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Neue Studie: Risiken durch menschliche Interaktion mit Delfinen in Spanien

Nahe Begegnungen mit solitären Delfinen: Neue Studie warnt vor Risiken durch menschliche Interaktion mit Delfinen in Spanien

  • Erste umfassende Analyse solitär lebender Delfine in Spanien: Die Studie dokumentiert 17 solitär lebende Grosse Tümmler, die seit 1970 in spanischen Gewässern erfasst wurden – die meisten davon in Galicien.
  • Vom Einzelgänger zum sogenannten „solitary-sociable“ Delfin: Einige Tiere beginnen aktiv den Kontakt zu Menschen zu suchen – eine Entwicklung, die komplexe Herausforderungen für Tierwohl und Management mit sich bringt.
  • Risiken für Delfine und Menschen: Häufiger Kontakt erhöht die Wahrscheinlichkeit von Störungen, Verletzungen sowie tödlichen Kollisionen mit Booten und kann zudem potenziell gefährliche Situationen für Schwimmer, Taucher und andere Wassersporttreibende schaffen.
  • Prävention ist entscheidend: Aufklärung, frühzeitiges Eingreifen und gezielte Schutzmassnahmen sind notwendig, damit sich Delfine nicht an Menschen gewöhnen.

Begegnungen mit wilden Delfinen gelten für viele Menschen als magische Erlebnisse. Eine neue wissenschaftliche Studie zeigt jedoch, dass solche Interaktionen problematisch werden können, vor allem wenn Delfine allein leben – sowohl für die Tiere als auch für Menschen. Auf Grundlage von mehr als fünf Jahrzehnten dokumentierter Fälle in Spanien verdeutlichen Forschende, warum frühzeitiges Management und verantwortungsbewusstes Verhalten entscheidend sind.

Eine neue Studie in der Fachzeitschrift Animal Behaviour analysiert erstmals die Geschichte solitär lebender Delfine in spanischen Gewässern seit 1970 sowie die Herausforderungen, die ihre Anwesenheit für ihr Wohlergehen und Überleben – aber auch für die Sicherheit von Menschen – mit sich bringt.

Die Forschungsarbeit identifiziert 17 solitär lebende Grosse Tümmler (Tursiops truncatus) in Spanien. Vierzehn von ihnen wurden in galicischen Gewässern beobachtet, was die Region zu einem zentralen Hotspot dieses Phänomens macht. Einige dieser Tiere beginnen, regelmässig mit Menschen zu interagieren und entwickeln sich zu sogenannten „solitary-sociable dolphins“ – eine aus Management- und Tierschutzsicht besonders anspruchsvolle Situation.

Von Einzelgängern zu „solitary-sociable“ Delfinen

Die Studie beschreibt und analysiert die verschiedenen Phasen der Sozialisierung, die bei solitär lebenden Delfinen beobachtet wurden – von Individuen, die menschlichen Kontakt meiden, bis hin zu solchen, die aktiv die Nähe von Menschen suchen. Zwei Fälle aus Galicien – die Delfine Gaspar und Confi – werden ausführlich vorgestellt, um zu zeigen, wie sich solche Interaktionen im Laufe der Zeit entwickeln können.

Versteckte Risiken hinter scheinbar magischen Begegnungen

Laut der Studie mögen solche Begegnungen für Menschen positiv oder einzigartig erscheinen. Für die Tiere können enge Interaktionen mit Menschen jedoch gravierende Folgen haben. Dazu gehören ein erhöhtes Risiko für Verletzungen – auch tödliche –, Stress sowie problematische Verhaltensänderungen. Direkter Kontakt kann zudem Risiken für Menschen bergen, insbesondere wenn Delfine sich Schwimmern, Seglern oder maritimen Berufsgruppen wie Taucherinnen und Tauchern unter Wasser nähern.

Die Erstautorin Laetitia Nunny, Senior Science Officer bei OceanCare, die seit vielen Jahren die Auswirkungen von Interaktionen mit Menschen auf das Wohlergehen von Delfinen erforscht, erklärt: „Viele Menschen empfinden eine Begegnung mit einem wilden Delfin aus nächster Nähe als magisch. Für solitär lebende Delfine kann diese Nähe jedoch zur Falle werden. Sobald sie sich an Menschen gewöhnen, steigt das Risiko von Störungen, Verletzungen und tödlichen Unfällen dramatisch an. Der jüngste tragische Tod der jungen Delfinin Ladiña in Galicien zeigt, wie dringend wir lernen müssen, uns in der Nähe dieser besonderen Wildtiere richtig zu verhalten.“

Langjährige Beobachtungen aus Galicien Alfredo López, Leiter der Umweltbildung bei CEMMA (Coordinadora para o Estudo dos Mamíferos Mariños) und Mitautor der Studie, untersucht seit 36 Jahren solitär lebende Delfine in Galicien: „Solitär lebende Delfine versuchen, ihre sozialen und emotionalen Defizite zu kompensieren, indem sie sich Schwimmern und Seglern nähern – weil sie glauben, dass wir uns in ihrer Umwelt genauso wohl fühlen wie sie selbst. Doch sie verstehen nicht, dass die menschliche Natur sich stark von ihren eigenen sozialen Werten unterscheidet. Sie sehen nur einen Teil unserer vielschichtigen Persönlichkeit – vielleicht den besten Teil – und nehmen die negativen Seiten nicht wahr: Egoismus, Eitelkeit, Täuschung, Aggression, Verrat oder Rache. Genau das wird ihnen letztlich zum Verhängnis.“

Stärkung des Schutzes durch bestehende Gesetze

Der Artikel überprüft den bestehenden rechtlichen Rahmen in Spanien zum Schutz von Cetaceen (Delfinen, Walen und Schweinswalen) und zeigt auf, wie diese Gesetze genutzt werden können und sollten, um das Wohlergehen solitär lebender Delfine besser zu schützen. Die Autorinnen und Autoren betonen, dass es eine zentrale Priorität ist zu verhindern, dass ein solitär lebender Delfin zu einem „solitary-sociable“ Delfin wird, um langfristige Risiken zu reduzieren.

