, Meerespolitik-Experte bei OceanCare, sagt:

„Selten war so klar, was zu tun ist: Die Wissenschaft liefert eindeutige Befunde, die Lösungen liegen bereit, und die Umfrage zeigt deutlich, dass eine informierte Bevölkerung hinter den wichtigen Massnahmen steht. Was fehlt, ist der politische Wille insbesondere der Einzelstaaten zu handeln. Menschen verstehen das Konzept von Verkehrsregeln – es ist Teil unseres Alltags. Auf Strassen gelten klare Geschwindigkeitsregeln. Daher ist es nur logisch, vernünftig und längst überfällig, dasselbe Prinzip auf Schiffe anzuwenden, die durch den Ozean navigieren. Das wäre sicherer für das Meeresleben, leiser und ein aktiver Beitrag zur Reduktion von CO2-Emissionen. Dennoch bleiben verbindliche Geschwindigkeitsbeschränkungen für Schiffe die Ausnahme, nicht die Regel.“

Unsichtbare Bedrohungen mit gravierenden Folgen – und einer einfachen Lösung

Unterwasserlärm ist eine signifikante, globale Bedrohung der Meere. Schall ist für Meereslebewesen lebensnotwendig – und Lärm entsprechend verheerend. Die Schifffahrt ist die wichtigste Quelle kontinuierlichen Unterwasserlärms im Ozean, und die Auswirkungen auf die Meeresfauna sind weitreichend: gestörte Kommunikation, veränderte Migrationsrouten, chronischer Stress und verringerter Fortpflanzungserfolg.

Der EMTER-2025-Bericht der verantwortlichen EU-Institutionen identifiziert den Ärmelkanal, die Strasse von Gibraltar, Teile der Adria, die Dardanellen und einige Regionen der Ostsee als Gebiete mit besonders hohem Schalldruckpegel. Die gute Nachricht: Der Bericht kommt zu dem Ergebnis, dass die gemeinsame Umsetzung technischer und betrieblicher Massnahmen zur Reduktion von Unterwasserlärm und Treibhausgasemissionen bis 2050 für alle Schiffstypen und in allen Regionen führen kann – in manchen Fällen um bis zu 70 Prozent gegenüber einem Weiter-wie-bisher-Szenario.

Unterwasserlärm ist jedoch nicht die einzige Gefahr, die der Schiffsverkehr für Meereslebewesen darstellt: Kollisionen mit Schiffen sind in stark befahrenen Meeresgebieten – darunter das nordwestliche Mittelmeer – die häufigste menschenverursachte Todesursache für Grosswale.

Langsamere Schiffe: eine Win-Win-Win-Situation

Die Reduktion der Schiffsgeschwindigkeit schafft eine Win-Win-Win-Situation: Sie senkt den Unterwasserlärm, reduziert Treibhausgasemissionen und verringert das Kollisionsrisiko von Schiffen mit grossen Meeressäugern.

Freiwillige Massnahmen haben sich weltweit als weitgehend wirkungslos erwiesen. Studien belegen, dass Reedereien freiwilligen Geschwindigkeitsempfehlungen nur in sehr geringem Mass folgen, während verbindliche Massnahmen von über 80 Prozent eingehalten werden. Eigene Schiffsverkehrsanalysen von OceanCare im Besonders Sensiblen Meeresgebiet (PSSA) im nordwestlichen Mittelmeer, das die IMO 2023 ausgewiesen hat, bestätigen dies: Geschwindigkeitsempfehlungen werden regelmässig ignoriert. Damit Massnahmen wirksam sind, müssen sie verbindlich sein und ausnahmslos für alle Schiffe gelten. Das schafft auch gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle Reedereien.

