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Ein Appell ans Gewissen. Leitartikel von Angelika Wölk

Essen (ots) - Die Rede, über die seit Tagen so heftig debattiert wurde, war kürzer als gedacht. War sie den ganzen Streit wert? Haben die Parlamentarier, die sie nicht gehört haben, etwas verpasst? Ja, das haben sie. Wer allerdings erwartet hatte, der Papst spräche über die großen Fragen der Politik, die Finanzkrise, den Weltfrieden, globale Bedrohungen, der wurde enttäuscht. Benedikt ist nicht der politische Papst, kein Staatsmann auf dem Thron Petri.

Benedikt XVI. sprach vor allem als Gelehrter. Seine Rede war eine staatsphilosophische Abhandlung auf höchstem intellektuellen Niveau. Es war ein Appell an das Gewissen der Abgeordneten. Es ging um nichts anderes als um die Kardinalfrage der Politiker, um die Frage: Wann ist ein Politiker ein guter Politiker? Woher weiß er, welche Entscheidung die richtige ist? Wie erkennt er, was recht ist? Der Erfolg, mahnt er, sei es jedenfalls nicht. Eine Ohrfeige an jene, die Entscheidungen von Umfragen und nicht vom Gemeinwohl abhängig machen. Verlorene Zeit, sich das anzuhören? Nein, vertane Chance, es nicht zu tun.

Was wirklich enttäuschend war, das war die Sprache. Leicht gemacht hat es Benedikt den Zuhörern leider nicht. Seine Rede war über weite Teile schwere philosophische Kost. Schade. Dabei hätte es das Thema verdient, auch von Zuhörern, die kein Philosophie-Studium absolviert haben, bis zur letzten Zeile verstanden zu werden. Ein brillanter Rhetoriker ist dieser Papst nicht. Und dennoch verblüffte er. Wer hätte gedacht, dass er ein geradezu glühender Anhänger der ökologischen Bewegung ist? Gesegnet seien die Grünen.

Was die Sprache angeht, hat Bundespräsident Christian Wulff verständlichere Worte gefunden, als er den Gast aus Rom in seinem Amtssitz Schloss Bellevue begrüßte. Wulff traf den richtigen Ton. Warmherzig in der Anrede, respektvoll, ohne unterwürfig zu sein und klar, als er die Lage der katholischen Kirche analysierte. Bestens informiert fragte der wiederverheiratete Katholik nach der Barmherzigkeit der Kirche im Umgang mit Brüchen in den Lebensgeschichten der Menschen, lobte den neuen Dialog in der Kirche, warb für mehr Ökumene, beklagte das unausgewogene Verhältnis von Laien und Geistlichen, Frauen und Männern in der Kirche. Mutige Worte.

An diesen Fragen kommt der Papst in Deutschland nicht vorbei. Das hat ihm der oberste Repräsentant des Staates für die nächsten Tage mit auf den Weg gegeben. Der Ball liegt jetzt bei Benedikt.

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