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Wahren und wehren Diana Zinkler über den Abriss von Mauerteilen an der East Side Gallery und die Politik des Senats

Berlin (ots) - Das deutsche Wort "wahren" bedeutet so viel wie beachten und behüten. Ändert man den Vokal in ein "e", so ergibt sich das Verb "wehren". Wendet man nun beide Begriffe - wahren und wehren - auf den Streit an der East Side Gallery an, so kann es nur eine Aussage geben. Man kann nicht wahren, ohne sich auch zu wehren. Um ein geflügeltes Wort zu bedienen: Wehre den Anfängen. Dann klappt's auch mit dem Bewahren. Genau dies ist im Fall der East Side Gallery nicht passiert. Nun bezog der römische Dichter Ovid, der diese Mahnung als erster verwandte, diesen Satz auf die Liebe. Die, wenn sie erst zugelassen werde, nur noch schwer zu vertreiben sei. Doch in Berlin gilt dies nun leider auch für bereits angelockte Investoren. Die, wie es seit dem neuerlichen Mauerdurchbruch vom Mittwoch deutlich wird, auf ihr Recht bestehen, da zu bauen, wo sie gekauft haben und es ihnen per Baugenehmigung auch erlaubt ist. Kurz nachdem die East Side Gallery 1991 unter Denkmalschutz gestellt wurde, wurde das Grundstück, auf dem jetzt gebaut werden soll, verkauft. Und nur zehn Jahre später, im Jahr 2001, änderten die damals noch nicht fusionierten Bezirke Friedrichshain und Kreuzberg den Bebauungsplan. Dieser Plan sieht den Bau eines Hochhauses vor. So weit ist also alles rechtmäßig. Trotzdem wird demonstriert, sogar gesungen für den Erhalt des noch längsten erhaltenen Mauerstücks. Denn der Denkmalschutz wie auch der Bezirk haben die Gesetze der Denkmalpflege, also die Maßnahmen, die zur Erhaltung des zu schützenden Kulturdenkmals nötig wären, für den Geschmack der protestierenden Bürger zu weit gefasst. Sie haben die Löcher, die jetzt immer mehr Aufmerksamkeit erregen, zugelassen. Und bis zu dem neuesten gab es bereits schon fünf. Sogar ein ziemlich großes vor der O2-World. Das hat nur niemanden gestört. Bis zu Loch Nummer Sechs. Auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) wollte sich plötzlich für den Erhalt des Mauerstücks einsetzen - und gab vor, die Geister kontrollieren zu können, die er selbst gerufen hatte. In seiner seit dem Jahr 2001 andauernden Amtszeit verkaufte Berlin viele Grundstücke an den Höchstbieter. Was an vielen Orten sinnvoll gewesen sein mag, wird an der East Side Gallery zu einem weiteren Misserfolg für den Regierenden Bürgermeister. Dabei ist der Investor alles andere als zum Dämon zu erklären, denn er nutzt nur die ihm zugewiesenen Kräfte. Jetzt wird debattiert, Schuld zugewiesen, sogar immer noch gehofft. Doch ein Ausweichen des Investors auf ein anderes Grundstück wird mit jedem Tag unwahrscheinlicher, ihn auszubezahlen, wäre zu teuer. Was bleibt jetzt also von den Wochen des Protests? Der Blick in die Zukunft. Will man die Mauer als Denkmal erhalten? Wenn ja, dann gilt es, künftige Löcher zu verhindern. Im Vorfeld. Auch übertragen auf andere historisch-kulturelle Plätze und Gebäudeensembles dieser Stadt. Der Ausverkauf Berlins hat schon vor Jahren begonnen. Jetzt gilt es besonnener zu planen, sich erst zu wehren und dann sinnvoll zu wahren. So muss die Reihenfolge sein.

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