CommuniPoweR Wolfgang Zöll

Schwangere zwischen Mikronährstoffdefiziten und Kalorienfalle

Friedrichsdorf (Taunus) (ots) - Experten-Empfehlung: Vor und während der Schwangerschaft ausreichend Folsäure, Omega-3 Fettsäuren und andere Mikronährstoffe zuführen und die Energiezufuhr nur unwesentlich steigern

   - Schwangere sollten ihr Risiko für Fehl- und Mangelernährung 
     kennen: Nehmen sie - auch später in der Stillzeit - zu wenig 
     Mikronährstoffe auf, gefährden sie ihre Gesundheit und die ihres
     Kindes ebenfalls. Essen sie zu energiereich, dann mästen sie 
     sozusagen nicht nur sich, sondern ihr Ungeborenes gleich mit. 
     Auf einer aktuellen Tagung der Universität Hohenheim in 
     Stuttgart erläuterten Experten die gesundheitlichen 
     Konsequenzen einer unangepassten Ernährung in dieser 
     Lebenssituation. Für bestimmte Fette, wie die mehrfach 
     ungesättigten Omega-3-Fettsäuren, sowie für Vitamine, wie das 
     B-Vitamin-Folsäure, und andere Mikronährstoffe ist der Bedarf in
     der Schwangerschaft und teilweise auch in der Stillzeit deutlich
     erhöht. Daher muss über entsprechende Lebensmittel wie zweimal 
     wöchentlich fetter Seefisch im Falle der Omega-3-Fettsäuren 
     oder täglich ausgewählte Gemüsesorten sowie andere 
     Folsäure-Lieferanten einem Defizit an diesen Nährstoffen gezielt
     vorgebeugt werden. Wenn dies nicht möglich ist, bieten 
     angereicherte Lebensmittel oder Nahrungsergänzungen eine 
     sinnvolle Lösung. Mediziner raten Schwangeren und Stillenden 
     nicht nur zu Jod-Tabletten für eine gesunde Entwicklung der 
     Schilddrüse des Babys. Auch ein Präparat mit 400 Mikrogramm 
     Folsäure pro Tag sollte spätestens ab dem Bekanntwerden der 
     Schwangerschaft, am besten jedoch schon vorher, eingenommen 
     werden. Dadurch kann Schäden an Rückenmark und Gehirn des Kindes
     vorgebeugt werden. Studien haben außerdem positive Effekte von 
     (folsäurehaltigen) Multivitamin-Präparaten bei Schwangeren 
     gezeigt. Und ebenfalls für eine gesunde Entwicklung des 
     frühkindlichen Gehirns sorgen die Omega-3-Fettsäuren, 
     insbesondere die DHA (Docosahe-xaensäure), wovon der werdenden 
     und später stillenden Mutter mindestens 200 Milligramm pro Tag 
     empfohlen werden. 

Die zunehmenden Zivilisationserkrankungen wie Adipositas und Diabetes sind eine besondere Herausforderung für die Ernährung in der Schwangerschaft. Prof. Klaus Vetter von der Klinik für Geburtsmedizin am Vivantes-Klinikum in Neukölln warnte, dass bei werdenden Müttern, die an diesen Krankheiten litten, der Fötus mit einem Überangebot an Nahrung konfrontiert werde, dem er machtlos ausgeliefert sei, und er bilde dadurch - ähnlich einer Stopfgans - zwangsläufig Fetteinlagerungen. Mögliche Folgen seien übergroße Babys, die nur noch durch Kaiserschnitt auf die Welt kommen könnten, außerdem Reifestörungen von Plazenta und Lunge. Vetter berichtete, dass hier im Extremfall schon im Mutterleib der Grundstock für spätere Herz-Kreislauf-Krankheiten gelegt würde.

In der Schwangerschaft beträgt der Mehrbedarf an Kalorien lediglich ca. 13 Prozent, und er sollte vor allem durch eine Erhöhung des Eiweißanteils in der Ernährung gedeckt werden. Der Bedarf an Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen hingegen steigt um 30 - 50 Prozent ja nach Mikronährstoff. Das erklärte Prof. Peter Bung von der gynäkologischen Praxisklinik Bonn und verwies auf einen besonders kritischen Mikronährstoff: das B-Vitamin Folsäure bzw. dessen natürliche Form, die Folate. Sie kommen in verschiedenen Gemüse- und Obstsorten, aber auch in Leber vor und stellen das eigentliche Problem dar, denn sie gehen bei Lagerung und Zubereitung rasch kaputt. Um sicherzustellen, dass die Schwangere ihren Tagesbedarf deckt, sei eine Nahrungsergänzung mit 400 Mikrogramm Folsäure notwendig, also der synthetischen, stabilen Form des Vitamins, betonte der Gynäkologe. Ergänzend zitierte er Studien, die bei guter Folsäureversorgung eine geringere Fehlgeburtenrate zeigten.

Folsäure-Nahrungsergänzung kostengünstig und effizient für gesunde Kinder

In Deutschland, so erläuterte Bung weiter, nähmen aber nur maximal 15 Prozent der betroffenen Frauen Folsäure ein. Nach Hochrechnungen entstünden alleine in diesem Land ca. 150.000 bis 200.000 Euro Kosten pro Jahr für das weitere Leben von ca. 300 - 400 Kindern, die mit einem so genannten "offenen Rücken" (spina bifida), also einem Defekt am Neuralrohr, das den Nervenkanal entlang des Rückenmarks umschließt, und anderen Behinderungen an Gehirn und Nervensystem zur Welt kommen. Das Risiko für solche schwerwiegenden Schäden könne durch eine optimale Folsäure-Versorgung der werdenden Mutter um bis zu 70 Prozent kostengünstig und effektiv gesenkt werden. Da die Folsäureversorgung in der Bevölkerung hierzulande allgemein sehr schlecht sei und nur 14 Prozent der Frauen die für die normale Tageszufuhr empfohlenen 400 Mikrogramm überhaupt erreichten, regte der Experte ferner an, in Deutschland Grundnahrungsmittel freiwillig mit Folsäure anzureichern. In anderen Ländern konnte die Zahl der Neuralrohrdefekte durch eine verpflichtende Folsäure-Anreicherung von Mehl um bis zu mehr als 70 Pozent gesenkt werden.

