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Die Macht der Sportler gegen die Diktatoren

Berlin (ots) - Mal angenommen, der Bundespräsident hätte seinen Besuch in der Ukraine nicht abgesagt; vermutlich wäre in Kiew dann alles wie immer. Kaum jemand würde sich um die barbarischen Zustände im Reich des sinistren Präsidenten Viktor Janukowitsch scheren. Es ist ja nicht so, dass Julia Timoschenko erst seit drei Tagen eingesperrt ist. Seit Monaten bietet Karl Max Einhäupl an, die rückenkranke Politikerin in Berlin zu behandeln. Bei allem Respekt vor dem Bundespräsidenten; aber es war der Charité-Chef, der den Fall Timoschenko in der Öffentlichkeit hielt, während die Republik über Empörungsgedichte alter Männer räsonierte, über den Feminismus-Begriff einer Symbolministerin und mehr Lebensqualität von Hunden und Katzen. Hoffte der ein oder andere vielleicht, dass das leidige Ukraine-Thema im EM-Taumel untergehen würde, obgleich das deutsche Team sein erstes Spiel in Charkow bestreitet, eben dort, wo Frau Timoschenko im Lager 54 schmort. Zugegeben: In den Jahren 2005 und 2007, als die EM vergeben wurde, sah es vorübergehend anders aus in Kiew. Die Orangene Revolution schien das Land den demokratischen Standards der EU näherzubringen. Ein Machtkampf, bei dem es vor allem um Energie-Milliarden ging, katapultierte das Land zurück ins Mittelalter. Boykott nach Gauck'schem Vorbild ist ein richtiges Signal. Politiker sollten sich nicht zu Grinsefotos mit Janukowitsch aufstellen, zumal eine EM sehr gut ohne Reisegruppen aus Parlamenten und Ministerien stattfinden kann. Was aber geschähe, wenn zudem noch die ukrainischen Spiele kurzfristig nach Deutschland verlegt würden? Kein Mensch würde mehr über Timoschenko reden. Wie beim absurden Formel-1-Rennen in Bahrain ist es für die Machthaber womöglich bitterer, wenn die Spektakel stattfinden. Denn als Kollateralnutzen werden die Inszenierungsabsichten von Diktatoren überdeutlich. Und der Sport kann durchaus nachhelfen, auf Missstände aufmerksam zu machen. Schnellfahrer Sebastian Vettel sagte in Bahrain: "Unser Job ist Sport, sonst nichts." Nach dieser Logik kann man auch im nordkoreanischen Arbeitslager seine Runden drehen. Unsinn. Jedem Athleten steht es frei, ein Bekenntnis zu Demokratie und Menschenrechten abzugeben. Niemand hält den DFB davon ab, seinen Spielern beim viel gefilmten Training ein T-Shirt mit Artikeln des Grundgesetzes anzubieten oder einfach nur mit einem Porträt Timoschenkos. Sportler haben nicht die Pflicht, aber die Chance, ihre Prominenz für Aufmerksamkeit zu nutzen. Klappt bei Sponsoren ja auch. Die Olympischen Spiele in Peking waren für die chinesischen Machthaber eben nicht nur eine Show, sondern auch eine Herausforderung, mit selbstbewussten Vertretern freier Gesellschaften umzugehen, die man nicht bei Bedarf einknasten kann. Fußballer und ihre Funktionäre, die einen Funken mehr Haltung haben als Vettel, können zumindest Druck ausüben. Sie brauchen nur den Mut, diese Macht auch zu nutzen.

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