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Extreme Armut: Wie lebt man von einem Franken pro Tag?

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Zürich/Abaya (ots)

Wie ist es möglich, dass zu einer Zeit der weltweiten Überproduktion noch Menschen in extremer Armut leben? Der Besuch bei Abebe und seiner Familie in Äthiopien zeigt: Der Alltag in Armut ist unvorstellbar - und hat teilweise überraschende Gründe. Die einzige Hoffnung für den Tagelöhner aus dem Teufelskreis auszubrechen, ist die Hilfe der Schweizer Stiftung Menschen für Menschen.

Die Kleider der vier Kinder sind erdfarbene Lumpen. Ihre Haare wirken stumpf. «Wir haben kein Geld für Seife», sagt Abebe Gemade, der Vater. Zur Nachtruhe legen sich die Kinder auf den Lehmboden der Hütte, oft mit Hunger im Bauch. Sie gehen nicht zur Schule, weil für Hefte und Stifte das Geld fehlt. «Ich schaffe es nicht, für meine Kinder zu sorgen», sagt der Tagelöhner. «Das macht mich fertig.»

Abebe und seine Familie gehören zu den extrem Armen. Gemäss Definition der Weltbank ist ein Mensch extrem oder absolut arm, wenn er von weniger als 1.90 Franken pro Tag leben muss. Insgesamt geht ihr Anteil an der Weltbevölkerung zurück. 1990 lebten noch dreissig Prozent der Menschen in extremer Armut. Heute verharrt nur noch einer von zwölf Erdenbürgern in dieser Not. Nur in Afrika südlich der Sahara nimmt die Zahl der extrem Armen insgesamt zu. Dies liegt am starken Bevölkerungswachstum. In zehn Jahren werden neun von zehn extrem Armen in Afrika leben.

«Die Gründe dafür sind vielfältig», sagt Dr. Martin Grunder, Projektkoordinator bei Karlheinz Böhms Äthiopienhilfe Menschen für Menschen (www.mfm.ch) vor Ort in Addis Abeba. «Aber häufig kann sie auf einen Kern zurückgeführt werden. Nämlich auf fehlende Bildung.»

Abebe brach die Grundschule nach dem zweiten Schuljahr ab. Seine Frau Meseret war nie in einem Klassenraum. Im abgelegenen ländlichen Distrikt Abaya, in dem die Familie lebt, gibt es keine Industrie, die ungelernte Hilfsarbeiter beschäftigen könnte. Also bleiben Abebe nur Gelegenheitsjobs: Er hilft beim Errichten traditioneller Lehmhäuser - und verdient dabei gerade mal einen Franken pro Tag.

«Schädliche Traditionen verschlimmern diese extreme Armut weiter», erklärt Martin Grunder. Beispiel Frühehen: In Äthiopien heiraten drei von sieben Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag. Eines von sieben Mädchen ist sogar bereits vor seinem 15. Geburtstag verheiratet. Die jungen Ehefrauen beenden ihre Schulausbildung, frühe Schwangerschaften greifen ihre Gesundheit an. Auch durch zahlreiche Kinder verharrt die Familie in extremer Armut.

In Abebes Familie führte noch eine weitere Tradition dazu, dass sie in tiefe Not geriet: die soziale Verpflichtung bei Todesfällen. «Innerhalb von fünf Jahren starben meine Eltern und zwei meiner Brüder», erklärt Abebe. Jedes Mal musste er einfache Särge kaufen und eine Trauerfeier ausrichten. «Die Nachbarn kamen und die Ältesten, ich musste sie bewirten.» Um Getreide und Fleisch für die vielen Trauergäste kaufen zu können, musste er sein kleines Feld verkaufen. Keine Feier anzubieten wäre in der traditionellen dörflichen Gemeinschaft ein unvorstellbarer Verstoss gegen Sitte und Anstand. So rutschte Abebe immer weiter in die Armutsfalle - eine Falle aus der er sich ohne fremde Hilfe nicht mehr befreien kann.

Aber wie kann man einem einfachen Tagelöhner im ländlichen Äthiopien effizient und nachhaltig helfen? Das Beispiel der Familie zeigt, dass es keine Universallösungen gibt und die Hilfsangebote massgeschneidert sein müssen. Bauern erhalten beispielsweise Zugang zu verbessertem Saatgut. Landlosen Tagelöhnern wie der Familie von Abebe bietet die Schweizer Stiftung ein anderes Modell an. Sie können mit Hilfe eines Mikrokredits zwei junge Ochsen kaufen. Die Tiere werden mit überall frei verfügbarem Gras gemästet. Nach drei Monaten kann das Mastvieh verkauft werden. Mit dem Gewinn zahlen die Familien den Kredit ab und kaufen neues Vieh. Mit einem Teil des Erlöses kaufen sie, was eine Familie für ein menschenwürdiges Leben braucht: Lebensmittel, Kleidung, Medizin, Schulbedarf.

«Die Rückzahlungen werden verwendet, um neue Kredite an weitere Familien zu vergeben. So können wir mit geringem Einsatz ganzen Dörfern helfen», erklärt Martin Grunder. Bislang konnten 1800 landlose Familien eine Viehmast beginnen. Die Landwirtschaftshilfe wird flankiert mit Schulungen zu Hygiene und Familienplanung. In den Kursen sensibilisieren die einheimischen Entwicklungshelfer die Familien auch dafür, dass Traditionen schädlich sein können.

Menschen für Menschen setzt sich gegen Armut und Hunger ein. Die Stiftung wurde von dem Schauspieler Karlheinz Böhm (1928 - 2014) gegründet. Im Geiste des Gründers schafft das Schweizer Hilfswerk Lebensperspektiven für die ärmsten Familien in Äthiopien. Ziel der Arbeit ist es, dass sie in ihrer Heimat menschenwürdig leben können. Schwerpunkte der einzelnen Projekte sind Frauenförderung, Berufsbildung, Mikrokredite, Kinderhilfe, Familienplanung und landwirtschaftliche Entwicklung. Die Komponenten werden nach den lokalen Bedürfnissen kombiniert und mit sorgfältig ausgewählten einheimischen Partnern umgesetzt.

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Kontakt:

Michael Kesselring | m.kesselring@mfm-schweiz.ch | Tel: 043 499 10 60

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