Alle Meldungen
Folgen
Keine Story von Stiftung Menschen für Menschen Schweiz mehr verpassen.

Stiftung Menschen für Menschen Schweiz

Männer an den Herd
Menschen für Menschen setzt in Äthiopien auf "Vorbildfamilien"

Männer an den Herd / Menschen für Menschen setzt in Äthiopien auf "Vorbildfamilien"
  • Bild-Infos
  • Download

Zürich/Raphe (ots)

"Die Leute fragen mich: Bist du eine Frau geworden?", sagt Kipe Tadesse und lächelt. Der Kleinbauer aus Südäthiopien kocht, wäscht und kümmert sich um seine Kinder. Im Dorf gilt das als Frauenarbeit. Wenn Kipe vor seinem Haus Injera backt, das Fladenbrot Äthiopiens, schauen Passanten verwundert. "Wenn sie über mich lachen, lache ich mit", sagt er. "Ich weiss, mit der Zeit werden sie nicht mehr lachen."

Hinter Kipes Verhalten steckt ein neuer Ansatz im Kampf gegen Armut. Menschen für Menschen bildet im Bezirk Raphe sogenannte "Vorbildfamilien" aus. Paare lernen, Hausarbeit und Verantwortung gerechter zu teilen und wichtige Entscheidungen gemeinsam zu treffen. Frauen gewinnen dadurch Zeit, sich weiterzubilden und eigenes Geld zu verdienen.

Rund 90 Familien haben an den Schulungen durch einheimische Fachkräfte teilgenommen. 30 Paare gehen nun als Vorbilder voran. Nachbarn sollen sehen, dass sich ihr Leben verändert, und ihrem Beispiel folgen.

Wenn Frauen Zeit fehlt

Raphe ist ein besonders armer Bezirk im Süden Äthiopiens. Neun von zehn Familien haben nicht das ganze Jahr über genug zu essen. Die meisten leben von kleinen Feldern. Die Familien wachsen, das Land nicht. Althergebrachte Anbaumethoden bringen oft nur geringe Erträge.

Doch die Not hat noch einen weiteren Grund: die tief verwurzelte Rollenverteilung. Für Kinder und Haushalt sind fast ausschliesslich Frauen zuständig. Nur in drei von zehn Familien beteiligt sich der Vater an diesen Aufgaben, so die Ergebnisse einer Befragung von Menschen für Menschen. Frauen verbringen im Durchschnitt mehr als zehn Stunden täglich mit unbezahlter Haus- und Carearbeit. Auch bei wichtigen Entscheidungen sind sie benachteiligt: In 51 Prozent der befragten Familien hat der Vater das Sagen, nur in 16 Prozent entscheiden die Eltern gemeinsam.

Die Folgen sind auch wirtschaftlich spürbar. Wer von früh bis spät Wasser holt, Feuerholz sammelt, kocht und wäscht, hat kaum Zeit, sich weiterzubilden oder eigenes Geld zu verdienen.

Kein Gegeneinander mehr

Auch bei Kipe und seiner Frau Tigist war die Arbeit früher klar verteilt. "Wenn ein Kind weinte, sagte ich zu Tigist: Kümmere dich!", erzählt Kipe. Seine Frau erinnert sich: "Wenn er mir Anweisungen gab, wurde ich wütend. Ständig gab es Streit, es war ein Gegeneinander." Heute hängt in ihrem kleinen Lehmhaus eine Art Stundenplan an der Wand. Darauf halten die beiden fest, wie sie die täglichen Aufgaben verteilen. Kipe betreut die Kinder, kocht und spült ab. Tigist hilft ihrerseits auf dem Feld.

"Wir Männer haben nie darüber nachgedacht, was wir unseren Frauen aufbürden", sagt Kipe. "Ich bedaure das jetzt. Jetzt verstehe ich, dass wir nur gemeinsam vorankommen." Die neue Arbeitsteilung eröffnet Tigist auch wirtschaftliche Möglichkeiten. "Früher war Tigist die ganze Zeit überlastet", sagt Kipe. "Heute kann sie als Köchin an der Grundschule arbeiten, weil ich auf die Kinder aufpasse."

Doch verändert hat sich nicht nur das Einkommen. Während des Gesprächs kommt der dreijährige Simon vom Spielen nach Hause. Wortlos lehnt er sich an seinen Vater. Kipe küsst ihn auf die Stirn. "Ich bin meinen Kindern heute viel näher", sagt er. "Es gibt mehr Frieden und Liebe zwischen uns", bilanziert Tigist. "Wir streiten kaum noch."

Erst ausgelacht, dann nachgeahmt

Menschen für Menschen will in Raphe insgesamt 3600 besonders arme Familien dabei unterstützen, Hunger und Armut dauerhaft zu überwinden. Die "Vorbildfamilien" sind Teil eines umfassenden Programms. Agrarfachleute helfen Kleinbauern, ihre Ernten zu steigern und Produkte für den Markt anzubauen. Spar- und Kreditgruppen ermöglichen Investitionen und neue Einkommensquellen. Zur Arbeit gehören ausserdem Familienplanung und der Zugang zu Verhütungsmitteln.

Die Idee der "Vorbildfamilien": Andere Paare sehen, was sich bei ihnen verändert, und folgen ihrem Beispiel. Dass das funktionieren kann, zeigt Kipes Freund und Nachbar Melkamu Ayele. "Ich war einer von denen, die den Kopf über ihn schüttelten und lachten", erzählt der 30-Jährige. Doch bei Besuchen beobachtete er, wie Kipe und Tigist miteinander umgingen. "Nach einiger Zeit wurde ich neidisch."

Eines Tages kam Melkamu nach Hause und sah, wie viel seine Frau Nebret zu tun hatte. "Ich begann zu fegen, nachdem ich die Haustür geschlossen hatte." Bald darauf ging er zu Kipe und liess sich erklären, wie die beiden ihre Aufgaben teilen. Heute teilen auch Melkamu und Nebret die Arbeit im Haushalt. Nebret nutzt die gewonnene Zeit, um mit dem Handeln von Bohnen eigenes Geld zu verdienen.

Menschen für Menschen setzt sich gegen Armut und Hunger ein. Die Stiftung wurde von dem Schauspieler Karlheinz Böhm (1928 - 2014) gegründet. Im Geiste des Gründers schafft das Schweizer Hilfswerk Lebensperspektiven für die ärmsten Familien in Äthiopien. Ziel der Arbeit ist es, dass sie in ihrer Heimat menschenwürdig leben können. Schwerpunkte der einzelnen Projekte sind Frauenförderung, Berufsbildung, Mikrokredite, Kinderhilfe, Familienplanung und landwirtschaftliche Entwicklung. Die Komponenten werden nach den lokalen Bedürfnissen kombiniert und mit sorgfältig ausgewählten einheimischen Partnern umgesetzt.

Spendenkonto:

Postkonto 90-700 000-4

IBAN: CH97 0900 0000 9070 0000 4

Online spenden: www.mfm.ch

Für zusätzliche Informationen oder Interviews mit Experten, wenden Sie sich bitte an:

Michael Kesselring | m.kesselring@mfm.ch | Tel.: +41 (0)43 499 10 60

Weitere Meldungen: Stiftung Menschen für Menschen Schweiz
Weitere Meldungen: Stiftung Menschen für Menschen Schweiz