Von Hand, nicht von gestern: Japans lebendige Handwerkstraditionen
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Von Hand, nicht von gestern: Japans lebendige Handwerkstraditionen
Erde wird zur Schale, Baumsaft zu glänzendem Lack, Seide trägt die Farbe einer Insel: In Japans Handwerksregionen entstehen aus einfachen Materialien Dinge, die schön sind, weil sie gebraucht werden. Keramiker, Lackmeister und Weber führen Techniken weiter, die seit Generationen verfeinert werden – und lassen Reisende dabei über die Schulter schauen.
Ein Tisch voller Keramik, keine Tasse gleicht der anderen. So könnte ein erster Eindruck von Mashiko aussehen. Die kleine Stadt liegt in der Präfektur Tochigi nördlich von Tokyo und ist von der Hauptstadt in rund zwei Stunden mit dem Zug erreichbar. Seit dem 19. Jahrhundert dreht sich hier alles um die Töpferei. Bekannt wurde Mashiko für schlichtes, robustes Gebrauchsgeschirr. Japanische Qualität. Im frühen 20. Jahrhundert machte der Keramiker Shōji Hamada Mashiko zu einem Zentrum der Mingei-Bewegung. Mingei, sinngemäss «Volkskunst» oder «alltägliches Handwerk», stellte die Schönheit gut gemachter Gebrauchsgegenstände ins Zentrum.
Bis heute liegen Werkstätten, Galerien und Keramikläden Tür an Tür. Vielerorts können Besuchende selbst an die Drehscheibe sitzen, eine Schale formen oder Keramik bemalen. Einen guten Einstieg gibt das Mashiko Museum of Ceramic Art: Neben Werken Hamadas gehören auch sein ehemaliges Wohnhaus und ein traditioneller Brennofen zur Anlage. Im Museumscafé werden Kaffee und Tee standesgemäss in handgefertigter Mashiko-Keramik serviert.
Echizen: Schicht für Schicht
Weiter westlich wechselt das Material – und das Tempo: Im Kawada-Viertel von Sabae in der Präfektur Fukui, nördlich von Kyoto und südlich von Kanazawa, wird seit rund 1500 Jahren Echizen-Lackware hergestellt. Holzobjekte werden in zahlreichen Arbeitsschritten mit Urushi, dem traditionellen japanischen Lack aus dem Saft des Lackbaums, veredelt und dekoriert. Wichtig dabei ist eine ausgeklügelte und eingespielte Arbeitsteilung: Verschiedene Handwerker kümmern sich um den Holzkörper, die Lackierung und die Verzierung. Diese Schälchen und Gefässe sind zum Gebrauch bestimmt – und halten erst noch ein Leben lang.
Im Urushi no Sato Kaikan lässt sich das Handwerk aus nächster Nähe erleben. Besuchende schauen den Handwerkern bei der Arbeit zu und probieren verschiedene Techniken selbst aus – etwa das Bemalen mit dem Pinsel oder chinkin, bei dem feine Muster in die Oberfläche graviert werden. Eine ruhige Hand erweist sich als Vorteil. Noch näher an die Produktion führen Touren durch die Werkstätten von Kawada. Doch die eigentliche Zutat des Handwerks bleibt unsichtbar: Zeit. Lack muss trocknen, bevor die nächste Schicht folgt. Gut möglich, dass das selbstgemachte Stück erst Wochen später zuhause eintrifft.
Hagi: Keramik, die weiterlebt
Wer in der Zeit zurückreisen möchte, geht nach Hagi, eine ehemalige Burgstadt im Westen Honshus, an der Nordküste der Präfektur Yamaguchi und westlich von Hiroshima. Die einfachste Anreise führt mit dem Shinkansen nach Shin-Yamaguchi und von dort mit dem direkten Super-Hagi-Bus in rund einer Stunde an die Küste. Auch hier dreht sich alles um Keramik – allerdings mit einem ganz anderen Charakter als in Mashiko. Hagi-yaki wird seit über 400 Jahren hergestellt und ist eng mit der japanischen Teezeremonie verbunden. Typisch sind weiche Formen, gedämpfte Farben und Oberflächen, die vielleicht nicht ganz gleichmässig sind, aber umso besser in der Hand liegen.
Richtig spannend wird es erst lange nach dem Brennen: Durch feine Risse und die Porosität der Glasur hinterlässt Tee bei häufigem Gebrauch Spuren. Farbe und Oberfläche verändern sich mit der Zeit. In Hagi spricht man deshalb von den «sieben Verwandlungen» der Keramik. In lokalen Ateliers können Interessierte selbst mit Ton arbeiten – von der Bemalung über das Formen von Hand bis zur Drehscheibe. Danach geht es am besten zu Fuss weiter: durch die schmalen Strassen der alten Burgstadt, vorbei an ehemaligen Samuraihäusern und kleinen Keramikläden.
Amami-Oshima: eine Insel zum Anziehen
Beim letzten Halt entpuppt sich die Landschaft selbst zum Material. Amami-Oshima gehört zur Präfektur Kagoshima und liegt im subtropischen Süden Japans, auf halbem Weg zwischen Kyushu und Okinawa. Am schnellsten erreicht man die Insel per Flugzeug: Direktverbindungen gibt es unter anderem ab Tokyo und Osaka, von Kagoshima dauert der Flug rund eine Stunde. Wer mehr Zeit mitbringt, kann auch die Fähre ab Kagoshima nehmen – die Überfahrt dauert rund elf Stunden. Die Insel ist für subtropische Wälder, Mangroven, Korallenriffe – und eine aussergewöhnliche Textiltradition bekannt. Oshima Tsumugi ist ein fein gemusterter Seidenstoff, dessen Geschichte auf der Insel mehr als 1300 Jahre zurückreicht.
Charakteristisch sind seine tiefen, leicht glänzenden Farbtöne. Dafür werden die Seidenfäden traditionell mit dem tanninreichen Sud des lokalen Sharinbai-Strauchs behandelt und anschliessend im eisenhaltigen Schlamm der Insel gefärbt. Der Vorgang wird immer wieder wiederholt, bevor die Fäden zu komplexen Mustern verwoben werden. Im Oshima Tsumugi Village lässt sich die Herstellung beobachten – und bei einer Schlammfärbung auch selbst ausprobieren. Ein Stück Amami kann folglich wortwörtlich mit sich weitergetragen werden: als Kleidungsstück in natürlichen Farben.
Weiterführende Links:
Mashiko entdecken: www.japan.travel/de/destinations/kanto/tochigi/mashiko-area
Mashiko Museum of Ceramic Art: www.japan.travel/en/experiences-in-japan/1666
Echizen-Lackware und Workshop: www.japan.travel/en/experiences-in-japan/3049
Traditionelle Handwerke in Fukui: www.fuku-e.com/en/fukui-through-7-traditional-crafts
Werkstätten und Experiences in Echizen/Sabae: craftinvitation.jp/en/spot/spot_area/echizen
Hagi entdecken: www.japan.travel/en/destinations/chugoku/yamaguchi/hagi-area
Keramik-Workshops in Hagi: www.japan.travel/en/japans-local-treasures/single-multi-day-ceramic-workshops-hagi-2024
Hagi Castle Town: www.japan.travel/en/spot/169
Amami-Oshima entdecken: www.japan.travel/en/japans-local-treasures/amami-oshima-island
Oshima Tsumugi Village: www.tumugi.co.jp/english/index.html
Oshima Tsumugi Museum: www.oshima-tsumugi.com/en
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