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Muss Kunst männlich sein, um in Schweizer Museen gezeigt zu werden?

Muss Kunst männlich sein, um in Schweizer Museen gezeigt zu werden?
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Bern (ots)

Bereits 1989 stellte die New Yorker Künstlerinnengruppe Guerilla Girls die Frage: «Muss Frau nackt sein, um ins Museum zu kommen?» Diese hat 2019 nach wie vor ihre Berechtigung. Die Zahlen sprechen für sich: Weniger als eines von drei Ausstellungsstücken in Schweizer Kunstmuseen stammt aus Frauenhand. SWI swissinfo.ch und RTS haben 125 ausgewählte Kunstmuseen in 23 Kantonen nach der Herkunft ihrer Exponate befragt. Die Journalistinnen Céline Stegmüller, Alexandra Kohler (beide SWI swissinfo.ch), Elodie Botteron und der Journalist Dimitri Zufferey (beide RTS) haben erstmals die Anzahl Exponate von Künstlerinnen aus Einzel- und Kollektivausstellungen in der Schweiz erhoben. Dem Rechercheteam liegen Ergebnisse von 80 Museen vor, was einer Rücklaufquote von über 60 % entspricht. Somit sind die Resultate repräsentativ.

Deutliches Missverhältnis

Die Recherche hat ergeben, dass gerade einmal 26 % der Einzelausstellungen der Jahre 2008 bis 2018 Frauen gewidmet wurden. Bei den Gruppenausstellungen sieht es etwas besser aus: Der Frauenanteil liegt hier bei 31 %. Insgesamt haben nur acht Museen in den Einzelausstellungen mehr Frauen als Männer gezeigt. Die grossen Museen schneiden insgesamt schlechter ab: Die zehn meistbesuchten Kunstmuseen haben nur gerade einen Frauenanteil von 13,6 % bei den Exponaten.

Heute publiziert SWI swissinfo.ch diese und weitere datenbasierte Ergebnisse, ein Interview mit der Direktorin des Luzerner Kunstmuseums, Fanni Fetzer, sowie ein Nouvo-Video auf Social Media. RTS strahlt in seiner Sendung «19h30» eine Reportage zum Thema aus. Die Beiträge zeigen, wie es heute um die Sichtbarkeit von Frauen in Schweizer Kunstinstitutionen steht. Das Missverhältnis zwischen weiblichen und männlichen Kunstschaffenden ist vielen Kuratorinnen und Kuratoren bewusst und sie versuchen, diesem aktiv entgegenzuwirken.

Wo liegen die Ursachen?

Die Diskrepanz, die sich in der Ausstellungsszene noch immer abzeichnet, ist aber nicht nur der Kuration, sondern auch dem Umstand geschuldet, dass Frauen lange Zeit in der Kunst nicht sichtbar waren. Ihnen war beispielsweise der Zugang zu den künstlerischen Ausbildungsstätten verwehrt. Bis ins 20. Jahrhundert durften nur Männer professionelle Kunstausbildungen absolvieren, Frauen konnten dies allerhöchstens im privaten Umfeld tun, und auch nur dann, wenn sie es sich leisten konnten.

Die Direktorin des Kunstmuseums Luzern, Fanni Fetzer, ist sehr engagiert, was die Förderung von Künstlerinnen angeht: «Noch bis in die 1970er- oder 1980er-Jahre gab es einfach mehr Künstler als Künstlerinnen. Bei den zeitgenössischen Ausstellungen aber sollte ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis für uns Kuratoren und Kuratorinnen zu schaffen sein».

Das Bewusstsein ist da

Heute sind fast gleich viele Künstlerinnen wie Künstler tätig. Nina Zimmer, Direktorin des Kunstmuseums Bern, sagt, sie bemühe sich sehr, gleich viele Frauen wie Männer in ihren Ausstellungen zu zeigen. In ihrem Programm möchte sie die gesamte Vielfalt der Gesellschaft abbilden: «Wir kaufen auch bewusst Kunst von Frauen für die Sammlung - wir müssen da einiges aufholen.» 2019 zeigt sie zwei Künstler einzeln, einen Mann und eine Frau: Johannes Itten und Miriam Cahn. Künstlerinnen setzen sich heute verstärkt und selbstbewusster in Szene, wie die Biennale Venedig 2019 zeigt. Kuratorinnen und Kuratoren bemühen sich um eine künstlerische Ausgewogenheit und dennoch, sind Kunstwerke von Frauen noch unterrepräsentiert. Die Tate Britain reagierte auf diesen Umstand mit der Ausstellung «60 Years»: Seit April werden im grössten Kunstmuseum von London ausschliesslich Werke von britischen Künstlerinnen gezeigt.

Links:

Schweizer Museen zeigen wenig Kunst von Frauen: http://ots.ch/gfZmKh

"Die Schweizer Kunstmuseen müssen weiblicher werden", Interview mit Fanni Fetzer: http://ots.ch/9pFXXI

Kontakt:


Larissa M. Bieler, Direktorin und Chefredaktorin SWI swissinfo.ch,
larissa.bieler@swissinfo.ch, 031 350 91 15