Stiftung Menschen für Menschen Schweiz
Schuluniformen für 1721 vertriebene Kinder
Zürich/Debre Berhan, Äthiopien (ots)
Schuluniformen sollen Unterschiede verwischen. In Äthiopien wünschen sich genau das viele vertriebene Schülerinnen und Schüler: endlich nicht mehr auffallen, endlich nicht mehr Aussenseiter sein.
In Äthiopien sind Schuluniformen Pflicht. Sie haben eine wichtige soziale Funktion: Sie schützen Kinder aus besonders armen Familien davor, mit ihrer zerschlissenen Alltagskleidung in den Unterricht gehen zu müssen.
In Debre Berhan, einer Stadt zwei Autostunden nördlich der Hauptstadt Addis Abeba, produzieren lokale Schneiderinnen und Schneider eine einfache Schuluniform aus Kunstfaser für lediglich 835 Birr, umgerechnet rund vier Franken.
Doch selbst diese Summe können sich viele binnenvertriebene Familien in der Stadt nicht leisten. Deshalb verfügte die Stadtverwaltung, dass die Kinder den Unterricht in ihrer Alltagskleidung besuchen dürfen.
Aber diese als Erleichterung gedachte Massnahme hatte für die Kinder ihren Preis. "Viele von uns schämten sich wegen ihrer alten Kleidung", sagt der 15-jährige Dawit. Kinder aus vertriebenen Familien besitzen oft nur die Sachen, die sie am Leibe tragen. Die Textilien sind häufig ausgebleicht, dünn gescheuert und zerrissen. "Wir wurden sofort von allen als Vertriebene erkannt", sagt Dawit. "Damit waren wir Aussenseiter und wurden oft auch angefeindet."
Schule ist ein Anker
"Wir erfuhren während eines Monitoring-Besuchs in Debre Berhan von dem Leid der geflüchteten Kinder", berichtet Claudio Capaul, Co-Geschäftsführer des Schweizer Hilfswerks Menschen für Menschen. "Also stellten wir Mittel bereit. Denn die Schule ist für die Kinder ein Anker, um anzukommen und sich am neuen Ort zu integrieren."
Lokale Schneiderinnen und Schneider kamen an die Tebase Medahnialem-Primarschule, nahmen Mass bei den Kindern und notierten Grössen und Namen. "Die lokale Wirtschaft zu fördern, war ein willkommener Nebeneffekt", sagt Claudio Capaul. Die Schneider von Debre Berhan haben ihre Arbeitsplätze an Strassenecken unter Plastikplanen oder in der engen Wohnstube eines Lehmhauses. Stoff wurde zugeschnitten, Säume gesetzt, Knöpfe angenäht. Die fussbetriebenen Maschinen liefen tagelang. Nun haben 1721 Kinder bei einer feierlichen Übergabe ihre Uniform erhalten. "Endlich fühle ich mich gleichwertig mit den anderen", sagt Erhemia, ein 14-jähriges Mädchen. "Ich habe mehr Lust zu lernen. Ich denke jetzt: Ich kann etwas aus mir machen."
Konflikte im Vielvölkerstaat
In Debre Berhan leben zahlreiche Binnenvertriebene, die vor Gewalt und Unsicherheit aus ihren Herkunftsregionen fliehen mussten. In der Stadt sind drei offizielle Lager registriert, in denen aktuell 25'608 Personen leben. Zusätzlich sind 11'822 weitere Menschen in privaten Wohnungen untergeschlüpft. Damit sind rund zehn Prozent der Stadtbewohner Binnenvertriebene. Viele der Familien stammen aus verschiedenen Zonen der Region Oromia, wo langandauernde Konflikte sie zur Flucht gezwungen haben.
Äthiopien ist ein Vielvölkerstaat mit über 80 ethnischen Gruppen, in dem lokale und regionale Spannungen immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen führen. Seit mehreren Jahren, besonders seit dem Krieg in der nördlichen Region Tigray, sind rund zwei Millionen Menschen im eigenen Land auf der Flucht. Hinzu kommen rund eine Million Menschen, die vor Konflikten in Nachbarstaaten als Flüchtlinge Schutz suchen.
Traumberuf: Buchhalterin
Eine der Vertriebenen ist auch die 13-jährige Meseret. Ihre Familie floh aus der Gegend von Wollega in der Region Oromia. Dort hatten sie Land gepachtet und von Landwirtschaft und Viehhaltung gelebt. Als sich die Sicherheitslage verschlechterte und es zu gewaltsamen Übergriffen kam, verlor die Familie ihr Zuhause und ihre wirtschaftliche Existenz. Heute lebt Meseret mit ihrem Vater in Debre Berhan. Die Mutter ist nach Saudi-Arabien migriert. Dort arbeitet sie als Hausangestellte, um ein paar Dollar an die Familie senden zu können. Deshalb übernimmt Meseret jetzt neben der Schule auch die Hausarbeit. "Ich habe mich minderwertig gefühlt, ohne Uniform", sagt Meseret. "Aber jetzt habe ich nicht mehr das Gefühl, dass alle in mir nur das vertriebene Mädchen sehen."
Sie will jetzt fleissig lernen. Buchhalterin oder Bankerin möchte sie werden. Zahlen in ein System bringen, Ordnung, Struktur, Sicherheit. Für viele klingt das unspektakulär. Für Meseret ist es ein Traumberuf.
Menschen für Menschen setzt sich gegen Armut und Hunger ein. Die Stiftung wurde von dem Schauspieler Karlheinz Böhm (1928-2014) gegründet. Im Geiste des Gründers schafft das Schweizer Hilfswerk Lebensperspektiven für die ärmsten Familien in Äthiopien. Ziel der Arbeit ist es, dass sie in ihrer Heimat menschenwürdig leben können. Schwerpunkte der einzelnen Projekte sind Frauenförderung, Berufsbildung, Mikrokredite, Kinderhilfe, Familienplanung und landwirtschaftliche Entwicklung. Die Komponenten werden nach den lokalen Bedürfnissen kombiniert und mit sorgfältig ausgewählten einheimischen Partnern umgesetzt.
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