Mark Simmonds, Leiter Wissenschaft von OceanCare, der das Phänomen der „solitary-sociable dolphins“ seit Jahrzehnten erforscht und ebenfalls Mitautor der Studie ist, ergänzt: „Menschen lieben es, Delfine zu beobachten, und wir verstehen, dass viele den Wunsch verspüren, mit ihnen zu interagieren. Unsere Forschung zeigt jedoch deutlich, dass es sowohl für das Wohlergehen der Delfine als auch für die Sicherheit der Menschen entscheidend ist, nicht mit ihnen ins Wasser zu gehen oder sich mit ihnen anzufreunden. Solche Begegnungen können ihr Verhalten verändern und dazu führen, dass sie gezielt menschliche Kontakte suchen – was häufig zu gefährlichen Situationen für den Delfin und manchmal auch für seine Bewunderer führt.“

Riskante Interaktionen durch frühes Handeln verhindern

Die Studie formuliert konkrete Empfehlungen für Managementpläne. Dazu gehören unter anderem zeitweilige Zugangsbeschränkungen für die Öffentlichkeit in bestimmten Gebieten sowie mehr Flexibilität in lokalen Fischereipraktiken, um Konflikte zwischen Menschen und Delfinen zu vermeiden. Öffentliche Aufklärung und Sensibilisierung werden als entscheidend angesehen, um verantwortungsvolles Verhalten zu fördern und die Einhaltung bestehender Vorschriften sicherzustellen.

Die Autorinnen und Autoren kommen zu dem Schluss, dass ein frühzeitiges, koordiniertes und evidenzbasiertes Management entscheidend ist, um sowohl solitär lebende Delfine als auch Menschen zu schützen und ein verantwortungsvolles Zusammenleben mit diesen Tieren in spanischen Gewässern zu ermöglichen. Sie rufen die Behörden dazu auf, wissenschaftliches Monitoring sowie weitere Forschung zu diesen besonderen Individuen finanziell zu unterstützen.

Informationen zum Artikel

Artikel: Solitary dolphins in Spain and recommendations for their management (Einzeln lebende Delfine in Spanien und Empfehlungen für ihr Management)

Erschienen in: Animal Behaviour

Autorinnen und Autoren: Laetitia Nunny, Mónica González, Alfredo López, Pablo Covelo, Jose Antonio Martínez-Cedeira, Xabier Pin, Uxía Vázquez, María Macías González, Paula San Martín Lorén, Mark P. Simmonds

a) OceanCare, Wädenswil, Schweiz

b) CEMMA – Coordinadora para o Estudo dos Mamíferos Mariños, Nigrán, Spanien

c) Campus Do Mar, Universidade de Vigo, Spanien

d) Dep. Biologia / CESAM, Universidade de Aveiro, Portugal

e) Technical Support for Marine Biodiversity TRAGSATEC im Projekt „Conservation actions, improvement of knowledge of the marine environment, and environmental protection of marine habitats, species, and marine protected areas“, finanziert durch Next Generation EU für das spanische Umweltministerium (MITECO – Ministerio para la Transición Ecológica y el Reto Demográfico), Pontevedra, Spanien

f) School of Veterinary Sciences, University of Bristol, Vereinigtes Königreich

Weitere Informationen

Weitere Informationen über „solitary-sociable“ Delfine, einschliesslich weiterer wissenschaftlicher Arbeiten zu ihren Beständen, Vorkommen und Managementempfehlungen, finden Sie auf der entsprechenden OceanCare-Seite: Solitäre Delfine: Risiken und Umgang

Siehe auch ‘A Global Reassessment of Solitary-Sociable Dolphins’

Pressekontakte

Laetitia Nunny, Senior Science Officer, OceanCare, lnunny@oceancare.org

Anton Mattmüller, Presssprecher, OceanCare, amattmueller@oceancare.org

Über OceanCare

OceanCare setzt sich seit 1989 weltweit für die Meerestiere und Ozeane ein. Mit Forschungs- und Schutzprojekten, Umweltbildungskampagnen sowie intensivem Einsatz in internationalen Gremien unternimmt die Organisation konkrete Schritte zur Verbesserung der Lebensbedingungen in den Weltmeeren. OceanCare ist vom Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen als Sonderberaterin für den Meeresschutz anerkannt und ist offizielle Partnerorganisation in zahlreichen UN-Abkommen und internationalen Konventionen. OceanCare engagiert sich zudem in internationalen zivilgesellschaftlichen Bündnissen wie der High Seas Alliance, Seas at Risk, oder der #BreakFreeFromPlastic-Koalition.

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