Bundespräsident Moritz Leuenberger

Rede von Bundespräsident Moritz Leuenberger bei der präsidialfeier von Kaspar Villiger, Bundespräsident des Jahres 2002, im Kultur- und Kongresszentrum Luzern

    Luzern (ots) - Dies ist ein trauriger Tag.

    Entschuldigung, aber ich bin es mich langsam gewohnt, jede Rede so zu beginnen. Zudem ist es ja wirklich auch traurig, das Präsidium abgeben zu müssen - für mich wenigstens.

    Kaspar Villiger, der freut sich natürlich. So ist es eben im Bundesrat. Wir lesen schliesslich alle die Zeitungen und wir wissen: Bei uns herrscht Eifersucht, Missgunst. Kampf und Streit.

    Ich habe schon vor sechs Jahren mit einem fiesen Trick gegen Kaspar Villiger angefangen:

    Ich begann die Bundesratstätigkeit am 1. November 1995, als er nur noch ganz kurz Präsident war. Wegen dieser zwei Monate konnte ich dann bereits 2001 Präsident werden. Wäre ich ordentlich am 1. Januar ins Amt getreten, wäre Kaspar Villiger jetzt in diesem Jahr Bundespräsident gewesen. Aber so musste er warten.

    Er hat sich aber gerächt. Im 2001 hätte ja die Expo eröffnet werden sollen, und ich habe mich darauf gefreut. Er griff in seine Schatzmeistertrickkiste und erreichte irgendwie, dass die Eröffnung auf 2002 verschoben werden musste. Die Lorbeeren nächstes Jahr wird Kaspar Villiger also einsacken können.

    Ich liess mich natürlich nicht lumpen und habe es ihm zurück gegeben: Nächstes Jahr gibt es kein WEF in Davos sondern nur in New York. Wer will da schon hin?

    Ja, so ist das, homo homini lupus, der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, und darum wollen wir ja die Wölfe schützen, - man weiss ja nie, ob einer von ihnen ein Bundesrat ist. Besonders schwierig sind sie zu erkennen, wenn sie sich verkleiden mit Schafspelzen oder Hornbrillen. Wir sahen heute in der Zeitung eine Foto eines Mannes wie aus einem Coiffeursalon der fünfziger Jahre: Backenbart, dicke Hornbrille. Gemäss FDP soll es sich um Kaspar Villiger handeln.

    Wer ist Kaspar eigentlich?

    Der Duden gibt zwei Varianten:

    Die erste: Kaspar sei einer der drei Könige. Das stimmt, ich, der ich letztes Jahr vor allem in Kirchen auftrat, weiss das. Kaspar war der Perser und auf persisch heisst Kaspar der «Schatzmeister».

    Im Duden steht aber auch noch: «Kaspar = lustige, mit Zipfelmütze, lachendem Mund und Mutterwitz ausgestattete männliche Hauptfigur des Puppenspiels.»

    Ich muss diese Definition klar zurückweisen: Der Gesamtbundesrat ist kein Puppenspiel. In einem hat der Duden aber Recht: Die Hauptfigur ist Kaspar.

    Er hat das schon in seinem ersten Amtsjahr bewiesen: Er wurde 1989 Bundesrat und wenige Monate später erreichte er, dass die Berliner Mauer fiel.

    Von einigen Starjournalisten, die nach meinem Präsidialjahr, in welchem ich als Softie dahinsäuselte, sehnsüchtig von Napoleon als einem Modell für die Schweiz träumen, hören wir den Ruf nach einem starken Mann. Das ist jetzt nicht mehr nötig. Der Ruf wurde erfüllt.

    Wir haben den starken Mann:

    - 84,7 Prozent sagten am letzten Wochenende Ja zur              
        Schuldenbremse,

    - 85 Prozent finden Kaspar Villiger einen ausgezeichneten        
        Bundesrat,

    - und gestern erhielt er 183 Stimmen.

    Kaspar muss langsam aufpassen - ab 90 Prozent spricht man von einem Diktator.

    Kaspar Villiger wird nächstes Jahr Finanzminister und Präsident sein. Er war in den sechs Jahren, in denen ich ihn erlebte, auch immer mehr als ein blosser Schatzmeister. Er lebte die Kollegialität im Bundesrat vor. Er ist - auch wenn er einen Entscheid vertreten muss, mit dem er eigentlich nicht einverstanden ist - immer loyal; er wird immer daran festhalten, alle Kräfte in diesem Land in die Verantwortung einzubinden, Ausgleich und Zusammenhalt zu schaffen. Kaspar Villiger spricht immer wieder mit Ueberzeugung von der Willlensnation. Das glauben ihm auch alle, denn er lebt uns die Willensnation Schweiz vor.

    Es ist kein Zufall, dass es Kaspar Villiger war, der seinerzeit zum Runden Tisch eingeladen hat. An ihm hat er alle versammelt und den Streit um die Bundesfinanzen geschlichtet. Ich bin sicher, dass in seinem Präsidialjahr das ganze Land an einem solchen Runden Tisch wird Platz nehmen können.

    Ich muss heute das Präsidium weitergeben, wie es unser Rotationssystem verlangt, eine sinnvolle Einrichtung, die langsam Fuss fasst und immer häufiger imitiert wird:

    So rotiert zum Beispiel auch die Miss Schweiz jedes Jahr, und es wird sich, am Automobilsalon eine andere Frau auf Kaspar Villiger stürzen als auf mich.

    Auch Fussballmannschaften kennen für ihren Trainer das Rotationssystem: Keiner länger als ein Jahr!

    Ich habe während diesem Jahr immer wieder mit Überzeugung die Meinung vertreten, wie gut es ist, dass sich jedes Jahr eine andere Bevölkerung, eine andere Minderheit mit dem Präsidenten identifizieren kann. Die Unterschiede sind denn auch Jahr für Jahr frappant:

    Mein Vorgänger war volksliberal, ich linksliberal und Kaspar Villiger ist wirklich liberal.

    Am Neujahr ziehe ich mich zurück in mein Departement, Kaspar Villiger zieht wohl an einer Zigarre, und mein Vorgänger zieht an einem Tännlein.

    Kaspar Villiger, Du wirst jetzt all die Ansprachen an den heiligen Eckdaten schweizerischer Politik bestreiten: Die Neujahrsansprache am 1. Januar, die patriotische Ansprache am 1. August, die rote Ansprache am 1. Mai und die Ansprache zu den schwarzen Zahlen in der Rechnung, die kommt wohl am 1. April...

    Du wirst sprechen zum Tag der Kranken, zum Tag der Mütter, zum Tag der Alten und zum Tag des Groundings. (Ich meine natürlich nicht den des FC Luzern...).

    Hier im KKL - Kaspars kleinem Landhaus - gebe ich also heute den Stab weiter (ein Vergleich aus dem Sport, ich weiss, aber etwas habe ich schliesslich bei meinem Vorgänger gelernt...). Dir gebe ich ihn gerne weiter, du weißt, ihn zu tragen, du weisst zu führen, das hast du bei der Swissair bewiesen, sie heisst ja künftig nicht Billigair sondern Villigair.

    Ich habe meinerseits die möglichen Katastrophen des nächsten Jahrtausends auf mein Präsidialjahr konzentriert, so dass es Dir eigentlich gut gehen sollte.

    Und wenn ich so sehe, wem ich den Stab weitergeben kann, merke ich:

    Dies ist ein fröhlicher Tag!

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