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Gestrandeter Buckelwal in der Ostsee: Warum der bestehende Schutz für Meeressäuger oft nicht ausreicht

Gestrandeter Buckelwal in der Ostsee: Warum der bestehende Schutz für Meeressäuger oft nicht ausreicht
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Gestrandeter Buckelwal in der Ostsee: Warum der bestehende Schutz für Meeressäuger oft nicht ausreicht

PRESSEMITTEILUNG – 08.04.2026

  • Das tragische Schicksal des gestrandeten Buckelwals in der Ostsee zeigt, dass Meeressäuger in Deutschland und der EU zwar streng geschützt sind, dieser Schutz in der Praxis jedoch oft nicht greift.
  • OceanCare fordert daher von der deutschen Politik die konsequente Umsetzung bestehender Schutzverpflichtungen – insbesondere in der Fischerei sowie bei der Verschmutzung durch Unterwasserlärm und Plastik.
  • OceanCare fordert erneut eine regionale Temporeduktion in der Schifffahrt für die Nord- und Ostsee. Diese würde gleichzeitig Lärm, Emissionen und Kollisionsrisiken mit Meerestieren senken.
  • Die jüngste Ausweisung von drei Schutzgebieten für die stark bedrohten Ostsee-Schweinswale ist ein wichtiger Schritt. Sie wird aber nur dann wirksam, wenn nun auch konkrete Maßnahmen und konsequente Umsetzung folgen.

Nachdem Fachleute den in der deutschen Ostsee gestrandeten Buckelwal am Dienstag erneut untersucht haben, gilt eine Rettung des Tieres als ausgeschlossen. Während sich der Gesundheitszustand des Wales weiter verschlechtert, steht das finale Gutachten noch aus. Laut den Experten deuten Verletzungen des Wales auf mögliche menschliche Einwirkungen hin – sowohl ältere als auch jetzt sichtbar gewordene Verletzungen.

OceanCare betont, dass die genaue Ursache für das Verirren und die wiederholte Strandung des Tieres erst auf Basis gesicherter fachlicher Erkenntnisse abschließend eingeordnet werden kann. Gleichzeitig zeigt der Fall bereits jetzt mit großer Deutlichkeit: Meeressäuger sind in Deutschland und in der Europäischen Union zwar streng geschützt, doch dieser Schutz greift in der Praxis zu oft nicht.

Dabei gehört das EU-Recht eigentlich zu den strengsten weltweit: Die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie schützt Wale und Delfine umfassend, die Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie verpflichtet die Mitgliedstaaten zu einem guten Umweltzustand der Meere, und mit ASCOBANS bestehen zudem internationale Schutzverpflichtungen für Kleinwale in Nord- und Ostsee. Gerade deshalb wird deutlich: Entscheidend ist nicht das alleinige Vorhandensein von Regeln, sondern ihre tatsächliche Umsetzung.

Das Schicksal des Buckelwals bewegt viele Menschen. OceanCare teilt diese Betroffenheit und dankt den zahlreichen Involvierten für ihre Anstrengungen. Nun ist entscheidend, die Situation sachlich einzuordnen – und konkrete politische Maßnahmen folgen zu lassen.

Ein tragischer Fall mit klarem politischem Auftrag

Walstrandungen sind oft keine isolierten Naturereignisse, sondern traurige Anlässe, die nach wie vor bestehenden Schutzlücken zu adressieren. Zahlreiche menschliche Aktivitäten im Meer stehen noch immer nicht im Einklang mit dem geltenden Schutz von Meeressäugern.

Dazu gehören insbesondere destruktive Fischereimethoden wie die Schleppnetzfischerei sowie die Verschmutzung der Meere mit verlorenem oder unsachgemäß entsorgtem Fischereigerät. Zudem stresst und desorientiert der zunehmende Unterwasserlärm Wale, schnell fahrende Schiffe kollidieren zudem häufig mit den Tieren. Auch der gestrandete Buckelwal soll laut den Experten im Laufe seines Lebens Verletzungen erlitten haben, die von einer Schiffsschraube und von Fischernetzen stammen könnten.

Nicolas Entrup, Leiter Internationale Zusammenarbeit bei OceanCare, sagt:

„Der gestrandete Buckelwal führt uns die Lücke zwischen Schutzanspruch und Realität schmerzhaft vor Augen. Meeressäuger sind zwar streng geschützt, doch zu oft fehlt es an der konsequenten Umsetzung der Gesetze. Damit weniger Tiere leiden, stranden und sterben, müssen die bestehenden Regeln endlich wirksam angewendet werden. Und dort, wo es nötig ist, auch verschärft werden.“

Besonders dringlich ist dies mit Blick auf den vom Aussterben bedrohten Schweinswal in der Ostsee. Mit weniger als 500 Individuen zählt die einzige in der Ostsee heimische Walart zu den am stärksten bedrohten Meeressäugern weltweit. Die jüngste Ausweisung dreier neuer Schutzgebiete durch Schleswig-Holstein ist deshalb ein positives und wichtiges Signal. Diese Schutzgebiete werden ihren Wert jedoch nur dann entfalten, wenn den Worten auch Taten folgen.

