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Friede Springer auf dem European Publishing Congress für ihr Lebenswerk geehrt: "Ich hänge an meinem Haus"

Wien (ots)

- Querverweis: Bildmaterial ist abrufbar unter
  http://www.presseportal.de/pm/66148/4269496 -

Ein festlicher Höhepunkt auf dem European Publishing Congress in Wien: Am Montagabend zeichnete "kress pro" Friede Springer mit einem Preis für ihr Lebenswerk aus.

"Man muss seinen eigenen Weg finden", sagte die Geehrte, die 1978 Axel Springer geheiratet hatte, in einem kurzen Bühnen-Interview und bilanzierte damit ihr langjähriges Wirken in dem Berliner Traditionsverlag. Sie sprach dabei mit dem "kress pro"-Chefredaketur Markus Wiegand, der ihr vor der Festversammlung aus 300 Medienprofis im Wiener Rathaus den Preis überreichte. "Der Verlag ist mein Leben, ich hänge an meinem Haus", sagte Springer über Springer.

Mit großer Liebenswürdigkeit und sanfter Ironie hielt in Wien Sebastian Turner, "Tagesspiegel"-Herausgeber die Laudatio auf Friede Springer.

Hier der Wortlaut von Sebastian Turners Festrede:

Üblicherweise beginnt ein Berufsleben mit einfachen Aufgaben, die sich dann nach und nach in Anspruch und Komplexität steigern. Bei Friede Springer war es genau umgekehrt. Ihr berufliche Laufbahn begann mit der anspruchsvollsten Verantwortung, die in einer Unternehmerfamilie übertragen werden kann: die Erziehung der Kinder, die Heranbildung der nächsten Generation. Friede Riewerts dürfte gleich am ersten Arbeitstag die Dimension ihrer Aufgabe deutlich geworden sein. Als sie 1965 im parkartigen Garten einer Hamburger Grossbürgervilla zum ersten Mal dem dreijährigen Raimund Nicolaus Springer begegnete, blicke der kleine Junge sie nur kurz an und sagte dann: "Hau ab". Schon am ersten Tag haben Sie eine Eigenart der Verlagsbranche kennengelernt. Auch die Kleinsten haben ein grosses Ego.

Wenn man das halbe Jahrhundert ihrer Tätigkeit für und mit und an Stelle Axel Springers betrachtet, stellt man sich unwillkürlich die Frage: Kann es sein, dass Friede Springer in all den Jahrzehnten tatsächlich immer die gleiche Aufgabe hatte? Ging es nicht immer um die Erziehung verhaltensauffälliger Jungs? Dann wäre ihr erstes berufliches Leben als Kindererzieherin die beste, ja vielleicht die einzig mögliche Vorbereitung auf das Lebenswerk, das wir heute würdigen.

Der zweite Teil Ihres Berufslebens begann 1985 mit einem traurigen Ereignis. Ihr Mann stirbt. Die Rahmenbedingungen, unter denen Sie beginnen, sein Werk fortzusetzen, sind so kompliziert, dass es an dieser Stelle unmöglich ist, sie angemessen darzustellen. In der Biografie, die der Bonner Zeithistoriker Hans-Peter Schwarz über Axel Springer als eine der prägenden bundesrepublikanischen Persönlichkeiten verfasst hat, füllt die Unordnung im Augenblick seines Todes ganze Kapitel.

Das Who-is-Who der westdeutschen Wirtschaftselite, darunter der Vorstandschef einer deutschen Bank, dazu bedeutende Berater, hat ein Durcheinander angerichtet, das man nur mit einem Kinderzimmer vergleichen kann, in dem pubertierende Jungs ein sturmfreies Wochenende lang gefeiert haben.

Die bittere Lehre: Nur weil ein Berater teuer ist, heißt nicht, dass sein Rat auch einen Wert hat.

Das Unternehmen leidet, die Berater kassieren. In den ersten Jahren wird mehr Geld für Abfindungen ausgegeben, als das Unternehmen Gewinn macht. Als Haupterbin und Mitglied des Aufsichtsrates stehen sie inmitten des Sturms und sind doch nicht die Frau am Steuerrad. Es dauert Jahre, bis bei Ihnen der Gedanke und schliesslich der Wille reift: Selbst ist die Frau. Leider lässt der kurze Abend nicht zu, diese prägende und für Sie sicher oft belastende Zeit aufzufächern. Nicht nur die Männerbande in Goldknopfjackets unterschätzt Sie, auch Sie selbst trauen sich Ihre Rolle nicht zu. Sie machen Lehrjahre durch, die für viele, die heute vor der Aufgabe stehen, ein Unternehmen in die Zukunft zu führen, wichtige Erfahrungen bereithalten. Wer heute einen Verlag erbt, sollte mit dem Testament auch ein Exemplar Ihrer Biografie ausgehändigt bekommen. Die Lehre dieser Jahre: Sie ändern Ihren Pfad. Sie arbeiten nicht mehr im System, sie arbeiten am System. Es ist der fundamentale, entscheidende Schritt, der einen Unternehmer ausmacht.

