Neue Studie: Warum die letzten Delfine der Adria ausgerechnet den Fischerbooten folgen, die ihnen die Nahrung nahmen
Neue Studie dokumentiert Öko-Kollaps: Warum die letzten Delfine der Adria ausgerechnet den Fischerbooten folgen, die ihnen die Nahrung nahmen
• Grosse Tümmler in der Adria zur Nahrungssuche zunehmend auf Schleppnetzfischerboote angewiesen: In der italienischen Region Venetien folgten die Delfine jedem vierten Grundschleppnetz-Trawler, in der Region Marken gar drei von vier
• Symptom eines Öko-Kollapses: Kaum ein Meer der Welt ist so überfischt und von Schleppnetzen zerstört wie das adriatische
• Hunger zwingt zur Anpassung: Da ihre natürliche Beute so stark dezimiert wurde, müssen die Delfine ihr Verhalten ändern, um zu überleben
• Die Adria kann nicht mehr warten: OceanCare fordert im Einklang mit EU-Recht den raschen Ausstieg aus der Grundschleppnetzfischerei in der Adria und anderen sensiblen Gebieten des Mittelmeers
Eine neue wissenschaftliche Studie von Dolphin Biology and Conservation, einem Partner von OceanCare, dokumentiert erstmals, dass die Mehrheit der Grossen Tümmler – die letzte dort verbliebene Delfin- oder Walart – in zwei untersuchten Adria-Regionen mittlerweile stark auf Fischtrawler als Nahrungsquelle angewiesen ist.
Die Forschenden schlagen Alarm: Demnach spiegelt die Verhaltensanpassung der Delfine die Erschöpfung von natürlichen Beutebeständen in einem der weltweit am stärksten überfischten Meere wider.
Die in der Fachzeitschrift Frontiers in Mammal Science veröffentlichte Studie wertete Erhebungsdaten aus acht Jahren (2018–2025) aus, die auf insgesamt 17.755 Kilometer Fahrtstrecke vor den italienischen Regionen Venetien und Marken gesammelt wurden. Die Forschenden beobachteten 859 Trawler an 148 Fangtagen, um zu dokumentieren, ob Delfine in ihrem Kielwasser auftauchten.
Die Ergebnisse: Um zu überleben, folgen Delfine den Trawlern
Die Resultate sind eindrücklich. Delfine wurden hinter allen drei in der Adria eingesetzten Trawler-Typen beobachtet: Schiffe mit Grundscherbrettnetzen (Bodennetze mit Scherbrettern), Baumkurren (Bodennetze mit Stahlbalken) und Boote mit pelagischen Schleppnetzen (Netze zwischen zwei Booten im freien Wasser).
Im Durchschnitt folgten die Delfine jedem vierten Trawler (24,7%). Bei Trawlern mit Grundscherbrettnetzen – einer der zerstörerischsten Fangmethoden – stieg dieser Anteil auf über 40%. In der Region Marken hatten drei von vier (75,9%) Schiffe mit Grundscherbrettnetzen Delfine im Schlepptau.
Die Delfine sind dabei nicht einfach neugierig – sie suchen aktiv nach Nahrung: Sie fressen im Netz gefangene Fische, erbeuten durch das Fanggerät aufgewirbelte Lebewesen und fressen über Bord geworfenen Beifang. Mit anderen Worten: Sie haben ihr Verhalten angepasst, um in einem Meer zu überleben, das sie auf natürliche Weise nicht mehr ernähren kann.
Die Auswertung der Fotoidentifikationsdaten, die Individuen bestimmen und Auskunft über Sozialgefüge der Delfingruppen geben, untermauern die Erkenntnisse: 86% der identifizierten erwachsenen Delfine in Venetien und 90% in Marken wurden mindestens einmal bei der Nahrungssuche hinter Trawlern fotografiert.
Giovanni Bearzi von Dolphin Biology and Conservation und Hauptautor der Studie, mahnt:
“Auch wenn die Delfine an Tagen ohne Fangbetrieb weiterhin selbstständig jagen müssen, verbringen sie an Fangtagen einen Grossteil ihrer Zeit damit, in der Nähe der Schleppnetze nach Nahrung zu suchen. Eine derart starke Abhängigkeit von einer zerstörerischen Form der Fischerei ist ein deutliches Zeichen für einen ökologischen Zusammenbruch – nicht unähnlich dem Anblick von Eisbären, die auf Mülldeponien nach Fressbarem suchen.”
Die Adria: Weltweit eines der am stärksten überfischten Meere
Nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) werden 63 % der bekannten Fischbestände im Mittelmeer nicht nachhaltig befischt. In der untersuchten Region ist der Befischungsdruck doppelt so hoch wie das als nachhaltig geltende Ausmass.
Die Adria zählt zu den am intensivsten mit Schleppnetzen befischten Gebieten der Welt.
Die Grundschleppnetzfischerei – das Ziehen schwerer Netze über den Meeresboden – hat die Ökosysteme der Adria verwüstet. Reiche, dreidimensionale Lebensräume wurden zu eingeebneten Flächen reduziert.
Die Artenvielfalt ist weitgehend zusammengebrochen. Die Bestände der Knorpelfische – Haie und Rochen – gingen zwischen 1948 und 2005 um mehr als 94 % zurück. Gewöhnliche Delfine, einst in der gesamten Adria verbreitet, sind praktisch verschwunden.
Der Grosse Tümmler ist heute die einzige Delfin- oder Walart, die regelmässig in der nördlichen und mittleren Adria vorkommt. Dass selbst diese äusserst anpassungsfähige Art gezwungen ist, sich bei der Nahrungssuche auf Trawler zu verlassen, verdeutlicht das Ausmass der ökologischen Veränderung in der Region.
