Ausstellung im Textilmuseum St.Gallen: „Mise en Scène. Modefotografie von der Belle Epoque bis heute“ eröffnet
Die Ausstellung «Mise en Scène. Modefotografie von der Belle Époque bis heute» (3.7.2026-28.2.2027) widmet sich erstmals den bedeutenden fotografischen Beständen des Textilmuseums St.Gallen und weiterer öffentlicher und privater Sammlungen der Schweiz. Anhand ausgewählter Werke renommierter Fotografen wie Atelier d’Ora Benda, Tom Kublin, Peter Knapp und Helmut Newton zeichnet sie die Entwicklung der Modefotografie von den Anfängen um 1900 bis in die Gegenwart nach und verbindet internationale Fotografiegeschichte mit der Ostschweizer Textilindustrie.
Auf den ersten Blick mag eine Ausstellung über Modefotografie an einem Textilmuseum überraschen. Tatsächlich gehört die Fotografie zu den wichtigsten und zugleich am wenigsten erforschten Sammlungsbeständen des Hauses. Allein das Textilmuseum St.Gallen bewahrt rund 20’000 fotografische Objekte – von Glasplattennegativen über Papierabzüge und Dias bis zu digitalen Bildarchiven. Ergänzt werden diese durch bedeutende Bestände aus Firmenarchiven, privaten und öffentlichen Sammlungen.
Fotografien als Kunstwerk
Die Fotografien eröffnen einen einzigartigen Zugang zur Geschichte der Ostschweizer Textilindustrie. Sie zeigen, wie Stickereien, Spitzen und Stoffe aus der Schweiz ihren Weg in die internationale Mode fanden, dokumentieren die Beziehungen zwischen Textilproduzenten, Couturiers, Fotograf:innen und Medien und machen sichtbar, wie sich Schweizer Unternehmen auf globalen Märkten positionierten.
Gleichzeitig sind die Bilder weit mehr als historische Dokumente. Die Ausstellung versammelt Arbeiten von Fotograf:innen, deren Namen bis heute mit der Geschichte der Modefotografie verbunden sind: von Nathan Lazarnick über Atelier d’Ora Benda, Tom Kublin, Peter Knapp, Helmut Newton, Rudy Faccin von Steidl, Jean-Philippe Decros und Jeanloup Sieff bis zu Steven Klein, Anton Corbijn und Iwan Baan. Ihre Fotografien entstanden in New York, Paris, Wien, Mailand oder St.Gallen und spiegeln die künstlerischen Entwicklungen ihrer Zeit.
Ein zentrales Auswahlkriterium war die fotografische Qualität und der ästhetische Anspruch. Die Bilder werden nicht als Illustration einer Textil- oder Firmengeschichte gezeigt, sondern als eigenständige fotografische Werke. Gleichzeitig werden sie durch Kleidungsstücke, Stoffmuster, Musterbücher, Modezeitschriften und Firmenarchive kontextualisiert. So lassen sich ihre Entstehungsgeschichte, ihre Verbreitung und die Vorstellungen von Eleganz, Modernität und Weiblichkeit nachvollziehen, die sie transportierten.
Besonders deutlich wird dieses Spannungsfeld in den Arbeiten, die im Auftrag Ostschweizer Textilunternehmen entstanden. Fotograf:innen verfügten über eine eigene gestalterische Handschrift, arbeiteten jedoch zugleich für konkurrierende Modehäuser, Magazine oder Stoffproduzenten. Die für Forster Willi und Jakob Schlaepfer entstandenen Bildserien Helmut Newtons zeigen exemplarisch, wie sich fotografischer Ausdruck und kommerzielle Interessen auf unterschiedliche Weise miteinander verbinden konnten.
Ein Rundgang durch 120 Jahre Damenmode
«Mise en Scène» ist eine Reise durch die Modegeschichte des 20. und frühen 21. Jahrhunderts. Die Fotografien dokumentieren nicht nur den Wandel fotografischer Stile, sondern auch die Veränderungen der Kleidung selbst.