Vielleicht hat Sie am Ende Ihre Mutter inspiriert, die über Jahre mit größter Selbstverständlichkeit den Familienbetrieb auf Föhr geschmissen hat. Erst, weil ihr Vater im Krieg war, dann weil er aufgrund einer Verwundung in manchen Tätigkeiten eingeschränkt war.

Friede Springer schiebt die Anwälte beiseite, trennt sich von den teuren Angestellten, die nur Dienstag-Mittwoch-Donnerstag erscheinen, und setzt Ihre Vorstellungen auch gegen Widerstände durch. Am markantesten sind zwei Personalentscheidungen, über die die ganze Branche den Kopf schüttelt. Die jetzt kommenden Jahre, in denen sich Ihr Unternehmen wieder an die Spitze der Branche stellt, werden von einem Dreigestirn gestaltet, mit dem Sie der farblosen Vereinigung von Kaufleuten und Juristen an der Spitze anderer Medienhäuser das Staunen beibringen. Neben Ihnen, der Friesin von der Inselgärtnerei, wirken ein sizilianischen Arzt, der mit 13 Geschwistern aufgewachsen ist, und ein rheinischer Musikwissenschaftler, der deprimierende Erfahrungen aus darbenden Printmedien mitbringt: Guiseppe Vita, der langjährige Chef von Schering als Vorsitzender des Aufsichtsrates und Mathias Döpfner als Chef des Vorstandes.

Ihre besondere Gabe im Umgang mit Kindern aller Altersstufen zeigt sich bei einer zentralen Entscheidung in einer für den Verlag besonders prekären Situation. Als das Unternehmen einen hohen Millionenbetrag mit dem Post-Konkurrenten Pin versenkt, suchen Sie kein Bauernopfer, um es dann symbolträchtig vor die Tür zu setzen. Sie sagen mit pädagogischer Klugheit, wir haben den Fehler gemeinsam gemacht und jetzt bügeln wir ihn auch gemeinsam aus.

Drei weitere kluge Weichenstellungen prägen Ihr Wirken im Verlag - und dreimal erreichen Sie Ziele, an die Ihr Mann trotz seiner großen Erfolge nicht gelangen sollte.

Erstens im Ausland: Ihr Mann hat sich immer zurückgehalten mit Engagements im Ausland. Sie sind heute ein globales Unternehmen mit ersten globalen Marken.

Zweitens Digitalisierung: Ihr Haus hat nicht als erstes, aber dann um so entschlossener die Digitalisierung als Chance erkannt und dann massiv und mit grossem Erfolg in digitale Rubrikenmärkte investiert. Vor zwanzig Jahren hatte die FAZ ein unbezwingbares Monopol auf gedruckte Stellenanzeigen für Führungskräfte. Ihr Mann konnte dieses Monopol nicht brechen. Ihnen ist es durch die Akquise von Stepstone in der digitalen Welt gelungen. Um technisch voranzukommen, hat Ihr Mann mit dem Gedanken gespielt, das damals technisch führende Unternehmen Xerox an seinem Verlag zu beteiligen. Sie haben Investoren und ihr Knowhow aus dem Silicon Valley tatsächlich gewonnen und sind selbst an aufsteigenden Technologieunternehmen beteiligt.

Drittens die Lösung vom Elternhaus: Sie haben sich von der Keimzelle des Hauses, dem Hamburger Abendblatt und auch der Hörzu, verabschiedet und beides mitsamt anderen, identitätprägenden Blättern verkauft. Ihr Mann hat derartige Entscheidungen immer wieder erwogen und dann doch nicht vollzogen, etwa den bereits beschlossenen Verkauf der "Welt" an die "FAZ". Er hat ihn in allerletzter Sekunde rückgängig gemacht, wie bei Hans-Peter Schwarz zu lesen ist.

Das "Abendblatt" und die "Hörzu" gelten als erste Geniestreiche Ihres Mannes. Als er auf dem Zenith seines Ansehens als einfallsreicher Wirtschaftswundermann stand, lernten Sie ihn kennen. Sein damaliger Ruf, Mitte der 60er Jahre, wäre heute wohl mit dem eines Silicon Valley Unicorn-Gründers vergleichbar.

