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Discours Suisse: Stadt-Land-Graben - Entwicklung der Deutschschweiz steht der Romandie noch bevor

Lausanne (sda/ots) -

In der Westschweiz wird das Gefälle zwischen
Stadt und Land nicht als blosse Trennlinie zwischen urbanem
Fortschritt und ländlicher Tradition wahrgenommen. Die Unterschiede
sind vielschichtig. Für die Zukunft zeichnet sich eine Verschärfung
ab.
"In der Romandie existiert zwar ein Gefälle zwischen Stadt und
Land", sagt der Lausanner Stadtpräsident Daniel Brélaz. Dieses sei
aber bei weitem nicht so ausgeprägt wie in der Deutschschweiz.
Insbesondere bei Fragen der Öffnung der Schweiz gegenüber dem
Ausland seien die Unterschiede eher gering.
Als Beispiel nennt Brélaz die Eidg. Abstimmung über die
Einbürgerungsvorlagen vom vergangenen 26. September. Damals
stimmten in der Romandie nicht nur die Städte, sondern - anders als
in der Deutschschweiz - auch die Mehrheit der ländlichen Gemeinden
der erleichterten Einbürgerung von Ausländerinnen und Ausländern
zu.
Unklare Trennlinie
Auch der Politologe René Knüsel von der Universität Lausanne
sieht in der Westschweiz geringere Differenzen zwischen Stadt und
Land. Er erklärt sich dies unter anderem mit der starken
Migrationsbewegung der letzten Jahrzehnte zwischen städtischen und
ländlichen Gebieten.
In diesem Zusammenhang stellt sich laut Knüsel die
Definitionsfrage: "Was heisst Stadt - was heisst Land?" Die
Trennlinie sei in der Westschweiz nicht mehr so klar, die
Durchmischung der Bevölkerung aber umso stärker, weil immer mehr
Städter aufs Land ziehen und umgekehrt.
Als weiteres Element komme der unterschiedliche Verlauf des
Strukturwandels hinzu. "In der Romandie hat sich die Landwirtschaft
früher und harmonischer den neuen Herausforderungen angepasst als
in der Deutschschweiz", erklärt Knüsel.
Andere Konfliktmuster
Das kleinere Gefälle zwischen Stadt und Land in der Westschweiz
hat aber auch mit der gesellschaftlichen Entwicklung zu tun, wie
der Sozialgeograph Michael Hermann von der Universität Zürich
behauptet. Der Stadt-Land-Gegensatz in der Romandie funktioniere
nämlich nach einem anderen Muster als in der Deutschschweiz.
Dort habe sich bereits in den 1990-er Jahren eine Trennlinie
zwischen "Modernisierungsgewinnern und -verlierern" gebildet,
zwischen den aufstrebenden Zentrumsregionen mit ihren Kernstädten
und der Provinz. In der Romandie dagegen hätten sich
Agglomerationseregionen und Hinterland noch weit weniger entzweit.
Ob Stadt oder Land: Das ganze Gebiet zwischen Neuenburger- und
Genfersee sei immer traditionell liberal und offen gewesen.
Gleichzeitig habe die Landwirtschaft in den Westschweizer Städten
einen ganz anderen Stellenwert und sei somit dort auch noch stärker
verankert.
Schere öffnet sich
Wie bereits in der Deutschschweiz wird die wirtschaftliche
Entwicklung gerade auch in der Westschweiz immer stärker zu einem
räumlichen Ungleichgewicht führen, ist Hermann überzeugt. So werden
Regionen, die von der Modernisierung betroffen sind, jedoch nicht
davon profitieren, immer stärker ins Abseits gedrängt.
Als Beispiele nennt der Sozialgeograph die Region um Moudon VD
im Broyetal, den Freiburger Glânebezirk oder das Neuenburger Val de
Travers. In diesen Regionen werde sich nach und nach der "moderne
Stadt-Land-Graben" bilden, bei dem sich urbane Regionen und
Provinzgebiete gegenüberstehen.
Die Regionalpolitik des Bundes und die föderalistische Struktur
wirkten bisher für solche Regionen - egal ob in der Deutschschweiz
oder in der Romandie - wie eine Klammer. Das werde aber je länger
je weniger der Fall sein, "weil sich die Schweiz das nicht mehr
leisten kann".
Schleichender Prozess
Die Entwicklung hin zu einem ausgeprägteren Stadt-Land-Gefälle
in der Westschweiz ist laut Hermann ein schleichender Prozess, der
Jahre dauern wird: "Bei der wirtschaftlichen Entwicklung der
einzelnen Regionen ist keine Trendwende in Sicht", sagt der
Wissenschafter.
Die Folgen der Stadt-Land-Problematik werde die Schweiz in den
kommenden Jahren jedenfalls mehr beschäftigen als die periodisch
wiederkehrenden Diskussionen um die Sprachenfrage, ist Hermann
überzeugt.
Ständemehr als Sperre
Der Lausanner Stadtpräsident Daniel Brélaz befürchtet namentlich
die Gefahr von zunehmend verhärteten Fronten zwischen urbanen
Zentren und ländlichen Regionen. Die Frage stelle sich vor allem
bei Verfassungsabstimmungen, wo sich eine allfällige Mehrheit beim
Volk dem Ständemehr unterordnen muss.
Im Bewusstsein der Westschweizer Bevölkerung spielen solche
Überlegungen keine grosse Rolle. Die wachsenden regionalen
Unterschiede werden nur als untergeordnetes Problem wahrgenommen,
wie der Politologe René Knüsel erklärt: "Der Röstigraben ist bei
den Leuten immer noch viel präsenter als der Stadt-Land-Graben."

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