Zu Beginn des Rundgangs begegnen die Besucherinnen und Besucher den aufwendig dekorierten Roben der Belle Époque. Reich bestickte Kleider, wie sie um 1900 in den Salons New Yorks oder Paris’ getragen wurden, zeugen vom internationalen Erfolg der Ostschweizer Stickereiindustrie. In den Fotografien Nathan Lazarnicks verschmelzen Modebild und Gesellschaftsporträt noch weitgehend miteinander.
Die Rennbahnfotografien der 1920er-Jahre erzählen vom gesellschaftlichen Aufbruch nach dem Ersten Weltkrieg. Röcke werden kürzer, Silhouetten geradliniger, Bewegungsfreiheit gewinnt an Bedeutung. Die Mode begleitet die Emanzipation der Frau und wird dank der Fotografie und ihrer wachsenden Präsenz in den Medien auch zunehmend öffentlich sichtbar.
In diesen Jahren entsteht ein neues Körperbewusstsein. Die Fotografien, die das Wiener Atelier d’Ora Benda in den 1930er-Jahren im Auftrag der Unterwäschemarke Hanro fertigte, zeigen sportliche Bademode und moderne Lingerie. Der weibliche Körper tritt stärker in Erscheinung und wird zu einem zentralen Gegenstand fotografischer Inszenierung.
Nach dem Zweiten Weltkrieg prägt Christian Diors «New Look» die Mode. Fotografien von Tom Kublin dokumentieren die Rückkehr zu Eleganz, Luxus und einer betont femininen Silhouette. Die Haute Couture erlebt ihre letzte grosse Blütezeit, bevor sich mit dem Prêt-à-porter die Mode grundlegend verändert.
Die Arbeiten von Peter Knapp, Rudy Faccin von Steidl und Jean-Philippe Decros führen durch die Jahrzehnte von Jugendkultur, Flower-Power und den Supermodels der 1980er- und 1990er-Jahre. Schliesslich stehen mit Steven Klein, Anton Corbijn und Iwan Baan zeitgenössische Positionen im Mittelpunkt, die Mode als Teil einer umfassenden visuellen Kultur begreifen und die Grenzen zwischen Fotografie, Film, Architektur und Kunst zunehmend auflösen.
Die Frau im Bild
Die Frage nach dem Bild der Frau zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung. Kaum ein anderes Medium hat die Vorstellungen von Schönheit, Eleganz und Weiblichkeit im 20. Jahrhundert so nachhaltig geprägt wie die Modefotografie.
Die Ausstellung verfolgt diese Entwicklung über mehr als ein Jahrhundert hinweg. Die frühen Fotografien zeigen Frauen als gesellschaftliche Repräsentationsfiguren, deren Status sich in Kleidung und Haltung ausdrückt. Die 1920er- und 1930er-Jahre bringen ein neues Ideal hervor: sportlich, aktiv und selbstbestimmt. Nach dem Zweiten Weltkrieg treten wieder stärker traditionelle Vorstellungen von Weiblichkeit in den Vordergrund, bevor die gesellschaftlichen Umbrüche der 1960er- und 1970er-Jahre eine strukturelle Erweiterung der Handlungsspielräume für Frauen ermöglichen: in Bildung, Beruf, aber auch bei der privaten Lebensgestaltung.
Mit Fotografen wie Helmut Newton oder Jeanloup Sieff gewinnt die Darstellung des weiblichen Körpers eine neue Intensität. Ihre Arbeiten bewegen sich zwischen Selbstinszenierung, Erotik, künstlerischem Ausdruck und kommerzieller Bildsprache. Aus heutiger Perspektive werfen sie Fragen auf, die im Zeitalter der massenhaften Verbreitung von Fotografien über Social Media nicht an Brisanz verloren haben: Wer bestimmt die Darstellung der Frau? Wer blickt auf wen? Und wie beeinflussen fotografische Bilder unser Verständnis von Schönheit und Körpernormen?
