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Digitale Lebensvermessung - Gefahr für Solidarität und Eigenverantwortung?

Zürich (ots)

Die digitale Lebensvermessung ist im Alltag zunehmend präsent - es gibt immer mehr Möglichkeiten, persönliche Daten mittels Anwendungen auf mobilen Geräten selber zu erfassen, auszuwerten und zu vergleichen. Wie beeinflussen diese Möglichkeiten unser Verhalten und was heisst dies für den gesellschaftlichen Zusammenhalt? Die erstmalig durchgeführte Umfrage «Digitale Lebensvermessung und Solidarität» der Forschungsstelle sotomo beleuchtet besonders die gesellschaftliche Dimension des Messens und Vergleichens. In den Augen der Befragten sind Solidarität und gleichzeitig auch die Eigenverantwortung in Zukunft gefährdet.

Immer mehr Menschen beteiligen sich aktiv an der digitalen Vermessung ihres Lebens. Wie gehen sie mit dem Sammeln und Teilen ihrer persönlichen Daten um? Was erwarten sie von einer Gesellschaft, in der persönliche Datenprofile in immer mehr Lebensbereichen eine zentrale Rolle spielen? Die repräsentative Studie «Digitale Lebensvermessung und Solidarität», welche die Forschungsstelle sotomo im Auftrag der Stiftung Sanitas Krankenversicherung erstellt hat, untersucht die Einstellung der Bevölkerung zur künftigen Entwicklung von Solidarität und will diese über mehrere Jahre verfolgen. Die Resultate der ersten Umfrage zeigen: Die Befragten sehen Solidarität aber auch die Eigenverantwortung gefährdet und wünschen sich Massnahmen, um dem entgegenzuwirken. Wer dabei aktiv werden soll, wird unterschiedlich beurteilt.

Aktive Nutzung trotz Bedenken

Laut der Studie zeichnen heute bereits rund die Hälfte der Erwachsenen in der Schweiz mit dem Smartphone oder einem anderen tragbaren Gerät Aktivitäten und Zustände ihres Lebens auf. Der Trend zur digitalen Selbstvermessung scheint damit noch nicht erschöpft. Zwei Drittel der Befragten würden gerne weitergehende automatische Aufzeichnungen tätigen. Zugleich wird das Sammeln persönlicher Daten durch Dritte kritisch gesehen. So nutzen zwar über 70 Prozent der Befragten Gratis-Email und Instant-Messaging-Dienste, nur 14 Prozent finden es jedoch in Ordnung, wenn ihre Datenspuren als Gegenleistung für die Nutzung von Gratisangeboten verwendet werden. Ein Teil der Befragten nutzt einzelne Dienste infolge von Sicherheitsbedenken bewusst selektiv, allerdings sind viele fatalistisch: Nur 22 Prozent der Befragten gehen davon aus, selber steuern zu können, welche persönlichen Daten gesammelt werden.

Verdrängen Datenprofile die Individualität?

Trotz Offenheit für die digitale Datenerfassung ist die Einschätzung der persönlichen Folgen der Digitalisierung für die Bevölkerung ambivalent. Geradezu pessimistisch ist die Wahrnehmung einer Welt totaler Lebensvermessung. Den Befragten wurde eine Auswahl von zehn Stichwörtern vorgelegt. Aus diesen konnten sie jeweils jene drei Begriffe auswählen, die sie am meisten und am wenigsten mit einer Welt der totalen Datenerfassung verknüpfen. Es sind überwiegend negative Begriffe, die damit in Verbindung gebracht werden. Am häufigsten ist dies «Kontrolle und Überwachung», gefolgt von «Verlust von Individualität». Dies obwohl die Individualisierung der Werbung, die zugeschnittene Information sowie personalisierte Produkte zu den wichtigsten Versprechungen der Digitalisierung gehören. Offenbar wird von vielen der Aspekt der Normierung und Standardisierung höher gewichtet. Es wird befürchtet, dass Algorithmen den Menschen verdrängen - die Personalisierung erscheint da offenbar für die Mehrheit als eher leere Versprechung.

Solidarität aber auch Eigenverantwortung unter Druck

Eine Mehrheit der Befragten (60 Prozent) geht davon aus, dass die fortschreitende Akkumulation persönlicher digitaler Daten einen negativen oder sehr negativen Einfluss auf die Solidarität innerhalb der Gesellschaft hat. Eine solche Welt wird oft mit Kontrolle, Effizienz und Leistungsdruck in Verbindung gebracht. Fast ebenso häufig wie die Solidarität sehen die Befragten allerdings auch die Eigenverantwortung durch das Aufzeichnen persönlicher Daten negativ beeinflusst.

In der Politik werden Eigenverantwortung und Solidarität oft als Gegensatzpaar verstanden. Die klar negative Beurteilung beider Aspekte zeigt, dass weniger Solidarität in der Wahrnehmung der Bevölkerung nicht automatisch zu mehr Eigenverantwortung führt. Mit der Digitalisierung wird schliesslich tendenziell Verantwortung vom Menschen auf die Maschine übertragen. Es entsteht eine Art digitale Nanny, die den Menschen zu korrekter Lebensweise anhält.

Eine Mehrheit der Befragten findet, dass Solidarität und Eigenverantwortung in der Gesellschaft von der Digitalisierung beeinträchtigt würden. Eine Mehrheit findet zugleich, dass Gegenmassnahmen dazu nötig sind. Das auffälligste Resultat ist dabei, dass die Mehrheit der Befragten für eine Verbesserung der Situation weder hauptsächlich den Staat noch die Unternehmen in der Verantwortung sehen. Die Verantwortung liege vielmehr bei jedem und jeder Einzelnen.

Digitale Lebensvermessung und Solidarität

Für Prof. em. Dr. Felix Gutzwiller, Präsident des Stiftungsrates der Sanitas Krankenversicherung, liefert die Umfrage Einsichten, die nachdenklich aber auch positiv stimmen können: «Die Resultate verstärken die These, dass immer einfacher verfügbare personalisierte Datenprofile Solidaritäten zurückdrängen können. Gleichzeitig stimmt es mich optimistisch, wenn die Einzelnen sich selber verantwortlich sehen für die Stärkung wichtiger Werte in der Gesellschaft.» Es ist eine breite öffentliche Debatte dazu nötig, unter welchen Bedingungen eine solche Verantwortungsübernahme durch die Zivilgesellschaft ermöglicht werden kann.

Zur Studie

Die Forschungsstelle sotomo hat im Januar 2018 über verschiedene Kanäle 4269 Personen über ihre digitale Lebensvermessung online befragt. Anschliessend wurden die Antworten repräsentativ gewichtet. Die in der Studie vorgestellten Ergebnisse beruhen auf den Antworten von 3055 Personen und sind repräsentativ für die ständige Schweizer Bevölkerung ab 18 Jahren.

Download der Studie

Die vollständige Studie «Digitale Lebensvermessung und Solidarität» können Sie hier downloaden: www.sanitas.com/stiftung-umfrage

Für weitere Informationen:

Sanitas Krankenversicherung, Christian Kuhn, Mediensprecher, Telefon
044 298 62 78, Mobile 076 381 27 87, medien@sanitas.com

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