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Bundespräsident Moritz Leuenberger

Rede von Moritz Leuenberger auf dem Rütli

Bern (ots)

Staatsbesuch Seiner Exzellenz Herrn Vaclav Havel, Präsident der
Tschechischen Republik und Frau Dagmar Havlova in der Schweiz 28. -
29. Juni 2001
Herr Präsident Sehr geehrte Frau Havlova Liebe Gäste
Als Erstes möchte ich meinem Gast Vaclav Havel
danken, dafür, dass wir heute überhaupt hier auf dem Rütli sind. Ich
gestehe ganz offen, es war seine Idee, auf die Rütliwiese zu kommen.
Und ich gestehe, dass ich zuerst Mühe mit diesem Wunsch hatte. Denn
das Symbol des Rütli wird oft für eine Schweiz verwendet, die sich
abschliesst und alte Mythen konserviert.
Ich hätte Vaclav Havel gerne meine Schweiz zeigen und mit ihm
moderne, städtische Orte besuchen wollen. Das Rütli hingegen ist ein
nationaler Mythos, es ist ein Symbol für trutzigen Widerstand gegen
feindliche Mächte in einer kriegerischen Zeit. Ein solcher Ort passt
doch nicht in die heutige Zeit, wo die Schweiz von lauter Freunden
umgeben ist, dachte ich.
Vaclav Havel, Sie haben einmal gesagt: Wir müssen den Versuch
wagen, in der Wahrheit zu leben. Sie haben dies auf ein
diktatorisches Regime bezogen. Aber es gilt auch für Demokratien, und
es gilt für die Schweiz. Es gilt für eine vorwärtsblickende Schweiz,
die sich öffnen will, und es gilt für die traditionalistische
Schweiz, welche die Vergangenheit glorifiziert und bleiben will, was
sie war.
In der Wahrheit zu leben heisst für die Einen, Mythen an der
Gegenwart kritisch zu überprüfen. Und es heisst für die Andern, die
für eine solidarische Schweiz einstehen, sich mit Traditionen und
Mythen auseinander zu setzen und ihre Werte zu entdecken. Wir alle
müssen den Mut haben, sowohl unserer Geschichte wie unserer Gegenwart
ins Auge zu schauen.
Aber: Einen würdigen Ersatz für international anerkannte und im
Volk verankerte Rituale zu finden, ist nicht ganz einfach. So
betrachte ich es aber schon als einen grossen Fortschritt, dass der
etwas martialische Fahnenmarsch bei den militärischen Ehren durch den
aufklärerischen Idomeneo Marsch von Mozart ersetzt wurde. Ein anderer
Versuch ist, unseren Aufenthalt hier auf der Rütliwiese mit neuen
Inhalten zu füllen. Mit der Musik, die hier sowohl traditionell als
auch avantgardistisch gespielt wird, haben sich auch hier andere
Akzente setzen lassen. Doch das ist bloss die symbolische Form. Es
geht vor allem um den Inhalt. Die Bedeutung des Rütli selber hat auch
eine Gegenwart, nicht nur eine Vergangenheit. Wir müssen also das
Rütli von heute suchen. Auch da werden wir in der Geschichte fündig:
Das Rütli ist im Bundesbrief niedergeschrieben. Und darin geht es
nicht nur um fremde Richter und den Gesslerhut. Da steht: 'In Gottes
Namen. Das öffentliche Ansehen und Wohl erfordert, dass
Friedensordnungen dauernde Geltung gegeben werde."
Den drei Eidgenossen ging es also nicht in erster Linie um die
Abschottung vor dem Fremden, sondern es ging ihnen um die Wahrung des
sozialen Friedens und um den gemeinsamen Schutz vor Bedrohungen und
Gefahren.
Heute können wir mit gutem Gewissen sagen, dass der soziale
Frieden in der Schweiz gesichert ist. Ist aber dieser Friede
nachhaltig, wenn nicht auch unsere Nachbarn in Europa und die ganze
Staatengemeinschaft in Frieden leben? Können wir nicht durch einen
Beitrag zum Frieden in Europa und auf der ganzen Welt auch unseren
Frieden besser abstützen?
Wir können uns glücklich schätzen, dass 'Leib und Gut in unseren
Tälern" nicht mehr bedroht sind. Dies ist knapp zwei Flugstunden von
hier, im Balkan, nicht der Fall. Wir haben in der Schweiz erkennen
müssen, dass die Verletzung von Menschenrechten in einem anderen Land
uns etwas angehen. Die Flüchtlinge, die zu uns kamen, haben auch
unser Land verändert. Wir wissen ebenfalls: Die Zerstörung der
natürlichen Lebensgrundlagen und die Klimaveränderung sind reelle
Gefahren.
Der Anfang des Bundesbriefs und die UNO-Charta sind in ihrem
Grundanliegen sehr ähnlich. Darum bin ich fast sicher: Heute würden
die drei Eidgenossen auf die UNO-Menschenrechtspakte und das
Kyoto-Protokoll schwören.
Ich habe das Rütli auch in Ihrer Heimat gefunden, lieber Vaclav
Havel. Beim Rütli-Schwur wie auch bei der Charta 77 sind drei
Individuen im Mittelpunkt gestanden, welche sich gegenüber
ungerechten und übermächtigen Strukturen auflehnten. Die drei
Eidgenossen kämpften für den sozialen Frieden und ihre Freiheit vor
einem Reichsverband. Die Charta 77 kämpfte für die Menschenrechte und
für Freiheit innerhalb eines totalitären menschenverachtenden
Systems. Beide bereiteten im Rahmen der jeweiligen Verhältnisse den
Weg für den Sieg der Freiheit des Individuums und der Demokratie.
Ich bin froh, lieber Vaclav Havel, dass ich dank Ihnen das Rütli
heute auch als Symbol für meine Heimat sehen kann. Es steht für eine
Heimat, für die jeder Mann und jede Frau eine persönliche
Verantwortung übernehmen kann. Das Rütli ist ein Symbol für alle
Menschen, welche Freiheit und Frieden für alle wollen.
Vaclav Havel, Sie haben mir das Rütli zurückgegeben. Dafür danke
ich Ihnen.

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