Bereits 1992 formulierte Alexander Liberman, langjähriger Herausgeber und Art Director von Condé Nast Publications, einen Gedanken, der die Ausstellung begleitet: «A fashion photograph is not a photograph of a dress; it is a photograph of a woman.»
«Mise en Scène» nimmt dieses Zitat auf: Die Ausstellung versteht Modefotografie nicht allein als Dokumentation wandelnder Trends, sondern auch als Zeugnis gesellschaftlicher Vorstellungen, Projektionen und Erwartungen, die sich in die Bilder eingeschrieben haben.
Ein Gegenbild: Barbara Davatz und die Menschen der Textilindustrie
Den glamourösen und hochgradig inszenierten Modefotografien stellt das Textilmuseum bewusst eine zweite fotografische Position gegenüber. Parallel zu «Mise en Scène» ist in der Lounge des Museums die Serie «Porträt einer Schweizer Firma» der Ostschweizer Fotografin Barbara Davatz zu sehen.
Im Jahr 1972 porträtierte Davatz die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Herisauer Textilfirma Walser AG. Die Aufnahmen entstanden nicht auf Laufstegen, in Fotostudios oder für Modemagazine, sondern in unmittelbarer Nähe zum Arbeitsalltag der Porträtierten. Spinnerinnen, Arbeiter, Textildrucker, Verwaltungsangestellte und Lernende blicken direkt in die Kamera. Viele von ihnen stammen aus Italien, Spanien oder anderen europäischen Ländern und gehörten zu jener Generation von Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten, ohne die der wirtschaftliche Erfolg der Schweizer Textilindustrie nicht denkbar gewesen wäre.
Während die Modefotografie ideale Welten entwirft und gesellschaftliche Wünsche sichtbar macht, richtet Barbara Davatz den Blick auf die Menschen hinter den Kulissen einer einflussreichen Industrie. Ihre Fotografien zeigen Individualität statt Inszenierung, Persönlichkeit statt Perfektion und erinnern daran, dass hinter jedem Stoff, jedem Kleid und jeder Werbekampagne Menschen stehen, die diese Produkte entwickeln, herstellen und vertreiben.
Die Gegenüberstellung der beiden Ausstellungen macht deutlich, dass Mode viele Gesichter hat. Fotografie als Medium liegt damit auch immer in der Hand des Künstlers oder Auftragsgebers. Oft erzählt sie die Geschichte der Schönheit, Kreativität und des Konsums, doch manchmal auch die Geschichte der Arbeit, Migration und des gesellschaftlichen Wandels.
Eine Ausstellung über Bilder und über die Gesellschaft, die sie hervorbringt
«Mise en Scène» lädt dazu ein, die Bilder neu zu betrachten, die unser Verständnis von Mode, Schönheit und Weiblichkeit bis heute prägen. Die Ausstellung zeigt, dass Modefotografie weit mehr ist als die Inszenierung von Kleidung. Sie dokumentiert gesellschaftliche Werte, kulturelle Ideale und wirtschaftliche Interessen und macht sichtbar, wie eng diese miteinander verbunden sind.
Die Fragen, die sich die Modefotografie seit mehr als hundert Jahren stellt, haben nichts an Aktualität verloren: Wie wollen wir gesehen werden? Welche Bilder prägen unser Selbstverständnis? Und was prägt unseren Blick auf Schönheit, Identität und Geschlechterrollen?
«Mise en Scène» ist zugleich die letzte grosse Sonderausstellung des Textilmuseums St.Gallen vor der umfassenden Erneuerung des Museums. Ab März 2027 wird das Haus für mehrere Jahre geschlossen, bevor es nach der Sanierung in neuer Form wiedereröffnet wird. Die Ausstellung markiert damit nicht nur einen Höhepunkt im Ausstellungsprogramm des Textilmuseums, sondern auch einen besonderen Moment in seiner Geschichte.
Textilmuseum St. Gallen Vadianstrasse 2 9000 St. Gallen Schweiz info@textilmuseum.ch www.textilmuseum.ch










