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Zürich (ots) - Der Publikumsrat SRG.D beschäftigte sich in der August-Sitzung einerseits mit «Tama ...

Migros-Genossenschafts-Bund Direktion Kultur und Soziales

migros museum für gegenwartskunst präsentiert vom 13. Juni - 1. August 2010 zwei Ausstellungen: Collection und Ars Viva 09/10 - Geschichte History

Katharina Sieverding, Transformer, 1973-1974 Diainstallation (8 Diaprojektoren mit je 80 Kleinbilddiapositiven), Grösse variabel (Foto: A.Burger)

    Zürich (ots) -

    - Hinweis: Bildmaterial steht zum kostenlosen Download bereit  
        unter: http://www.presseportal.ch/de/pm/100009795 -

    Collection migros museum für gegenwartskunst: Der Schwerpunkt dieser Sammlungspräsentation liegt auf den raumfüllenden, performativen Installationen der Sammlung. Die Ankäufe ergeben sich meist aus den Werkproduktionen für Ausstellungen und in enger Zusammenarbeit mit den Künstlern. So konnten über die Jahrzehnte verschiedene grosse installative Werke angekauft werden.

    Für die Performance The Fall of Man, A Puppet Extravaganza, die erstmals auf der Tate Triennial 2006 gezeigt wurde, konstruierte Spartacus Chetwynd (*1973 in London) eine komplexe Bühneninstallation. Dabei orientierte sie sich an einem klassischen zentralperspektivischen Bühnenbild, das im Barocktheater seine Blütezeit erlebt hatte und mittels Perspektivverkürzung eine räumliche Illusion erzeugt. Im Zentrum der Arbeit stehen zwei Tische mit Landschaftsmodellen, die auf je eine literarische Quelle verweisen: einerseits John Miltons Paradise Lost (1667), andererseits Die deutsche Ideologie (1845/1846) von Karl Marx und Friedrich Engels. Auf dem einen ist eine Paradiesvorstellung mitsamt dem Sündenfall (im Englischen Fall of Man) dargestellt, auf dem anderen die Stadt Utopia, Wohnort der idealen Gesellschaft. Das komplette Bühnenbild wurde in der Tradition der Bricolage konstruiert - einfache Materialien wie Karton, Plastikröhren und Fotokopien dominieren das Werkstoffrepertoire. Der Begriff Bricolage wird dabei nicht nur in seiner traditionell künstlerischen, formal-ästhetischen Funktion verstanden, sondern wie in Claude Lévi-Strauss' Abhandlung Das wilde Denken (1962) als Prozess, in dem ein Objekt mit einer bestimmten soziokulturellen Konnotation übersetzt wird und zu einer neuen kulturellen Identität gelangt. Der Begriff impliziert auch, dass nicht ein bereits vorgefertigtes formales Instrumentarium zur Verfügung steht, sondern das Vorgehen von einer expliziten Experimentierfreude bestimmt wird - so ist das "wilde Denken" eine psychische Funktion, die (noch) keine rational-analytischen, wohl aber kombinatorische Fähigkeiten besitzt. So wurde das Theater auch nicht mit klassischen Puppen gespielt, sondern etwa mit Gemüse, das eine abstrahierte Stellvertreterfunktion einnahm. Mit ihrem wilden Denken re- und dekonstruiert Chetwynd nicht nur theaterhistorische Fragen, sondern thematisiert gleichsam die Repräsentation von Macht und Kultur.

