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05.08.2008 – 08:00

Schweizerischer Nationalfonds / Fonds national suisse

SNF: Das NFP 52 legt den «Generationenbericht Schweiz» vor

Bern (ots)

Generationenkonflikte - heiss debattiert, aber kaum
existent
In der öffentlichen Debatte finden Konflikte zwischen Alt und Jung
viel Beachtung. Das Stereotyp der Alten als Profiteure hat dasjenige 
der rebellischen Jugend verdrängt. Tatsächlich verändert die Alterung
der Gesellschaft das Leben aller Generationen, doch ihr Miteinander 
ist in der Schweiz mehrheitlich solidarisch. Zu diesem Schluss kommt 
der «Generationenbericht Schweiz» des Nationalen Forschungsprogramms 
«Kindheit, Jugend und Generationenbeziehungen im gesellschaftlichen 
Wandel» (NFP 52).
Die Schweizer Gesellschaft wird älter. Während von den Frauen mit 
Jahrgang 1940 nur ein Siebtel kinderlos blieb, ist es bei den 1965 
geborenen schon fast ein Drittel. Der Geburtenrückgang geht mit einer
massiv gestiegenen Lebenserwartung einher: Um 1900 lag sie bei 47 
Jahren, heute liegt sie über 80 Jahre. Am meisten zur Alterung der 
Gesellschaft wird in den nächsten Jahrzehnten der Umstand beitragen, 
dass die geburtenstarken Jahrgänge ins Alter kommen. Nur die 
Migration wirkt diesem Trend entgegen: Einwanderer sind eher jung und
bekommen mehr Kinder.
Dies hält der «Generationenbericht Schweiz» fest, den das 
Nationale Forschungsprogramm «Kindheit, Jugend und 
Generationenbeziehungen im gesellschaftlichen Wandel»(NFP 52) 
vorlegt. Damit verfügt die Schweiz erstmals über eine die Lebenslagen
von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen umfassende Synthese, die 
mit ihrem breiten Themenspektrum - vom internationalen Vergleich der 
verschiedenen Lebensphasen über Fragen der Pflegebedürftigkeit und 
finanziellen Umverteilung bis hin zu den intergenerationellen 
Beziehungen und den Herausforderungen an die Arbeitswelt - sowie den 
zahlreichen Statistiken auch als Nachschlagewerk dient.
Kein sozialpolitisches Nullsummenspiel
In der öffentlichen Debatte wird oft gefordert, dass mit Blick auf 
die Sozialwerke mehr Kinder zur Welt gebracht werden sollten, 
womöglich so viele, dass die Bevölkerung langfristig stabil bliebe 
(210 Kinder pro 100 Frauen). Dies ist ein Fehlschluss, wie der 
«Generationenbericht Schweiz» fest stellt. Tatsächlich würde so die 
Alterung der Gesellschaft zwar abgeschwächt, doch die soziale 
Belastung der Erwerbstätigen stiege sogar an, da sie nicht nur für 
die Bedürfnisse der Alten aufkommen müssten, sondern auch für die der
Kinder und Jugendlichen.
Alle demografischen Szenarien zeigen, dass in Zukunft weniger 
Erwerbstätige für mehr Rentner aufkommen müssen. Wer jedoch glaubt, 
dass den Jungen fehlt, was den Alten zukommt, und dass diese von den 
Erwerbstätigen profitieren, geht von einem sozialpolitischen 
Nullsummenspiel aus. Die Zusammenhänge sind komplexer. Alte Personen 
brauchen medizinische Hilfe - und verhelfen so jüngeren Personen zu 
Arbeit und Lohn. Wohl veranlasst der Staat im Rahmen der 
Gesundheitsversorgung finanzielle Transfers von Jung zu Alt - doch 
die verändern sich mit der demografischen Alterung überraschend 
wenig, weil die Gesundheitskosten primär in Abhängigkeit von der Nähe
zum Tod steigen und nicht mit dem numerischen Alter.
Die so genannten Generationenbilanzen berechnen, wie viele 
Steuern, Gebühren, Prämien etc. eine Generation dem Staat abliefert 
und wie viel sie in Form von Renten, Familienzulagen, Bildungs- und 
Gesundheitsausgaben bezieht. Solche Bilanzen sind heikel, weil sie 
stark von ökonomischen Prognosen und Änderungen der sozialpolitischen
Rahmenbedingungen abhängen. Vor allem aber blenden sie alle privaten 
Transfers zwischen den Generationen aus. Und die sind sehr gross, wie
der «Generationenbericht Schweiz» festhält.
Grossmütter leisten viel Arbeit
So wird in Schweizer Haushalten viel geerbt, mehr sogar als gespart. 