Für eine freiwillige Anreicherung von Grundnahrungsmitteln hierzulande, damit die Verbraucher auch noch die Wahl zwischen nicht angereicherten Lebensmitteln haben, plädierte auch Prof. Berthold Koletzko vom Haunerschen Kinderspital München. Er verwies darauf, dass von einer solchen Maßnahme nach heutiger Datenlage auch die Gesundheit der Allgemeinbevölkerung profitieren könne, weil in den Ländern mit längerer Anreichungspraxis nicht nur die Fälle von Neuralrohrdefekten sondern auch von Krebs und Kerz-Kreislauf-Erkrankungen zurück gingen. Bedenken, dass Folsäure die Krebsrate erhöhen könne, wies er als nicht belegt zurück.

Versorgungsproblem Omega-3-Fettsäuren

Der Pädiater veranschaulichte ferner ausführlich, welchen gesundheitlichen Nutzen für Mutter und Kind eine optimale Versorgung mit Omega-3-Fettsäuren bringt, vor allem mit DHA als der wichtigsten. Diese und andere essentielle Fettsäuren liefern keine Energie, wie andere Fette, sondern bilden die Struktur in den Membranen von von Gehirn- und Nervenzellen, wie beispielsweise den Sehzellen. Ferner wirken sie schützend auf Herz und Kreislauf und modulieren das Immunsystem. Somit können sie das Allergierisiko insbesondere für Neurodermitis und Asthma erheblich vermindern. Auch die Rate der Frühgeburten kann durch eine verbesserte Aufnahme von Omega-3-Fettsäuren um mindestens ein Drittel gesenkt werden. Abgesehen davon, dass die schwangere wie die stillende Frau zweimal wöchtlich fetten Seefisch (als einzige natürliche DHA-Quelle) wie Thunfisch, Lachs, Hering oder Makrele essen muss, um auf die empfohlene Menge von 200 Milligramm DHA pro Tag zu kommen, erläuterte Koletzko noch einen weiteren wichtigen Faktor für die DHA-Versorgung: Die Fähigkeit des eigenen Körpers, aus pflanzlichen essentiellen Fettsäuren DHA zu bilden. Dies ist jedoch genetisch bedingt nicht für jeden Menschen möglich. In Deutschland ist von diesem Problem jeder Vierte betroffen. Der Pädiater führte aus, dass bei Kindern, die DHA nicht selber bilden können, ein viermal so hohes Risiko für Neurodermitis gefunden wurde wie bei Kindern ohne dieses Defizit. Seine gute Nachricht lautete: Was die Gene nicht zulassen, kann für den Organismus durch eine erhöhte Zufuhr von DHA wieder ausgeglichen werden.

Der Experte berichtete, dass auch die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA die positive Wirkung von Omega-3-Fettsäuren auf die Gehirnentwicklung wissenschaftlich bestätigt. Und er stellte Studienergebnisse vor, die belegen, dass die kognitive Gehirnleistung so wie die Sehfähigkeit bei Kindern bis zu acht Jahren besser ausgebildet sind, wenn deren Mütter in Schwangerschaft und Stillzeit entweder über Fisch-Konsum oder über eine Nahrungsergänzung mit Omega-3-Fettsäuren gut versorgt waren. Sie sollten daher auch in Nahrung für nicht-gestillte Säuglinge enthalten sein. Die Mütter selber, so der Forscher, profitieren ebenfallls von einer optimalen Aufnahme essentieller Fettsäuren. Denn diese können das Auftreten von "Wochenbettdepressionen" nach der Geburt eindämmen, unter denen immerhin jede 10. frisch gebackene Mutter leidet.

Mit allen Experten gemeinsam kritisch diskutiert wurden die Möglichkeiten, den notwendigen Fischverzehr zu realisieren. In Sachen Schadstoffbelastung seien Schwangere und Stillende eher bei Hering und Makrele auf der sicheren Seite, lautete die ein Statement. Offensichtlich wurde, dass einige Faktoren, insbesondere persönliche Vorlieben beim Essen, dazu führen, dass keine oder zumindest keine zwei Fischmahlzeiten pro Woche gegessen werden. Eine Nahrungsergänzung, die die Frauen mit 200 Milligramm DHA täglich versorgt, sehen die Forscher als absolut unbedenklich an. In der abschließenden Diskussion wurde auch auf die Bedeutung einer guten Versorgung mit anderen Mikronährstoffen (Jod, Eisen, Vitamin D, Vitamin A, B-Vitamine) hingewiesen und in dem Zusammenhang auf Studien, die einen positiven Einfluss von Multivitaminpräparaten auf die kindliche Entwicklung im Mutterleib ergeben hatten.

Quelle: 
5. Hohenheimer Ernährungsgespräch 
"Ernährungsrisiken in der Schwangerschaft" 
30. Mai 2011,Universität Hohenheim,Stuttgart 
Nationale Verzehrsstudie (NVS) II, Ergebnisbericht Teil 1 und 2, Max-Rubner-Institut, Karlsuhe 2008 
Shah P.S. et al. Effects of prenatal multimicronutrient supplementation on pregnancy outcomes: a meta-analysis. CMAJ. 2009 Jun 9;180(12):E99-108. 

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