Ich bin Ihrem Mann erstmals Ende der Siebziger Jahre begegnet. Er wurde mir von Heinrich Böll, dem späteren Literaturnobelpreisträger, vorgestellt, wie vielen anderen Schülern auch - im Deutschunterricht. Auf Bölls "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" folgte Wallraffs "Aufmacher". Ihr Mann und sein Verlag erschienen einer ganzen Generation als Dämonen.

In den einschlägigen Biografien ist zu lesen, wie diese Zeit von Ihnen erlebt und erlitten wurde, wie es die von Ihnen großgezogenen Kinder Ihres Mannes belastet hat. Heute, vierzig Jahre später, versteht man Ihr Motto: "Heute ist der Tag, der mir gestern so viele Sorgen bereitet hat."

Eine ernste Sorge drängt sich auf, wenn man Ihr Leben betrachtet. Von der unbekannten friesischen Gärtnertochter zur bestimmenden Figur eines der bedeutendsten und heute wieder erfolgreichsten Nachkriegsunternehmen in Mitteleuropa. Glanz und Einfluss, auf dem Weg dorthin Schicksalsschläge und Enttäuschungen, Intrigen und Machtkämpfe, an denen andere zerbrochen wären. Bester Stoff für den Boulevard. Wie kann man eine Frau mit einer solchen Lebensgeschichte nur davor schützen, in die unerbittlichen Mühlen der Boulevardpresse zu geraten?

Auch da fanden Sie einen überzeugenden Ausweg - Ihnen gehört die größte Kaufzeitung auf dem Kontinent, das hat manchmal auch ganz praktische Vorteile.

Man kann Ihr Lebenswerk nicht besprechen, ohne auf Ihre wichtigste Publikation einzugehen. "Bild". Das stellt einen Lobredner, der eine Zeitung herausgibt, die sich um Differenzierung bemüht, vor eine nicht ganz einfache Aufgabe, die ich mit einem Umweg angehen möchte. Die populistische Welle, die die ganze Welt von Washington über Westminster bis Wien erfasst, hat dort am schlimmsten die Gesellschaft gespalten, ja zerstört, wo verantwortungslose Politiker auf verantwortungslose Medien treffen. Trump wurde auch von Fox News und Facebook gemacht. Der Brexit ist auch das Werk von "The Sun" und Cambridge Analytica. Niedere Gesinnung in hohen Positionen ruiniert das Gemeinwesen. Was das für Österreich bedeutet, das entscheiden die Zurückgebliebenen. Die Familie Turner wurde 1732 als protestantische Glaubensflüchtlinge aus Filzmoos vertrieben und beschränkt sich seither bei der Medienbeobachtung auf das deutsche Flachland.

Von diesem tiefen Blickwinkel aus kann man sogar der "Bild"-Zeitung etwas Erhebendes abgewinnen. Dass Deutschland vielen Flüchtlingen helfen konnte, ohne dass Hassprediger in die Regierung eingetreten sind, das ist auch der "Bild"-Zeitung zuzuschreiben, die sich in dieser Phase so verantwortungsbewusst verhalten hat, wie es sich die Schüler von Böll und Wallraff nicht hätten vorstellen können.

Die Medien von Friede Springer zerstören nicht die freiheitlichen Grundlagen, ohne die es sie gar nicht geben könnte. Das ist heute absurderweise keine Selbstverständlichkeit.

Liebe Frau Springer, "Bild" scheint gebändigt, Ihr Haus ist als eines der ersten transformiert für die Zukunft - die Zeit ist reif für die dritte Phase Ihres Berufslebens. Sie haben sich und Ihrer Stiftung ein Thema vorgenommen, das Sie seit Kindheitstagen begeistert. Die Wissenschaft. Mit Ihrem Vater haben sie sich als Kind immer um die Wissenschaftsseite in der Zeitung gestritten, haben Sie erzählt.

Dem Wissenschaftsbetrieb kann es nur gut tun, wenn sich dort Menschen engagieren, die wissen, wie man von der Arbeit im System zur Arbeit am System kommt. Dem Wissenschaftsbetrieb kann man nur raten, Sie nicht so zu unterschätzen, wie die Verlagsszene, als Sie dort vor über dreißig Jahren aktiv wurden.

Liebe Frau Springer, Sie haben mit Gaben, die im Medienbetrieb selten sind, eine erstaunliche Unternehmerinnengeschichte geschrieben. Gut möglich, dass man eines Tages sagen wird, dass Ihr unternehmerisches Werk das Ihres Mannes nicht nur ebenbürtig fortgesetzt, sondern sogar noch übertroffen hat.

Kontakt:

Johann Oberauer, Tel. +43 664 2216643

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