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Hertha steht als größter Verlierer da - Leitartikel

Berlin (ots) - Klaus Wowereit hat dieser Stadt mal einen Werbespruch verpasst, den sie wohl nie wieder loswird: arm, aber sexy. Wir haben nicht viel, sehen aber gut aus. Und deswegen kommen die Menschen gerne und zahlreich zu uns. Lass München schick sein. Hamburg sauber. Köln lustig. Aber wenn du wirklich etwas erleben und angesagt sein willst, dann komm nach Berlin. Markus Babbel hat dieses Gefühl wohl nie so recht teilen können. Obwohl er als Trainer von Hertha BSC eines der größten Aushängeschilder dieser Stadt war, wurde er mit ihr nie richtig warm. Er lebte im Hotel, verbrachte die freien Tage bei der Familie in München und sprach in einem Interview sogar mal recht abfällig über den Berliner an sich. Eher laut sei er und außerdem noch zum Größenwahn neigend. Aber tatsächlich etwas tun, das würde der Berliner eher selten. Am Sonntag hat Hertha etwas getan: Babbel entlassen. Die Entscheidung war dringend nötig. Gar nicht aus sportlicher Sicht - Babbel ist mit Hertha aufgestiegen und hat den Klub nach der halben Saison im gesicherten Mittelfeld der Bundesliga etabliert. Viel mehr kann von einem Trainer nicht erwartet werden. Dennoch kam es zu einem der schmutzigsten Rosenkriege der Bundesligageschichte. Weil Babbel nicht länger als zwei Jahre in Berlin bleiben wollte. Ob er diese Entscheidung Manager Michael Preetz rechtzeitig mitgeteilt hat, darüber sind die beiden Männer in Streit geraten. So persönlich, so öffentlich, dass es einem die Fremdschamesröte ins Gesicht treibt. Die Frage, wer von beiden in der peinlichen Posse nun gelogen und wer die Wahrheit gesagt hat, ist längst nicht mehr wichtig. Denn gelitten haben am Ende alle. Babbel hat keinen Job, Preetz keinen Trainer mehr. Dafür ist der Ruf von beiden nun äußerst angekratzt. Der größte Verlierer ist dennoch ein anderer: Hertha. Der Verein konnte über viele Jahre nicht vom Imagewandel Berlins von einer subventionierten Schmuddelstadt zur Weltmetropole profitieren. Berlin wurde hip, Hertha blieb piefig. Wer herzog, brachte seinen Verein im Herzen mit. Es ist im Zentrum der Stadt oft leichter, eine Bremen- oder Köln-Kneipe zu finden, als eine, die Herthas Spiele live auf der Leinwand zeigt. Dies hat sich in der jüngeren Vergangenheit durchaus geändert. Die Verantwortlichen erkannten den Abstieg im Sommer 2010 als Chance. Vorbei sein sollte es mit der Großmannssucht und dem monarchischen Führungsstil der Ära Dieter Hoeneß. Bescheidenheit zog ein beim Schuldenklub, und die Berliner goutierten es. Hertha feierte Zuschauerrekorde, die Gefühlslage war so positiv, dass selbst die altehrwürdige "New York Times" in einer ausführlichen Reportage über die Aufbruchstimmung rund um Hertha berichtete. Und jetzt? Nun muss konstatiert werden, dass auch Preetz in zweieinhalbjähriger Amtszeit schon den dritten Trainer gefeuert hat. Eine Politik der ruhigen Hand ist das nicht. Was noch schwerer wiegt: Die so mühsam aufgebaute Reputation ist erst mal dahin. Fußball-Deutschland schüttelt den Kopf über Hertha BSC, den ewigen Chaosklub mit seinem Schmierentheater. Hertha im Dezember 2011: arm und unsexy.

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