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Media Service: Ungefragte Organentnahme - wird das bald die Schweizer Regel?

Bern (ots) - Eine Volksinitiative will jeden Erwachsenen im Todesfall zum potenziellen Organspender machen. Das sei eine gefährliche Abkürzung - sagen ausgerechnet zwei Ärzte, die im Tessin die Spenderzahlen erhöhen konnten. Die Mediziner sehen eine andere Lösung für den Organspende-Mangel. "Aber wo ist seine Seele jetzt?". "Im Prinzip wären wir einverstanden, die Organe unseres Angehörigen zu spenden, aber damit würden wir ihn in seinem nächsten Leben zur Giraffe machen. Deshalb können wir unsere Zustimmung nicht erteilen." Das sind zwei Beispiele für die unterschiedlichen Fragen, die Sebastiano Martinoli und Roberto Malacrida in den dreissig Jahren gestellt wurden, in denen die beiden Ärzte und ehemaligen Universitätsprofessoren im Tessin für mehr Organspenden warben.

Obwohl beide sich vor einigen Jahren aus der Intensiv- und Notfallmedizin zurückgezogen haben, ist ihr Einfluss im Tessin immer noch spürbar. Dank ihrer Pionierarbeit hat sich der italienischsprachige Kanton vom letzten Platz an die Spitze bezüglich Organspenden in der Schweiz bewegt. Ein Dogmenwechsel Das Thema Organspende steht im Zentrum öffentlicher Debatten in der Schweiz, seit für die Volksinitiative "Organspende fördern - Leben rettenexterner Link" Unterschriften gesammelt werden. Die Initiative fordert die Einführung des Prinzips der mutmasslichen Zustimmung, auch bekannt als "Widerspruchslösung". Bei diesem Modell wird davon ausgegangen, es seien grundsätzlich alle Menschen damit einverstanden, dass ihnen nach dem Tod ihre Organe, Gewebe und Zellen für eine Transplantation entnommen werden. Wer das nicht will, muss zu Lebzeiten seinen Widerspruch in einem offiziellen Register eintragen lassen.

Heute ist es umgekehrt: Wer seine Organe spenden möchte, kann entweder eine Spenderkarteexterner Link ausfüllen oder diesen Wunsch den Angehörigen mitteilen. Bevor Ärzte einem Verstorbenen Organe entnehmen, müssen sie die Familie konsultieren, um sicherzustellen, dass eine Organentnahme dem Willen des Verstorbenen entspricht. + Erfahren Sie mehr über die Situation in der Schweiz Die Initianten weisen darauf hin, dass die meisten Nachbarländer der Schweiz die Widerspruchslösung eingeführt haben und ihre Organspenderquoten etwa doppelt so hoch sind wie in der Schweiz. Aber ist die Widerspruchslösung wirklich der einzig gangbare Weg, um die Schweiz aus der Gruppe der Länder mit den niedrigsten Spenderraten in Europa herauszuholen? Bildung und Kommunikation für mehr Vertrauen Nein, sagen Sebastiano Martinoli und Roberto Malacrida ohne zu zögern. Sie stützen sich dabei auf ihre jahrzehntelange Erfahrung. Der Beweis: Im Tessin wurde mit der Zustimmungslösung eine ähnlich hohe Spenderquote erreicht wie in Spanien - dem Land mit der höchsten Quote in Europa - mit der Widerspruchslösung. Wir treffen die beiden Mediziner separat, aber es wirkt, als ob sie mit einer einzigen Stimme sprächen. Beide betonen, dass das Vertrauensverhältnis zwischen Angehörigen der Patienten und dem medizinischen Personal einen entscheidenden Einfluss auf die Bereitschaft zur Organspende hat. Und dieses Vertrauensverhältnis müsse bewusst aufgebaut werden. "Mehr als 50% der erfolgreichen Organspenden sind auf die Arbeit innerhalb des Krankenhauses zurückzuführen", sagt Martinoli. "Entscheidend ist, dass auf den Notfall- und Intensivstationen sowie bei der Reanimation gut ausgebildete Teams arbeiten, die sich mit der Diagnose Hirntod auskennen und die Familienmitglieder begleiten," erklärt der Chirurg. Das setze eine gute psychologische, kommunikative und technische Ausbildung voraus. Zeit und Stille respektieren Eine gute Kommunikation erfordert die richtigen Worte und genügend Zeit, erklären die beiden Experten. Häufig bestehe die grösste Schwierigkeit für Ärzte darin, sich nicht vom Zeitdruck der organisatorisch aufwändigen Transplantation unter Druck setzen zu lassen. Damit sich die Familie des Patienten sicher fühle, brauche es Zeit und Ruhe. Besonders anspruchsvoll sei es, "mit der Stille umzugehen". Bei der Mitteilung des Todesfalls gebe es immer einen ersten Moment der Stille. "Die Angehörigen sind schockiert, und der Arzt muss erst einmal schweigen. Er muss in der Lage sein, diese Stille auszuhalten, auch wenn sie ihm sehr lange vorkommt", sagt Malacrida und erzählt, dass er hunderte solcher Fälle erlebt habe. Die beiden Ärzte lehnen es kategorisch ab, moralischen Druck auf Angehörige auszuüben, damit sie der Spende zustimmen. "Das ist ethisch nicht zulässig", empört sich Malacrida. "Wir sind eine zu multikulturelle Gesellschaft, um die Zustimmung aller zu verlangen", sagt Martinoli.

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