Ein Teufelskreis
Die Beziehung zwischen Delfinen und Trawlern ist für die Tiere selbst nicht ohne Risiko. Es ist bekannt, dass Grosse Tümmler gelegentlich durch Fanggeräte verletzt oder getötet werden. Zudem kann die Nahrungssuche hinter Trawlern die Ernährung, Sozialstruktur und Kommunikation der Meeressäuger beeinträchtigen.
Auch Hörschäden durch die chronische Belastung mit dem Lärm der Trawler sind möglich. Gerade angesichts der hohen Risiken für die Delfine weist die Verhaltensänderung darauf hin, dass es für die Tiere in der überfischten Adria zunehmend schwierig sein dürfte, abseits der Trawler noch ausreichend Beute zu finden. Für die Delfine ist es offenbar die bessere Wahl, diese Risiken einzugehen, als zu hungern.
Die Studie warnt: Eine weitere Förderung der Schleppnetzfischerei in der Adria ist nicht ratsam – weder zum Schutz der Delfine noch zur Bewahrung der Artenvielfalt insgesamt. Die Netze, an denen sich die Delfine heute gelegentlich nähren, sind dieselben Netze, die jenes Ökosystem zerstört haben, von dem die Delfine abhängen.
Randall R. Reeves, Senior-Autor der Studie und Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der U.S. Marine Mammal Commission, sagt:
“Wenn ein Grossteil der marinen Raubtiere dazu übergeht, sich opportunistisch rund um Fanggeräte zu ernähren, kann man ziemlich sicher sein, dass die menschliche Einflussnahme einen Kipppunkt erreicht hat. Das Folgen der Trawler mag die Nahrungsaufnahme eines einzelnen Delfins kurzfristig erhöhen, doch jeder Vorteil dieser opportunistischen Nahrungssuche wird zumindest teilweise wieder aufgewogen: durch die Verwüstung des Ökosystems und die Erschöpfung der Beutebestände, die das geschleppte Fanggerät verursacht.”
OceanCare fordert Massnahmen
Da die Schleppnetzfischerei den Ökosystemen der Adria tiefgreifenden Schaden zufügt, ist ihre weitere Nutzung abzulehnen – nicht nur zum Schutz der Delfine, sondern auch zur Bewahrung der reichen Artenvielfalt in dem Urlaubsparadies.
OceanCare fordert die Europäische Union und ihre Mitgliedsstaaten auf, den Ausstieg aus der Grundschleppnetzfischerei in der Adria und anderen sensiblen Meeresgebieten und Meeresschutzgebieten des Mittelmeers zu beschleunigen – im Einklang mit den Bestimmungen der EU-Habitat-Richtlinie und der Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie.
Die Ergebnisse der neuen Studie – und die Fülle an wissenschaftlicher Literatur, die schon zuvor von einer erschreckenden Umweltzerstörung in der Adria berichtete – machen deutlich: Freiwillige Massnahmen und schrittweise Zeitpläne reichen nicht aus. Das Ökosystem der Adria kann nicht warten.
Nicolas Entrup, Leiter Internationale Zusammenarbeit bei OceanCare, fordert daher:
“Die EU und ihre Mitgliedsstaaten haben sich verpflichtet, die Artenvielfalt der Meere umfassend zu schützen und die europäischen Gewässer wieder in einen “guten Zustand” zu versetzen – ein Ziel, das ausdrücklich im EU-Recht verankert ist. Die nach Nahrung suchenden Delfine zeigen uns auf die deutlichste denkbare Weise, dass wir diesen Verpflichtungen nicht nachkommen. Ein Meer, das einen “guten Zustand” erreichen soll, verträgt keine Grundschleppnetzfischerei. Eine derart zerstörerische Fischereimethode muss in der Adria – und weltweit – umgehend beendet werden.”
Weitere Informationen zur in Frontiers veröffentlichten Studie:
Die Studie wurde durchgeführt von Giovanni Bearzi, Silvia Bonizzoni (Dolphin Biology and Conservation, wissenschaftlicher Partner von OceanCare), Nathan B. Furey (University of New Hampshire) und Randall R. Reeves (US Marine Mammal Commission).
Weiterführende Informationen:
The Trawl Supremacy – ein Bericht von OceanCare
Verwendung der Fotos
Die angehängten Bilder sind frei nutzbar unter Angabe der Bildrechte (Dolphin Biology and Conservation).
Für Interviews verfügbar
Dr. Giovanni Bearzi, Dolphin Biology and Conservation, giovanni.bearzi@gmail.com
Nicolas Entrup, Leiter Internationale Zusammenarbeit, OceanCare, nentrup@oceancare.org
Über OceanCare
OceanCare setzt sich seit 1989 weltweit für die Meerestiere und Ozeane ein. Mit Forschungs- und Schutzprojekten, Umweltbildungskampagnen sowie intensivem Einsatz in internationalen Gremien unternimmt die Organisation konkrete Schritte zur Verbesserung der Lebensbedingungen in den Weltmeeren. OceanCare ist vom Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen als Sonderberaterin für den Meeresschutz anerkannt und ist offizielle Partnerorganisation in zahlreichen UN-Abkommen und internationalen Konventionen. OceanCare engagiert sich zudem in internationalen zivilgesellschaftlichen Bündnissen wie der High Seas Alliance, Seas at Risk, oder der #BreakFreeFromPlastic-Koalition.
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