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Aufgeputscht, Börsenkommentar "Marktplatz", von Dieter Kuckelkorn.

Frankfurt (ots) - Die jüngste Entwicklung des Ölpreises ist äußerst bemerkenswert. In einem durch anhaltende Konjunkturschwäche geprägten Umfeld legt dieser seit rund zwei Wochen stetig zu. Die führende Nordseesorte Brent hat inzwischen mit 106,67 Dollar je Barrel (159 Liter) den höchsten Stand seit April erreicht. In den USA ist der Preis der wichtigsten Sorte West Texas Intermediate inzwischen so hoch wie zuletzt vor 14 Monaten.

Der Hauptgrund für den Anstieg ist die äußerst angespannte politische Lage in Ägypten nach dem Scheitern der islamistischen Regierung unter dem Präsidenten Mohammed Mursi und der Machtübernahme durch das Militär.

Ägypten ist zwar kein wichtiges Ölförderland. Die größte Nation im arabischen Raum produziert lediglich 700000 Barrel pro Tag (bpd). Für einen Weltmarkt mit einem Gesamtvolumen von 91 Mill. bpd wäre ein Ausfall der ägyptischen Förderung also unbedeutend. Allerdings ist der Suezkanal eine der wichtigsten Schifffahrtsstraßen auch für den Transport von Rohöl. Pro Tag werden durch dieses Nadelöhr immerhin 2 Mill. bpd transportiert.

Von noch größerer Bedeutung sind aber die politischen Signale, die die Akteure in Kairo in die gesamte arabische Welt - und damit auch in die Hauptförderregion am Persischen Golf - ausstrahlen. Dabei dreht sich die Besorgnis der Marktteilnehmer weniger um die Tatsache, dass das Militär geputscht hat. Machtübernahmen durch Armeegeneräle hat es in Ölförderländern in der Vergangenheit nicht gerade selten gegeben, meist ohne nennenswerte Produktionseinschränkungen bei dem Energieträger, weil sich auch die neuen Machthaber am Öl ihrer Länder bereichern wollten. Als deutlich beängstigender wird die Reaktion der entmachteten Moslembruderschaft und der ägyptischen Salafisten eingeschätzt. Mursi hatte sich seiner Entmachtung mit einer für Politiker ungewöhnlichen Halsstarrigkeit entgegengestellt und dabei nicht einmal darauf reagiert, dass ihm sein Gegenspieler, Verteidigungsminister al-Sisi, offenbar goldene Brücken bauen und ihm eine Festnahme ersparen wollte.

Am Freitag ist es auf dem Sinai bereits zu einem Anschlag mit islamistischem Hintergrund auf Soldaten gekommen und in Kairo hat eine aufgebrachte Menschenmenge versucht, die Kaserne zu stürmen, wo sie Mursi vermutete. Die Lage könnte sich weiter zuspitzen: Die Armee hat inzwischen die Spitze der Moslembruderschaft verhaftet, während die Islamisten landesweit mit Rache drohen. Folge könnte eine neue Welle islamistischer Gewalt im arabischen Raum sein, für die Ölförderanlagen ein attraktives Ziel wären, weil sich aus Sicht von Terroristen dort mit geringem Einsatz eine große Wirkung erzielen lässt.

Zudem könnte sich die Bevölkerung in anderen arabischen Ländern durch die Ereignisse in Kairo veranlasst sehen, ihre Despoten an der Staatsspitze abzuservieren. Sollten die Unruhen wichtige Förderländer wie den Iran, die Golfemirate oder sogar Saudi-Arabien erfassen, würde das die Versorgungssicherheit der Industrieländer ernsthaft gefährden.

Der Anstieg des WTI-Ölpreises hat aber noch einen anderen Hintergrund: Am Markt macht sich die Erwartung breit, dass eine sich eventuell rascher als bislang erwartet erholende US-Konjunktur den Ölverbrauch in der wichtigsten Volkswirtschaft der Welt nach oben treiben könnte. Am Freitag haben die amerikanischen Arbeitsmarktdaten diese Erwartung noch verstärkt, weil US-Unternehmen außerhalb der Landwirtschaft im Juni wie auch schon im Vormonat 195000 zusätzliche Jobs geschaffen haben. In diesem Umfeld wirkt auch positiv, dass die US-Notenbank Fed nach der Ankündigung eines Kurswechsels, der wie ein Schock auf die Märkte wirkte, nun signalisiert, dass sie dabei mit Augenmaß vorgehen will.

Auf der anderen Seite des Atlantiks drückt zwar die Rezession in der Eurozone auf den Ölverbrauch und damit grundsätzlich auch auf die Brent-Notierungen. Eher preistreibend hat aber die erstmalige Ankündigung der Europäischen Zentralbank gewirkt, dass sie gedenkt, ihren ultralockeren geldpolitischen Kurs längerfristig beizubehalten.

Damit stellt sich die Frage, wie es mit dem Ölpreis weitergeht. Die optimistischer eingeschätzte konjunkturelle Lage in den USA und der geldpolitische Kurs der Notenbanken in den USA, der Eurozone und auch Japan dürften sich in den kommenden Wochen als eine Stütze des Ölpreises erweisen. Weiteres Potenzial nach oben ist allerdings nach Ansicht vieler Analysten nur für den Fall zu erwarten, dass sich die Lage im Nahen Osten zuspitzt.

(Börsen-Zeitung, 6.7.2013)

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