Schweizerisches Rotes Kreuz / Croix-Rouge Suisse

Neue SRK-Broschüre zu Dequalifikation und Migration Das ungenutzte Wissen von Migrantinnen und Migranten

Bern (ots) - Haben Sie schon einmal bedacht, dass die Pflegeassistentin, die Sie im Spital betreut, vielleicht gelernte Anwältin ist? Oder dass der Mann mit dunkler Hautfarbe, der im Zug die Snackbar bedient, ein Ärztediplom besitzt? Zugezogene Bürgerinnen und Bürger aus bestimmten Regionen gehen in der Schweiz überproportional häufig einer Arbeit nach, die nichts mit ihrem erlernten Beruf zu tun hat und schlechter bezahlt wird. Wie gehen Betroffene mit dieser Dequalifikation um? Und wie könnten sie besser in ihrem Integrationsprozess unterstützt werden? Diesen Fragen geht die neuste Publikation des SRK nach.

Migrantinnen und Migranten aus Staaten, die nicht der Europäischen Union (EU) oder der Europäischen Freihandelszone (EFTA) angehören, sind drei- bis viermal häufiger von Dequalifikation betroffen als Schweizerinnen und Schweizer. Genau diejenigen Bevölkerungsgruppen, von denen manchmal behauptet wird, sie würden sich schlecht integrieren (lassen), erhalten also schlechte Voraussetzungen, um sich bei uns zum Vorteil aller einzubringen. Mit dem Ziel, Vorschläge für die verbesserte Unterstützung qualifizierter Zugezogener zu machen, führte das SRK 2011 eine Untersuchung zum Phänomen der Dequalifikation bei Migrantinnen und Migranten durch. Die daraus resultierenden Resultate und Erkenntnisse wurden nun in einer Broschüre des SRK publiziert. Herzstück der neuen Broschüre bilden 13 Porträts von qualifizierten Migrantinnen und Migranten, die in der Schweiz einen beruflichen Abstieg erlebt haben. Die Ursachen und Folgen dieser Situation, aber auch eingesetzte Ressourcen und Bewältigungsstrategien der Betroffenen werden in der Publikation beleuchtet. So zeigt sich, dass die Kumulierung verschiedener institutioneller, gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und persönlicher Faktoren zur Dequalifikation der befragten Personen führte. Ein unsicherer Aufenthaltsstatus, ein sehr kompetitiver Arbeitsmarkt im qualifizierten Sektor, Diskriminierung aufgrund der Herkunft bei der Personalauswahl und/oder nicht anerkannte ausländische Diplome sind einige der Gründe, welche es der qualifizierten Migrationsbevölkerung verunmöglichen, ihre bisherigen beruflichen Erfahrungen und Kompetenzen in der Schweiz einzubringen. Die qualifizierten Arbeitsuchenden sind zudem irritiert, dass sie als Ausländerinnen und Ausländer ohne schweizerischen Abschluss automatisch wie eine nichtqualifizierte Arbeitskraft behandelt werden. Aufgrund der Resultate der Untersuchung werden in der Broschüre Empfehlungen und Anregungen gegeben, wie institutionelle und gesellschaftliche Hürden für die besagte Migrantengruppe abgebaut werden können, um ihren Integrationsprozess zu fördern: - Die Information und Sensibilisierung von Beratenden, Arbeitgebenden und Betroffenen muss verbessert werden. Dazu soll eine nationale Internetplattform geschaffen und finanziert werden. - Die Strategien von Arbeitslosenversicherung und Sozialhilfe sollen eine nachhaltige Perspektive verfolgen, also nicht nur eine rasche, sondern auch eine gezielte Integration in den Arbeitsmarkt vorsehen. - Zivilgesellschaftliche Projekte, welche sich an qualifizierte Migrantinnen und Migranten richten, sind durch die öffentliche Hand zu unterstützen, um die Zusammenarbeit zwischen diesen Organisationen und öffentlichen Stellen zu verbessern. - Die rassistische Diskriminierung am Arbeitsplatz ist aktiv zu bekämpfen.

Die SRK-Publikation richtet sich an Fachpersonen aus Politik und Wirtschaft sowie an Sachkundige aus den Bereichen Integration, Arbeit und Bildung. Sie ist ausserdem für dequalifizierte Migrantinnen und Migranten selbst sowie für eine breite Leserschaft leicht verständlich. Die Broschüre kann unter der Kontaktadresse bestellt (CHF 19.- + Versandkosten) oder gratis als PDF heruntergeladen werden: www.redcross.ch > Rubrik Publikationen > Integration > Praxisreihe "Im Fokus"

Zurzeit ist die Broschüre auf Deutsch erhältlich. Die französische Version erscheint im Oktober 2012.

Leseprobe aus dem Porträt von Siid A.* aus Somalia

(...) Siid A. bewirbt sich an Universitäten und bei privaten Firmen: ohne Erfolg. Er beteiligt sich an Beschäftigungsprogrammen und besucht Sprach- und Computerkurse, die er zum Teil selbst bezahlt. Nach einer sehr aktiven und herausfordernden Arbeitssituation in Somalia fällt es ihm schwer, keine Aufgabe mehr zu haben und sich nicht mehr nützlich zu fühlen.

Deshalb nimmt er ehrenamtliche Tätigkeiten an, die er durch Bekannte findet. So erledigt er in einem Gymnasium administrative Arbeiten und erhält als Gegenleistung vom Direktor Französisch-Unterricht. Im Gespräch mit Bekannten und Kolleginnen wird Siid A. bewusst, dass es je länger desto schwieriger wird, auf dem sehr kompetitiven spezialisierten Arbeitsmarkt eine Stelle zu finden. Das zunehmende Alter und die mangelnde Berufserfahrung in der Schweiz verbessern seine Chancen keineswegs. Mit der Zeit muss er einsehen, dass es ihm in der Schweiz nicht möglich sein wird, seine Ausbildungen und die Berufserfahrung im Heimatland zu nutzen.

"Ich erwartete nicht, wieder an die Spitze zu gelangen, aber wenigstens wieder in diesem Bereich zu arbeiten. Mich mit Statistik zu befassen, in einem Büro zu arbeiten. Aber das war nicht möglich. Dies zu realisieren hiess, die Niederlage einzugestehen und weiterzumachen. Und nicht undankbar zu werden...."

* Name wurde geändert.

Zur Autorin Carole Berthoud, ist Ethnologin lic. phil. und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Grundlagen und Entwicklung im Departement Gesundheit und Integration des SRK.

Kontakt:

Schweizerisches Rotes Kreuz
Departement Gesundheit und Integration
Grundlagen und Entwicklung
Carole Berthoud
Werkstrasse 18
3084 Wabern
carole.berthoud@redcross.ch
Mobile: 079 731 95 71
G: 031 960 77 64 (Dienstag, Donnerstag und Freitag)



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