    Bei einem Rockkonzert der Gruppe The Who im Londoner Roundhouse wurde Gustav Metzgers (*1926 in Nürnberg) Liquid Crystal Environment (1965-1998) im Jahr 1966 erstmals in einem grösseren Rahmen gezeigt. Die kaleidoskopartigen Strukturen aus Flüssigkristallen, die durch die Hitze der Diaprojektoren in Bewegung versetzt wurden, lieferten hierbei ein psychedelisches Bühnenbild. Metzger entwickelte in der gesellschaftlichen Aufbruchstimmung der 1960er Jahre seine Idee einer Auto-Destructive Art. In fünf Manifesten erörtert er die Frage nach den Bedingungen und Möglichkeiten der Kunst nach Holocaust und Hiroshima. Bereits als Kind wurde Metzger mit der möglichen Vernichtung der eigenen Existenz konfrontiert: Metzger wurde 1926 als Kind jüdischer Eltern in Nürnberg geboren. Gemeinsam mit seinem Bruder gelang ihm 1939 die Flucht aus dem faschistischen Deutschland, während nahezu die gesamte Familie Metzgers von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Metzger absolvierte eine Ausbildung als Schreiner und studierte an verschiedenen europäischen Kunsthochschulen. Seitdem lebt er mit wenigen Unterbrechungen in London. Seine Strategie zur Rückeroberung des Terrains der Kunst besteht in der Schaffung der Auto-Destructive Art, einer Kunst, der ein Selbst¬zer¬störungs-mechanismus innewohnt und die sich durch diesen konstituiert. Die Idee der autodestruktiven Kunst erweitert Metzger später um die Dimension der autokreativen Kunst, zu der auch die Liquid Crystals gehören. Dahinter steckt das Konzept eines Werkes, das sich aus sich selbst erschaffen kann, ohne die bestimmende Hand des Künstlers. Der künstlerische Akt wird zwar durch den Menschen in Gang gesetzt, jedoch danach dem Zufall überlassen. Ende der 1990er Jahre wird die Arbeit erstmals rekonstruiert. Mittels manipulierter Diaprojektoren, die mit Rotationsgeräten ausgestatten sind, wird das Liquid Crystal Environment nun grossflächig auf die Wände des Ausstellungsraumes projiziert.

    Katharina Sieverdings (*1945 in Prag) Arbeit Transformer (1973-1974) kreist thematisch um die komplexe und vielschichtige Frage nach Identität und dem Austausch zwischen dem Individuum und gesellschaftlichen Strukturen. Wie in vielen Arbeiten von Sieverding bildet hier der selbstreflexive Blick auf ihre eigene Physiognomie den Ausgangspunkt, von dem aus sie Kommentare zu den zeitgenössischen gesellschaftlichen Zuständen künstlerisch formuliert. Die Arbeit Transformer ist eine Dia-Installation mit acht Projektoren, die in einem unregelmässigen Rhythmus eine einnehmende Gesamtinszenierung ergibt. Sie wurde für die gleichnamige, legendäre Gruppenausstellung im Kunstmuseum Luzern im Jahr 1974 geschaffen, die sich dem Thema der Travestie annahm und in der Sieverding die einzige Künstlerin war. Gezeigt werden Dias mit Porträts, unterschiedlich in ihrer Belichtung, den Posen des Gesichts und den Kontrasten: Das Gesicht der Künstlerin überlagert sich jeweils mittels Doppelbelichtung mit demjenigen ihres Partners Klaus Mettig - das Resultat ist ein fiktives, androgynes Gesicht, welches sphinxartig und gespenstisch wirkt. Bei jeder minimalen Veränderung zeigt sich eine neue Facette des Ausdrucks, eine unentwegte Transformation wechselnder Identitäten.

    KATALOG: Ein ausführlicher Sammlungskatalog mit Textbeiträgen von Lionel Bovier, Dan Fox, Gisèle Girgis & Hedy Graber, Raphael Gygax, Tom Holert, Heike Munder, Bettina Steinbrügge, Philip Ursprung, Astrid Wege, Judith Welter, Jan Verwoert, Tirdad Zolghadr ist 2008 bei JRP|Ringier erschienen. Der Katalog führt den Kernbestand der Sammlung erstmals komplett auf.

