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Die Bürde der Chemie, Kommentar zur Bayer-Bilanzpressekonferenz, von Claus Döring

Frankfurt (ots) - Bayer, aber auch die Pharmaindustrie generell müssten die segensreichen Wirkungen innovativer Medikamente besser kommunizieren, fordert Bayer-Chef Marijn Dekkers. Viele Patienten wüssten häufig nicht, welches Medikament von welchem Unternehmen ihnen das Leiden lindere oder gar das Leben gerettet habe.

Da mag etwas dran sein. Doch speziell Bayer hat noch ein anderes Wahrnehmungsproblem, und zwar am Aktienmarkt. Dort werden die Leverkusener nach wie vor wie ein Chemieunternehmen und nicht wie ein Life-Sciences-Konzern bewertet. Der Ausblick auf steigende Rohstoffpreise und auf die konjunkturellen Risiken für das Bayer-Chemiesegment MaterialScience haben gestern bei der Bilanzvorlage die aussichtsreichen Perspektiven im Gesundheits- und Pflanzenschutzgeschäft überlagert und die Aktie umgehend auf Talfahrt geschickt.

Und auch jenseits der Tagesperformance lässt sich das Problem erkennen: So verzeichneten die Bayer-Titel inklusive der 2011 ausgezahlten Dividende von 1,50 Euro je Aktie im vergangenen Jahr einen Wertverlust von 8% und damit in derselben Höhe wie der Euro Stoxx Chemicals Index. Der Euro Stoxx Health Care Index dagegen legte um 21% zu.

Noch ziert sich der seit Oktober 2010 amtierende Vorstandschef Dekkers, das Chemiegeschäft zum Verkauf ins Schaufenster zu stellen und Bayer vollständig auf LifeScience zu konzentrieren. Dekkers verweist - nicht zu Unrecht - auf die guten Marktpositionen als führender Hersteller von Kunststoffgranulaten, von Vorprodukten für Schaumstoffe sowie für Lacke und Farbstoffe. Aber will er warten, bis Bayer in diesem kompetitiven und konjunkturabhängigen Markt an Boden verloren hat und das Chemieportfolio nicht mehr aus einer Position der Stärke verkaufen kann?

Dekkers will Bayer unter die zehn umsatzstärksten Unternehmen im Pharmamarkt führen. Heute rangiert man auf Platz 15. Einen solchen Sprung schafft nur, wer über eine solide finanzielle Basis verfügt und die Ressourcen bündelt. Die Finanzen sind nach dem Kraftakt der Schering-Übernahme im Jahr 2006, der die Finanzschulden auf 20 Mrd. Euro katapultierte, mit aktuell 7 Mrd. Euro Netto-Finanzschulden wieder in belastbarer Verfassung. Wenn sich Bayer beim Akquisitionssprung nach vorn zugleich vom Chemiegeschäft verabschiedete, könnte sich Bayers Losung "Science For A Better Life" nicht nur für die Gesellschaft, sondern auch für die Aktionäre noch eindrucksvoller mit Inhalt füllen.

(Börsen-Zeitung, 29.2.2012)

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