OceanCare fordert daher von der deutschen Politik auf nationaler, regionaler und internationaler Ebene folgende Schritte:

  • Strikte und wirksame Schutzmaßnahmen für den Schweinswal in der Ostsee. Maßgeblich hierfür ist die konsequente Umsetzung der bestehenden und jüngst geschaffenen Schutzbestimmungen.
  • Eine deutliche Reduktion des Unterwasserlärms in Nord- und Ostsee, auch durch die Ausweitung des bestehenden Schallschutzkonzepts in der Nordsee auf alle deutschen Meere. Da Meeressäuger Schall für Orientierung, Kommunikation und Nahrungssuche nutzen, stellt Lärm eine unmittelbare Bedrohung für das Überleben der Tiere dar. Durch die Ausweitung des Schallschutzkonzepts soll der nach EU-Meeresstrategie (MSRL) geforderte gute Umweltzustand der Meere erreicht werden.
  • OceanCare fordert ein Verbot seismischer Aktivitäten für die Suche nach Öl- und Gasvorkommen in allen deutschen Gewässern.
  • Eine verbindliche Temporeduktion in der Schifffahrt in Zusammenarbeit mit den Nachbarstaaten in Nord- und Ostsee. Allein durch die Umsetzung einer Temporeduktion in der Schifffahrt werden Treibstoffverbrauch, Treibhausgasemissionen, Unterwasserlärm und das Risiko für Kollisionen mit Walen gesenkt.
  • Mehr Schutz vor den schädlichen Auswirkungen der Fischerei. Dazu gehört insbesondere ein entschlossenes Vorgehen gegen verloren gegangenes oder unsachgemäß entsorgtes Fischereigerät sowie die Senkung der Beifangraten. Besonders zerstörerische Fischereiaktivitäten, wie z.B. die Grundschleppnetzfischerei, gilt es grundsätzlich gänzlich bis zum Jahr 2030 einzustellen.

OceanCare verweist zudem auf die internationale Dimension solcher Fälle. Viele Bedrohungen für wandernde Meeressäuger kennen keine Staatsgrenzen. Geisternetze und Plastikverschmutzung bedrohen Meerestiere weltweit. Deshalb setzt sich OceanCare für ein verbindliches globales Plastikabkommen ein. Dieses soll die Ursachen der Vermüllung der Meere adressieren, die Problematik von Geisternetzen aufgreifen und zusammen mit dem neuen Hochseeschutzabkommen bessere Lösungen für wandernde Arten wie Buckelwale schaffen.

Auch der zunehmende Unterwasserlärm ist ein grenzüberschreitendes Problem. Stetiger Lärm durch die Schifffahrt und explosionsartige Lärmemissionen durch bestimmte industrielle, militärische oder seismische Aktivitäten beeinträchtigen nicht nur Meeressäuger, sondern die gesamte marine Tierwelt massiv. Buckelwale sind – wie andere Wale – auf Akustik für Kommunikation und Orientierung angewiesen. Eine wirksame Meerespolitik muss deshalb nationale Maßnahmen mit regionaler und internationaler Zusammenarbeit verbinden.

OceanCare betont zugleich, dass das Wohlbefinden des einzelnen Tieres immer an erster Stelle stehen muss. Entscheidungen über Rettungsmaßnahmen, Begleitung oder gegebenenfalls Euthanasie müssen von den zuständigen Fachleuten und Behörden auf Basis des Gesundheitszustands des Tieres getroffen werden. Die öffentliche Aufmerksamkeit für den Buckelwal ist jedoch auch eine Chance: Menschen nehmen meist stärker Anteil am Schicksal eines einzelnen Tieres als an abstrakten Bedrohungen. Gerade deshalb kann dieser Fall helfen, auf die größeren Zusammenhänge hinzuweisen – und auf die politische Verantwortung, die Lebensbedingungen für Meeressäuger wirksam zu verbessern.

Fabienne McLellan, Geschäftsführerin von OceanCare, fordert daher:

„Die Aufmerksamkeit für den gestrandeten Buckelwal darf nicht bei Betroffenheit enden. Sie muss zu besseren Schutzbedingungen für alle Meeressäuger führen. Gleichzeitig bietet der Fall die Gelegenheit zum Innehalten und dazu, die Auswirkungen unseres Konsumverhaltens zu hinterfragen. Ob Plastikmüll in den Meeren oder Fisch, der oft durch destruktive Fangmethoden auf unseren Tellern landet: Die Meereswelt leidet unter unserem Konsum und wird schlimmstenfalls zum Kollateralschaden. Wenn wir Wale und andere Meeresfauna wirklich schützen wollen, müssen wir auch bereit sein, unser Verhalten zu verändern.”

Unterstützendes Bildmaterial

Eine Bildauswahl zu Buckelwalen stellen wir Ihnen über folgenden Link zur Verfügung. Die Nutzung ist unter Angabe des im Dateinamen angegebenen Copyrights möglich.

Beitragsbild: Wal_Buckelwal_copyright A. Zollinger_2012

https://drive.google.com/drive/folders/18ASKQODwIO2Hk1XRDP6pZa6Ej9pu2N_3

Pressekontakt

Über OceanCare

OceanCare ist eine Nichtregierungsorganisation, die sich international für die Weltmeere engagiert. Gegründet 1989 in der Schweiz, setzt sie sich für die Wiederherstellung der Meeresumwelt sowie den Schutz der Meerestiere ein und kombiniert dabei Forschung, Schutzprojekte und Bildung. OceanCare kümmert sich unter anderem um Themen wie Meeresverschmutzung, Klimawandel, Jagd auf Meeressäuger und Umweltfolgen der Fischerei. Diese Arbeit wird von einem Team mit wissenschaftlicher, juristischer und politischer Expertise unterstützt und umfasst eine strategische Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Organisationen und Koalitionen auf der ganzen Welt. OceanCare ist ein offiziell akkreditierter Partner und Beobachter bei mehreren UN-Konventionen sowie weiteren internationalen Foren. www.oceancare.org

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OceanCare, Gerbestrasse 6, CH-8820 Wädenswil
Tel +41 44 780 66 88,  presse@oceancare.org, www.oceancare.org
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