    SCHULKLASSEN-WORKSHOPS: Zur Ausstellung bietet das Museum museumspädagogische Workshops für Schulklassen an. Daten: 15. Juni bis 22. Juli 2010 zwischen 9.30 und 16.30 Uhr. Jeweils Montag, Dienstag und Donnerstag. Dauer: 1,5 Stunden. Bitte geben Sie bei der Anfrage mind. zwei mögliche Termine an. Für Schulklassen kostenlos. Anmeldungen an: Brigit Meier, Museumspädagogin, kunstvermittlung@migrosmuseum.ch.

    KINDER-FERIENWORKSHOPS IN DEN SOMMERFERIEN: Zur Ausstellung bietet das migros museum für gegenwartskunst, die Kunsthalle Zürich und der «FerienSpass» der pro juventute Workshops an. Die Workshops bestehen aus spielerischer Kunstbetrachtung und künstlerischem Gestalten. Termine: Freitag, 23. Juli / Montag, 26. Juli / Dienstag, 27.Juli. Kosten: Fr. 20.- Der Workshop dauert von 10-16 Uhr und ist an Kinder und Jugendliche von 6 bis 12 Jahren gerichtet. Für weitere Informationen: Brigit Meier, Museumspädagogin, kunstvermittlung@migrosmuseum.ch.

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    Ars Viva 09/10 - Geschichte History: Mariana Castillo Deball, Jay Chung & Q Takeki Maeda, Dani Gal: In einer Zeit der Mediatisierung, in der wir täglich grösseren Datenmengen ausgesetzt sind und das Zeitempfinden saisonal und unter anderem von der Geschwindigkeit der Mode- und Designindustrie gesteuert ist, werden eben noch aktuelle Dinge schnell historisch. Hier scheint die Beschäftigung mit Geschichte eine Möglichkeit des Innehaltens und der Entschleunigung zu bieten. Dass die renommierte ars-viva-Ausstellung des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft in diesem Jahr mit Mariana Castillo Deball, Jay Chung & Q Takeki Maeda und Dani Gal Preisträger zeigt, die sich erneut dem Begriff «Geschichte» nähern, trägt einer gesellschaftlichen Entwicklung Rechnung, die nicht nur auf die immer unübersichtlicher werdenden rasanten Kommunikationsformen zurückzuführen ist.

    Mariana Castillo Deball, Jay Chung und Q Takeki Maeda sowie Dani Gal rücken historische Fragmente, Dokumente und Objekte in ein neues Licht. Die Künstler schlüpfen in die Rolle von Amateur-Archäologen und arbeiten mit Fundstücken und Fragmenten. Dabei ist auffällig, dass alle vier Preisträger ein offensichtliches Interesse an historischen Objekten zeigen, diese jedoch keine Rückschlüsse auf ein geschichtliches Ganzes liefern. Sie dienen eher einem assoziativen Spiel, das formal dem Mnemosyne-Atlas Aby Warburgs gleicht und das persönliche Begegnungen mit Objekten und Orten spiegelt.

    Sicherlich ist die Auseinandersetzung mit Geschichte in der zeitgenössischen Kunst kein unbekanntes Phänomen. Spätestens durch die philosophischen Strömungen der 1960er Jahre wurden die Konstruktion von Geschichte, ihr Wahrheitsanspruch und ihre Kanonisierung in Frage gestellt und Erzählmodelle entwickelt, die mit linearen Geschichtsmodellen brechen. In der Konzeptkunst der 1960er und 1970er Jahre und bei den Appropriation-Art-Künstlern der 1980er Jahre werden diese Gedanken verarbeitet und traditionelle Strategien der Geschichtsschreibung bewusst aufgelöst. Bis dato unbeachtete historische Ereignisse und wenig verbreitete Erzählformen rücken seitdem immer mehr in den Fokus der Kunst. Damals wie heute bedienen sich Künstler dabei Medien wie der Textcollage, dem Kommentar, der Dokumentation oder dem Interview, allerdings werden diese methodischen Ansätze heute nicht in erster Linie als Mittel der Wahrheitsfindung oder didaktischen Aufklärung eingesetzt.