Im Jahr 2000 etwa wurden in der Schweiz 28,5 Milliarden Franken (fast
sieben Prozent des Bruttoinlandprodukts) in Form von Erbe umverteilt.
Dabei gibt es jedoch grosse Ungleichheiten. Über 50 Prozent der 
Erbenden erhalten weniger als 50'000 Franken, 0,6 Prozent aber über 
fünf Millionen. Sie teilen fast ein Drittel des gesamten Erbkuchens 
unter sich auf. Ob Erbschaften deshalb auch die gesellschaftliche 
soziale Ungleichheit vertiefen, ist umstritten. Sicher ist nur, dass 
sie die ohnehin ausgeprägte Ungleichheit unter den älteren Menschen 
verschärfen, die zunehmend in den Genuss von Erbschaften kommen.
Beachtlich sind auch die nichtfinanziellen Transfers von Alt zu 
Jung. Grosseltern betreuen Kleinkinder, unentgeltlich und insgesamt 
während 100 Millionen Stunden pro Jahr, was ungefähr einer 
Arbeitsleistung von zwei Milliarden Franken entspricht. 80 Prozent 
dieser Arbeit werden von Grossmüttern geleistet. Umgekehrt werden 
hochaltrige Menschen oft privat gepflegt. Nur ein Fünftel der über 80
Jährigen lebt im Alters- oder Pflegeheim, sechs von zehn zu Hause 
lebenden Pflegebedürftigen werden von Angehörigen betreut. Der Wert 
der privaten Pflegearbeit beträgt schätzungsweise jährlich 10 bis 12 
Milliarden Franken. Auch diese Arbeit wird zu 80 Prozent von Frauen 
erledigt.
Eine Vielfalt intergenerationeller Initiativen
Der «Generationenbericht Schweiz» empfiehlt die Etablierung einer 
Vielfalt intergenerationeller Initiativen. Diese könnten etwa die 
breitere Finanzierung der Altersvorsorge, Erhöhung der 
Lebensarbeitszeit für Motivierte und eine gezielte 
Gesundheitsförderung umfassen. Dadurch würde sich die 
sozialpolitische Belastung nachkommender Generationen nicht oder nur 
moderat erhöhen. Ferner sollten die grösseren politischen 
Reformvorhaben eine Generationenverträglichkeits-Prüfung unterzogen 
werden. Diese könnte die Auswirkung der Reformen auf verschiedene und
zukünftige Generationen untersuchen. Intergenerationelle Initiativen 
existieren zwar in vielen Gemeinden und Städten, aber ihre 
institutionelle Verankerung ist noch lückenhaft.
Publikation:
Pasqualina Perrig-Chiello, François Höpflinger, Christian Suter: 
Generationen - Strukturen und Beziehungen. Generationenbericht 
Schweiz. Seismo-Verlag, Zürich 2008 (französische Ausgabe ab Oktober 
2008).
Nationales Forschungsprogramm «Kindheit, Jugend und
Generationenbeziehungen im gesellschaftlichen Wandel» (NFP 52)
Das NFP 52 nahm seine Arbeit im Jahr 2003 auf, um über die aktuellen 
und zukünftigen Lebensverhältnisse und Bedürfnisse von Kindern und 
Jugendlichen neue Erkenntnisse zu gewinnen. Besonderes Augenmerk galt
intergenerationellen und rechtlichen Aspekten. Mit insgesamt 12 
Millionen Franken konnten 29 Forschungsprojekte realisiert werden, 
deren Schlussberichte inzwischen vorliegen. Sie arbeiten die 
Lebensverhältnisse von Familien in der Schweiz und den Zusammenhang 
von Erziehung und psychosozialer Gesundheit auf, klären die 
Generationenfragen in der Sozial- und Migrationspolitik und 
beleuchten den Alltag in Schule und Freizeit. Neben dem 
«Generationenbericht Schweiz» wird in Kürze der Bericht «Kindheit und
Jugend in der Schweiz» erscheinen.
Bereits 2007 erschienen die «Impulse für eine politische Agenda aus 
dem Nationalen Forschungsprogramm Kindheit, Jugend und 
Generationenbeziehungen». In dieser politischen Agenda bündelt die 
Leitungsgruppe des NFP 52 die Impulse und Vorschläge aus allen 
Projekten.
Mehr unter: www.nfp52.ch
Der Text dieser Medienmitteilung steht auf der Website des 
Schweizerischen Nationalfonds zur Verfügung: www.snf.ch > Medien > 
Medienmitteilungen

Kontakt:

Prof. François Höpflinger
Soziologisches Institut
Universität Zürich
Andreasstr. 15
CH-8050 Zürich
Tel.: +41 44 725 56 50
E-mail: hoepflinger@bluemail.ch

Prof. Pasqualina Perrig-Chiello
Institut für Psychologie
Universität Bern
Muesmattstrasse 45
CH-3000 Bern 9
Tel.: +41 31 631 40 04
E-mail: Pasqualina.perrigchiello@psy.unibe.ch