Signal der Stärke, Börsenkommentar "Marktplatz", von Thorsten Kramer.

   

Frankfurt (ots) - Die aktuelle Performance des deutschen Aktienmarktes macht Eindruck. Obwohl die Ratingagentur Standard&Poor's am Donnerstagabend die spanische Bonitätsnote auf "BBB+" herabgestuft und damit nach Einschätzung vieler Beobachter erneut einen Warnschuss in Richtung Eurozone abgefeuert hat, ist vor dem Wochenende der von manchem befürchtete Kursrutsch ausgeblieben. Auf Sicht von fünf Tagen behauptete sich der Leitindex Dax somit auf einem Niveau oberhalb von 6750 Zählern und arbeitet damit weiterhin daran, einen Boden als Basis für den nächsten Kursanstieg zu bilden.

Das ist ein deutliches Signal der relativen Stärke. Denn angesichts der zunehmenden Sorgen über die Verfassung der spanischen Wirtschaft und der dortigen Staatsfinanzen, angesichts der mit der Stichwahl in Frankreich verbundenen Unsicherheiten und angesichts der rezessiven Tendenzen in Großbritannien sowie manch enttäuschender Konjunkturdaten aus den USA und der Eurozone hätte man sich sehr wohl eine deutlich schwächere Entwicklung am deutschen Aktienmarkt vorstellen können. Es hat sie aber nicht gegeben, weil es auf einem Niveau zwischen 6500 und 6600 Punkten im Dax ganz offensichtlich hohes Interesse vieler Investoren an einem Aufbau oder Ausbau von Aktienpositionen gibt.

Allzu sorglos sollten Marktteilnehmer sich nun natürlich nicht positionieren. Kurzfristig werden allein die bevorstehenden Wahlen in Frankreich und Griechenland am 6.Mai zu einem latent unruhigen Sentiment beitragen, weil zu befürchten ist, dass im Anschluss daran die Debatte über den passenden Weg heraus aus der Schuldenkrise neu aufleben wird - insbesondere dann, wenn Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy in der Stichwahl seinem Herausforderer François Hollande unterliegt. Ein Kurseinbruch wie zur Mitte der beiden Vorjahre ist in diesem Börsenjahr jedoch nicht zu befürchten, insbesondere weil die US-Konjunktur inzwischen in deutlich besserer Verfassung ist und Investoren bereits Risikoanlagen reduziert haben, also recht defensiv positioniert sind. Die aktuelle Markttendenz spricht jedenfalls dafür, dass Anlagestrategen von Banken, die längerfristig, also mit Blick auf den Herbst, tendenziell mit steigenden Notierungen rechnen, richtig liegen dürften.

Der deutsche Aktienmarkt erfährt Unterstützung durch einen vergleichsweise stabilen Gewinntrend. Nachdem Analysten vor dem Auftakt der laufenden Berichtssaison in Reaktion auf die zuletzt häufig ernüchternden Konjunkturdaten ihre Schätzungen nach unten angepasst hatten, gelang es jenseits des Atlantiks annähernd acht von zehn Unternehmen, die Prognosen der Analysten zu übertreffen. Ein ähnliches Bild erwarten Marktanalysten auch hierzulande, allerdings mit klaren Unterschieden zwischen einzelnen Sektoren. So glaubt der Konsens im Automobilsektor an einen kräftigen Anstieg der Umsätze und Gewinne, für Versorger beispielsweise wird dagegen mit einem weiteren Umsatzminus gerechnet. Unter dem Strich zeichnet sich allerdings ab, dass sich der Trend zu positiven Gewinnrevisionen verfestigt. In der Vergangenheit, so zeigt eine Analyse der Landesbank Hessen-Thüringen, rückten die Aktienkurse gerade in solchen Phasen zumeist überdurchschnittlich vor.

Für Investoren, die auf dem aktuellen Dax-Niveau Aktien (zu-)kaufen wollen, kommt es also auf die Titelauswahl an. Anlagestrategen raten zu den Papieren von Unternehmen, die bewiesen haben, dass sie die Erträge auch bei einer zähen Entwicklung der Umsätze steigern können. Aus dem Kreis der Dax-Konzerne sind dies etwa BMW, SAP und Henkel. Bei der Lufthansa, bei der neben strengen Sparmaßnahmen vor dem Wochenende auch über die Gründung einer eigenen Billigfluglinie spekuliert wurde, sowie bei ThyssenKrupp zeigen sich Strategen dagegen eher skeptisch.

Als Voraussetzung für einen erneuten Anstieg der Kurse stufen Analysten ein, dass die harten konjunkturellen Fakten alsbald die von den Frühindikatoren initiierten Hoffnungen bestätigen. Dies würde die Einschätzung untermauern, dass die jüngste Abkühlung der Wirtschaft als eine typische Verschnaufpause im Zuge eines Zyklus zu sehen ist. Als weiterer potenzieller Impulsgeber gilt zudem nach wie vor eine zusätzliche außerordentliche Lockerung der Geldpolitik der großen Notenbanken - auch wenn Währungshüter solche Pläne zurzeit weit von sich weisen. Daher steht die nächste Sitzung der Europäischen Zentralbank in der neuen Woche besonders im Fokus.

(Börsen-Zeitung, 28.4.2012)

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