Schweizerischer Nationalfonds / Fonds national suisse
Nur jeder zehnte Mann setzt seinen Wunsch nach Teilzeitarbeit um
Bern (ots)
Eine vom SNF unterstützte Studie untersucht die Zunahme freiwilliger Teilzeitarbeit bei Männern in der Schweiz. Sowohl gesellschaftliche Normen als auch institutionelle Faktoren spielen dabei eine Rolle.
Gemäss den Zahlen des Bundesamts für Statistik (BFS) für das Jahr 2025 arbeiten 40 Prozent der Erwerbstätigen in der Schweiz Teilzeit. Zwar prägen vor allem Frauen die Statistik: 60 Prozent der weiblichen Erwerbstätigen sind in Teilzeit tätig. Doch auch bei Männern ist Teilzeitarbeit verbreitet: Mehr als jeder fünfte Erwerbstätige arbeitet mit reduziertem Pensum. Damit hat die Schweiz unter den 38 Ländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) die zweithöchste Teilzeitquote, gleich hinter den Niederlanden.
Der Soziologe Jan Müller, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Zürich, hat mit Unterstützung des SNF untersucht, welche Faktoren Männer dazu bewegen oder davon abhalten, Teilzeitarbeit anzustreben und ihr Pensum tatsächlich zu reduzieren.
Die Entwicklung des beruflichen Umfelds über 16 Jahre
In Zusammenarbeit mit Youngjoo Cha, Professorin an der Universität Indiana in Bloomington (USA), analysierte Müller Daten der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung des BFS, des Schweizer Haushaltspanels (Universität Lausanne) und des Swiss Job Market Monitor (SJMM, Universität Zürich). Die Studie führt somit Statistiken und Umfragen zum gesellschaftlichen und beruflichen Umfeld zusammen. Die über einen 16-jährigen Zeitraum, von 2004 bis 2020 erhobenen Daten zeigen, wie sich Normen und berufliche Vereinbarungen allmählich verändern.
Auf individueller Ebene sind die wichtigsten Variablen die Vollzeit- oder Teilzeitbeschäftigung und die Präferenz für eine der beiden Beschäftigungsformen. In der Studie berücksichtigt wurden zudem sozialdemografische Angaben wie Alter, Erwerbsstatus der Partnerin bzw. des Partners und die Saläre.
Zur Analyse der beruflichen Normen haben die Forschenden zudem die Stellenangebote im SJMM ausgewertet. In Kombination mit den Antworten der Beschäftigten im Schweizer Haushaltspanel konnten sie so berechnen, wie die Werte für die "Erwartung beruflicher Hingabe", die "Unterstützung der Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben" oder das "Leitbild des männlichen Familienernährers" für jeden Beruf und jeden Beobachtungszeitraum ausfallen.
Seltener Wechsel, aber häufiger als in anderen Ländern
Die Längsschnittdatenbank zeigt, dass jedes Jahr fast zehn Prozent der Vollzeitbeschäftigten eine Präferenz für Teilzeitarbeit entwickeln. "Ihr Anteil ist erheblich", erklärt Jan Müller. "Jedoch wagen lediglich zehn Prozent derjenigen, die in Vollzeit arbeiten und eine Teilzeitstelle bevorzugen, den Schritt hin zu einer Reduzierung des Arbeitspensums. Das ist nicht viel."
Trotz der tiefen Wechselquote ist der Anteil der Schweizer Männer in Teilzeitbeschäftigung im internationalen Vergleich recht hoch. Seit 2000 hat er sich zudem von rund zehn auf mehr als 20 Prozent verdoppelt. Auf Ebene der OECD wurde kein so deutlicher Anstieg verzeichnet: Zwischen 2000 und 2025 wuchs ihr Anteil von gut acht Prozent auf knapp 13 Prozent.
Die Studie von Jan Müller ermöglicht, die Faktoren zu verstehen, die die Einstellung zur Teilzeit prägen. Wenig überrascht, dass in Berufen, die vom Leitbild des männlichen Familienernährers und von der Erwartung beruflicher Hingabe geprägt sind, nur wenige männliche Erwerbstätige eine Präferenz für Teilzeit entwickeln oder freiwillig in diese Beschäftigungsform wechseln. Anders sieht es in Berufen aus, in denen die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben zunehmend gefördert wird. Dort steigt ihre Zahl.