    Fast scheint es, dass diese Vorgehensweise, nachdem der Wahrheitsgehalt der historischen Repräsentationsformen genauso in Frage steht wie das gesellschaftliche Gefüge, das sie abbilden sollen, der kleinste gemeinsame Nenner ist, auf den man sich noch einigen kann. Historische Objekte werden ihrem ursprünglichen Kontext entnommen, arrangiert und zu anderen Dingen in Relation gestellt. Die Künstler reflektieren dabei einerseits die Bedingungen der musealen Präsentation und des Displays, andererseits wird im neuen Umfeld aber auch ihre Faktizität, ihr Charakter als reines Dokument in Frage gestellt. Vielmehr entwickeln diese Objekte durch ihre Präsentation ein eigenes emotionales und imaginäres Potenzial. In einigen Fällen erheben sie sogar selbst die Stimme und erzählen ihre subjektive Geschichte.

    Ausstellungskuratorin: Heike Munder

    ars viva-Preis: Seit 1953 vergibt der Kulturkreis der deutschen Wirtschaft im BDI den Kunstpreis ars viva zur Förderung junger Künstler und Künstlerinnen. Thematische Schwerpunkte, die jährlich neu gesetzt werden, geben ihm seine besondere Aktualität. Weitere Informationen sind abrufbar unter: www.kulturkreis.eu

    Eine Ausstellung der PreisträgerInnen Bildende Kunst des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft im BDI e.V., in Kooperation mit dem Museum Wiesbaden, dem Kölnischen Kunstverein und dem migros museum für gegenwartskunst, Zürich.

    KATALOG: Parallel zur ars viva-Ausstellungsreihe im Museum Wiesbaden, Kölnischen Kunstverein und migros museum für gegenwartskunst ist ein Katalog bei Hatje Cantz erschienen, der die Arbeiten der Preisträger umfassend dokumentiert.

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    PRESSEKONFERENZ: Freitag, 11. Juni 2010, 11.30 Uhr ERÖFFNUNG: Samstag, 12. Juni 2010, 18 Uhr PROGRAMM ERÖFFNUNG: Dr. Arend Oetker, Vorsitzender des Gremiums Bildende Kunst des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft Hedy Graber, Leiterin der Direktion Kultur und Soziales des Migros-Genossenschafts-Bundes, Zürich Heike Munder, Leiterin des migros museum für gegenwartskunst Zürich

    ÖFFENTLICHE FÜHRUNGEN: Sonntag, 20. und 27. Juni, 11. und 25. Juli, um 15 Uhr sowie Donnerstag, 17. Juni und 29. Juli, um 18.30 Uhr.

    ÖFFNUNGSZEITEN: Di / Mi / Fr 12-18, Do 12-20, Sa / So 11-17 Uhr. Der Eintritt ins Museum ist donnerstags von 17-20 Uhr kostenlos.

    migros museum für gegenwartskunst, Limmatstrasse 270, 8005 Zürich, Tel. +41 44 277 20 50, Fax +41 44 277 62 86, info@migrosmuseum.ch Bitte beachten Sie die neu gestaltete Homepage: www.migrosmuseum.ch

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    Das migros museum für gegenwartskunst ist eine Institution des Migros-Kulturprozent. Das Migros-Kulturprozent ist ein freiwilliges, in den Statuten verankertes Engagement der Migros für Kultur, Gesellschaft, Bildung, Freizeit und Wirtschaft. www.migros-kulturprozent.ch

Kontakt:
Barbara Salm, Leiterin Kommunikation, Direktion Kultur und Soziales,
Migros-Genossenschafts-Bund, Zürich, Tel. 044 277 20 79,
barbara.salm@mgb.ch
Für Bildmaterial sowie weitere Informationen wenden Sie sich bitte
an: presse@migrosmuseum.ch


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