Neue Studie: Wissenschaftler rufen zum Schutz des solitär lebenden Delfins «Mimmo» in Venedig auf
Acht Monate in Venedig: Wissenschaftler rufen zum Schutz des solitär lebenden Delfins «Mimmo» auf
PRESSEMITTEILUNG – 25.02.2026
Seit acht Monaten hält sich ein solitär lebender Grosser Tümmler in der Lagune von Venedig auf – unmittelbar vor einer der meistbesuchten Kulissen Europas. Eine neue wissenschaftliche Studie warnt vor erheblichen Risiken durch Bootsverkehr und menschliche Annäherung und fordert klare Schutzmassnahmen sowie ein verantwortungsvolles Verhalten der Öffentlichkeit, um das Überleben des Delfins zu sichern.
Venedig, Italien: Venedig, eines der meistbesuchten Reiseziele der Welt, beherbergt seit acht Monaten einen aussergewöhnlichen Gast: einen Grossen Tümmler (Tursiops truncatus), der sich dauerhaft in den Gewässern der Lagune von Venedig aufhält und regelmässig nahe der Piazza San Marco gesichtet wird. Während die Präsenz des Delfins grosse öffentliche Aufmerksamkeit erzeugt, wächst unter Fachleuten die Sorge um seine Sicherheit. Vergleichbare Fälle solitär lebender Delfine endeten in der Vergangenheit nicht selten tödlich – häufig infolge menschlicher Annäherung, Störung oder Bootsverkehrs.
Eine heute in Frontiers in Ethology veröffentlichte wissenschaftliche Studie fordert deshalb gezielte Schutzmassnahmen für den Delfin „Mimmo“. Die Autoren analysieren sein Verhalten, dokumentieren die Risiken seines Aufenthalts in einem stark frequentierten urbanen Küstengewässer und plädieren für die konsequente Einhaltung bestehender italienischer und internationaler Schutzbestimmungen. Zudem empfehlen sie die Ausarbeitung eines spezifischen Massnahmenplans, um die Sicherheit des Tieres zu gewährleisten.
Ungewöhnlicher Langzeitaufenthalt
Grosse Tümmler sind zwar im Adriatischen Meer heimisch, doch das Vordringen in die Lagune von Venedig ist ungewöhnlich – ein monatelanger Verbleib noch mehr. „Mimmo“ wurde erstmals im Juni 2025 gesichtet und hält sich seither kontinuierlich in der Lagune auf. Forschende der Universität Padua sowie des Naturhistorischen Museums Venedig überwachen das Tier regelmässig. Nach aktuellen Einschätzungen befindet sich der Delfin in gutem Ernährungs- und Gesundheitszustand und profitiert von einem reichhaltigen Nahrungsangebot, insbesondere Meeräschen, in den Lagunengewässern.
Gleichzeitig ist das Risiko hoch. Zur Minimierung von Störungen entwickelte das Forschungsteam einen Verhaltenskodex: Boote sollen einen Mindestabstand von 50 Metern einhalten, keine abrupten Kurs- oder Geschwindigkeitsänderungen vornehmen, nicht rückwärtsfahren und geltende Tempolimits strikt befolgen. Die Öffentlichkeit wird ausdrücklich aufgefordert, sich dem Tier nicht zu nähern, es weder zu berühren noch zu füttern und keine Gegenstände ins Wasser zu werfen.
Erste Verletzungen dokumentiert
Trotz dieser Empfehlungen kam es zu wiederholten Annäherungen durch Boote und Einzelpersonen. Im November wurde der Delfin mit Verletzungen gesichtet, die womöglich von einer Kollision mit einer Schiffsschraube herrühren. Behörden versuchten daraufhin, das Tier aus dem Bereich nahe des Markusplatzes zu vertreiben. Obwohl diese Intervention zunächst Wirkung zeigte, kehrte der Delfin kurze Zeit später zurück und belegt, die Inneffizienz einer solchen Massnahme.