Auch impulsiver Unterwasserlärm, durch Schallkanonen bei der Suche nach neuen Öl- und Gasvorkommen im Meeresboden oder durch militärische Aktivitäten erzeugt, hat verheerende Auswirkungen: Zu den lautesten menschengemachten Tönen überhaupt gehörend, können die Schallkanonen physische Schäden oder sogar den Tod von Meereslebewesen verursachen. Zusätzlich zur dringenden Notwendigkeit, den Energiesektor zur Bekämpfung der Klimakrise von fossilen Brennstoffen wegzubewegen, würde ein Verbot der Öl- und Gasexploration auch eine der gefährlichsten Lärmquellen im Ozean beseitigen.

Ist die EU bereit, voranzugehen?

Die Europäische Union hat in weiten Teilen den meerespolitischen Rahmen geschaffen, um Meereslebewesen besser vor Unterwasserlärm zu schützen. Die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH)gewährt bestimmten Meeresarten strengen Schutz vor jeder Form von Schädigung – was implizit auch Unterwasserlärm und Schiffskollisionen einschliesst.

Darüber hinaus hat die Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie, die derzeit überarbeitet wird, eine verbindliche Verpflichtung der Mitgliedsstaaten festgelegt: In EU-Gewässern einen guten Umweltzustand zu erreichen. Das umfasst ausdrücklich auch den Bereich Unterwasserlärm. Um diesen Zustand zu definieren, hat die EU als erste geopolitische Region der Welt Schwellenwerte für Lärmpegel definiert. Dennoch haben die Mitgliedsstaaten bis heute versäumt, die notwendigen Massnahmen umzusetzen. Verbindliche Vorgaben sind daher unerlässlich, um gleiche Wettbewerbsbedingungen für den Privatsektor zu gewährleisten und dessen Aktivitäten mit den Zielen des Meeresschutzes in Einklang zu bringen.

Im Juni 2025 trat die Europäische Union zudem als Block der High Ambition Coalition for a Quiet Ocean bei, die auf ein internationales Rahmenwerk zur Reduktion von Unterwasserlärmemissionen hinarbeitet. Der geplante EU Ocean Act sowie die Überarbeitung der Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie bilden nun eine entscheidende Gelegenheit, dieses Bekenntnis auch endlich in die Tat umzusetzen.

Nicolas Entrup, Direktor für Internationale Beziehungen bei OceanCare, sagt:

„Die Umfrageergebnisse zeigen eine klare Erwartung der Öffentlichkeit: Die Europäische Union soll international eine Führungsrolle bei der Reduktion von Unterwasserlärm übernehmen. Die EU hat bereits wegweisende Entscheidungen getroffen – darunter der Beitritt zur High Ambition Coalition for a Quiet Ocean. Doch Glaubwürdigkeit entsteht durch Umsetzung. Der neue Ocean Act ist genau die Gelegenheit, verbindliche Geschwindigkeitsregelungen für Schiffe in EU-Gewässern einzuführen – und Explorationsaktivitäten für neue Öl- und Gaslagerstätten im Ozean zu verbieten. Europas Bürgerinnen und Bürger sind bereit. Jetzt müssen die Entscheidungsträger handeln.“

Weitere Informationen

Blue Speeds: Langsamere Schiffe zur Rettung des Ozeans

Informationen zu Unterwasserlärm

Pressemitteilung OceanCare

Über OceanCare

OceanCare setzt sich seit 1989 weltweit für die Meerestiere und Ozeane ein. Mit Forschungs- und Schutzprojekten, Umweltbildungskampagnen sowie intensivem Einsatz in internationalen Gremien unternimmt die Organisation konkrete Schritte zur Verbesserung der Lebensbedingungen in den Weltmeeren. OceanCare ist vom Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen als Sonderberaterin für den Meeresschutz anerkannt und ist offizielle Partnerorganisation in zahlreichen UN-Abkommen und internationalen Konventionen. OceanCare engagiert sich zudem in internationalen zivilgesellschaftlichen Bündnissen wie der High Seas Alliance, Seas at Risk, oder der #BreakFreeFromPlastic-Koalition.

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OceanCare
Gerbestrasse 6
CH-8820 Wädenswil
 www.oceancare.org
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