Präferenzen und Realität in Einklang bringen
Die Ergebnisse zeigen, wie sich der Wandel der Rahmenbedingungen auswirkt, beispielsweise bei Ärzten und Ärztinnen. Dort wechselt eine steigende Anzahl Männer in eine Teilzeitbeschäftigung. Der Wandel der Normen ist in diesem Beruf am ausgeprägtesten: Die Rolle des Mannes als Familienernährer hat an Bedeutung verloren und die Work-Life-Balance wird höher gewichtet. "Das hat mich in einem Beruf, der bekannt ist für viele Überstunden, überrascht", sagt Jan Müller. "Der Trend könnte auch mit dem wachsenden Anteil von Frauen in diesen Berufen zusammenhängen."
Der Forscher verschweigt nicht, was die Forschung auslässt: Betrachtet werden ausschliesslich Männer, die ursprünglich Vollzeit arbeiteten und daher vor allem gegenüber unterbeschäftigten oder arbeitslosen Männern privilegiert sind. Zudem begrenzen die zuverlässig verfügbaren Daten für den 16-jährigen Untersuchungszeitraum die Aussagekraft.
Die Studie zeigt indessen die Mechanismen auf, die die Zunahme freiwilliger Teilzeitarbeit bei Männern beeinflussen. Sie hebt auch hervor, dass sich neben den institutionellen Rahmenbedingungen auch die gesellschaftlichen Normen verändern müssen, um freiwillige Teilzeitarbeit zu ermöglichen. Jan Müller geht davon aus, dass die Entstigmatisierung dieser Praxis zu ihrer breiteren Akzeptanz beiträgt. Bislang ist der Trend vor allem bei den privilegiertesten Arbeitnehmenden zu beobachten.
Er fügt hinzu, dass seiner Ansicht nach "eine Teilzeitstelle nicht an sich besser ist als eine Vollzeitstelle". Eines steht für ihn jedoch fest: "Wenn Menschen Präferenzen verwirklichen können, reduziert sich der Stress und stärkt die Gleichstellung".
Teilzeit für alle statt Vollzeit für alle
Über die in der Studie erläuterten Aspekte hinaus weist der Soziologe darauf hin, dass die Rahmenbedingungen und die Kultur in der Schweiz für Teilzeitarbeit sehr günstig sind.
Die durchschnittliche Schweizer Vollzeitarbeitswoche liegt mit fast 42 Stunden deutlich über dem OECD-Durchschnitt. Eine Reduzierung des Arbeitspensums ist laut Jan Müller in der Schweiz attraktiv und angesichts der hohen Saläre finanziell oft realistischer als in anderen Ländern.
Der Forschende hebt zudem den Einfluss des in der Schweiz vorherrschenden Familienmodells hervor, in dem Frauen neben ihrer bezahlten Arbeit weiterhin den Grossteil der Haus- und Sorgearbeit übernehmen. Teilzeitbeschäftigung konnte sich vor diesem Hintergrund gesellschaftlich fest verankern und es wurden günstige rechtliche Rahmenbedingungen geschaffen: "Im internationalen Vergleich schützt die Schweizer Rechtsprechung Teilzeitbeschäftigte relativ gut", erklärt Jan Müller. "Teilzeitverträge sind rechtlich oft ebenso stark abgesichert wie Vollzeitverträge, was nicht in allen Ländern der Fall ist."
Abschliessend verweist der Forschende auf die andere Herangehensweise der skandinavischen Länder: "In diesen Ländern wird gesellschaftlich ermöglicht, dass beide Elternteile Vollzeit arbeiten können. Die Schweiz tendiert hingegen zu einem Modell, bei dem Frauen weiterhin Teilzeit arbeiten, aber auch Männer zunehmend in Teilzeitstellen wechseln können."
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Der Text dieser News und weitere Informationen stehen auf der Webseite des Schweizerischen Nationalfonds zur Verfügung.
Pressekontakt:
Jan Müller
Stellenmarkt-Monitor, Soziologisches Institut
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E-Mail: mueller@soziologie.uzh.ch