Besondere Vulnerabilität solitär lebender Delfine
Laetitia Nunny, Senior Science Officer bei OceanCare und Expertin für solitär lebende Delfine, begrüsst die Veröffentlichung und Schlussfolgerungen der Studie und betont die besondere Gefährdung sogenannter solitär lebender Individuen: „Solitär lebende Delfine tragen ein erhöhtes Risiko für Schiffskollisionen, da sie über längere Zeiträume die Nähe zu Menschen und Booten suchen oder tolerieren. Zeitgleich mit den ersten Sichtungen in Venedig verstarb in Spanien der langjährig bekannte solitär lebende Delfin ‚Confi‘ infolge einer mutmasslichen Propellerverletzung. Es ist entscheidend, dass sich ein solcher Verlauf hier nicht wiederholt.“
Schutz durch Koexistenz statt Verdrängung
Die Autoren diskutierten zudem mögliche Vertreibungsmassnahmen, darunter akustische Abschreckungssysteme sowie das Einfangen und Umsiedeln. Aus ökologischen und ethischen Gründen wurden diese Optionen jedoch verworfen. Die Studie kommt zum Schluss, dass die angemessenste Strategie darin besteht, die Präsenz des Delfins zu akzeptieren und konsequent auf Schutz, Aufklärung und verantwortungsvolles Verhalten zu setzen.
Der Hauptautor Giovanni Bearzi ordnet die Situation in einen grösseren ökologischen Zusammenhang ein: „Der Delfin in der Lagune von Venedig versucht unter anspruchsvollen Bedingungen zu überleben. Die nördliche Adria ist stark überfischt, viele Lebensräume sind erheblich beeinträchtigt. Es überrascht daher nicht, dass ein nahrungsreiches Gebiet wie die Lagune von Venedig einen Delfin anzieht. Entscheidend ist nun, dass wir lernen, mit diesem Wildtier zu koexistieren – mit Umsicht, Respekt und wissenschaftlich fundierten Massnahmen.“
Pressekontakt
- Nicolas Entrup, Leiter Internationale Zusammenarbeit, OceanCare, +43 660 211 9963, nentrup@oceancare.org
Zusätzliche Informationen zum in Frontiers in Ethology veröffentlichten Artikel:
Titel des Artikels: Fallbericht: Der „Delfin von Venedig“ – Management eines solitär lebenden Grossen Tümmlers in der Lagune von Venedig (Case Report: The ‘dolphin of Venice’: management of a solitary bottlenose dolphin in the Venetian Lagoon)
Autoren: Giovanni Bearzi1,2, Sandro Mazzariol3, Luca Mizzan4, Giuseppe Notarbartolo di Sciara5, Marco Bonato3, Luca Ceolotto3 and Guido Pietroluongo3
¹ Dolphin Biology and Conservation, Cordenons (PN), Italien
² OceanCare, Wädenswil, Schweiz
³ Department of Comparative Biomedicine and Food Science, Universität Padua, Padua, Italien
⁴ Naturhistorisches Museum Giancarlo Ligabue, Venedig, Italien
⁵ Tethys Research Institute, Mailand, Italien
Zitierweise: Bearzi G, Mazzariol S, Mizzan L, Notarbartolo di Sciara G, Bonato M, Ceolotto L and Pietroluongo G (2026) Case Report: The ‘dolphin of Venice’: management of a solitary bottlenose dolphin in the Venetian Lagoon. Front. Ethol. 5:1770678. doi: 10.3389/fetho.2026.1770678
>>> Hochauflösendes Bildmaterial ist hier verfügbar. Die jeweiligen Bildrechte sind im Dateinamen vermerkt.
Weiterführende Informationen
Weiterführende Informationen über solitär lebende Delfine, einschliesslich weiterer wissenschaftlicher Publikationen zu ihren Bestandszahlen, Vorkommensgebieten und Empfehlungen wissenschaftlich fundierte Massnahmen:
- OceanCare: Solitäre Delfine: Risiken und Umgang
- Wissenschaftliche Publikation: Nunny L and Simmonds MP (2019) A Global Reassessment of Solitary-Sociable Dolphins. Front. Vet. Sci. 5:331. doi: 10.3389/fvets.2018.00331
--- OceanCare, Gerbestrasse 6, CH-8820 Wädenswil Tel +41 44 780 66 88, presse@oceancare.org, www.oceancare.org
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