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Der Fluch der Bankenlobby - Leitartikel

Berlin (ots) - Eigentlich besteht kein Grund zur Aufregung: Dass sich die Bad Bank der Hypo Real Estate mal kurz um 55,5 Milliarden Euro verrechnet hat, hat keinen Einfluss auf Gewinn oder Verlust. Bei der Abwicklungsanstalt, in der die giftigen Wertpapiere der Hypo Real Estate lagern, ändert sich bloß die Bilanzsumme. Man hatte halt vergessen, eingehende und ausgehende Zahlungen mit ein und demselben Geschäftspartner gegen zu rechnen. Der Fehler ist nun behoben - der deutsche Steuerzahler bekommt weder Geld zurück, noch muss er mehr zahlen. So weit, so belanglos. Doch der zumindest peinliche Vorgang legt Grundsätzliches offen: Man wird den Eindruck nicht los, dass die Finanzindustrie die eigenen Bilanzen nicht mehr versteht. Und da ist die HRE-Abwicklungsanstalt - die im Übrigen keine Bank, sondern eine Einrichtung öffentlichen Rechts ist - keine Ausnahme. Überraschungen dieser Art sind Folge von gezieltem Lobbying: Indem sich die Banken immer größere Spielräume bei der Bilanzierung erkämpft haben, fiel es ihnen zunehmend leichter, unliebsame Posten in der Bilanz zu verstecken. Die Branche schuf sich Schritt für Schritt mithilfe so genannter "Finanzinnovationen" eine hochkomplexe Geschäftswelt, die selbst von den Bankenaufsehern kaum mehr zu verstehen ist. Und das ist tatsächlich erschütternd. Indem ständig neue Produkte entworfen werden, ist sichergestellt, dass die Aufsicht stets einen Schritt hinterher ist. In guten Zeiten war das für die Banken bequem, da es die lästigen Aufseher abhielt. Doch die Branche hat inzwischen selbst erkannt, welcher Fluch in ihrer Lobbyarbeit liegt. So sagte jüngst der Vorstandsvorsitzende eines großen deutschen Finanzinstituts, dass die Bankbilanzen selbst für Kenner der Materie so undurchschaubar seien, dass man die quartalsmäßigen Übungen auch gleich sein lassen könne. Es sei eine Welt der "Scheintransparenz", in der wir uns bewegen. Auch wenn in diesem Satz ein gewisser Sarkasmus mitschwingt, so wirft er doch ein Schlaglicht auf die aktuelle Krise: Wenn selbst Banker ihren Bilanzen nicht mehr trauen, ist es kein Wunder, wenn sie sich gegenseitig kein Vertrauen mehr schenken. Sobald ein rauer Wind weht, leihen sich die Institute gegenseitig kein Geld mehr. Das war bei der Pleite des US-Investmenthauses Lehman Brothers der Fall - und ist jetzt, im Zuge der europäischen Verschuldungskrise ähnlich. Mit diesem Misstrauen wird die Krise allerdings noch verschärft: Denn auf diese Art und Weise kommen manche Banken in Bedrängnis, weil sie vom Geldfluss abgeschnitten werden - und nicht, weil sie schlecht gewirtschaftet haben. Der Geldkreislauf kommt ins Stocken und die Europäische Zentralbank muss gegensteuern, indem sie den Banken unter die Arme greift. Es ist höchste Zeit, dass sich die Regulatoren an die Arbeit machen und Finanzprodukte wieder auf den Boden zurückholen. Komplizierte Bankgeschäfte müssen einfacher werden, für Bankbilanzen muss es mehr Transparenz geben. Auch das würde Vertrauen in die Banken zurückbringen - und es wäre wesentlich billiger als die milliardenschwere Rekapitalisierung, die derzeit vorangetrieben wird.

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