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Sucht Schweiz - Drogenmarkt: Kokain und andere Stimulanzien unter der Lupe

Schweiz Forschungsinstitut
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Lausanne (ots) - Seit 2016 wird im Kanton Waadt eine interdisziplinäre Studienreihe zum Betäubungsmittelmarkt durchgeführt. Nach Heroin lag in der jüngsten Studie das Augenmerk des Forscherteams auf Kokain und anderen Stimulanzien (Ecstasy, Amphetamin und Methamphetamin). Dabei zeigt sich, dass der Kokainmarkt bei weitem der grösste ist. Auffällig ist, wie unterschiedlich die Stimulanzienmärkte aufgebaut sind: Während die einen durch ausländische Händlernetze beherrscht werden, beruhen andere eher auf lokalen Konsumierenden. Die Preise auf dem Schwarzmarkt sind allgemein eher tief.

Kokainmarkt: der grösste Stimulanzienmarkt Kokain alleine entspricht etwa vier Fünfteln des gesamten Stimulanzienmarkts. Zwei unterschiedliche Untersuchungsmethoden - die eine beruht auf der Anzahl Konsumierender, die andere auf einer Abwasseranalyse - erlauben erstmals Schätzungen zum Kokainkonsum für den Kanton Waadt: 377 bzw. 461 kg sind es pro Jahr. Zählt man die von der Polizei beschlagnahmten Mengen von 39 kg Kokain in Strassenqualität, ergibt sich ein jährliches Handelsvolumen von 416 bis 500 kg. Werden diese Zahlen auf die ganze Schweiz extrapoliert, ergibt sich ein Volumen von jährlich rund 5 Tonnen Kokain. Für den Kanton Waadt wird der Jahresumsatz auf 47 bis 57 Millionen Franken geschätzt, bei einem Gewinn von 28 bis 39 Millionen.

Grosse, diversifizierte Nachfrage

Das Volumen des Kokainmarkts widerspiegelt die grosse Nachfrage. Die gelegentlich Konsumierenden, die beispielsweise nur alle paar Wochenenden Kokain konsumieren, stellen wahrscheinlich 80% der Konsumierenden dar, wobei ihr Anteil am Gesamtverbrauch lediglich 20% beträgt. Demgegenüber stellen die regelmässig Konsumierenden - randständige und solche, deren Kokainkonsum Beruf und gesellschaftliches Leben beherrschen - nur rund 20% dar. Sie konsumieren aber 80% der Gesamtmenge.

Vielfältiges Angebot

Der Kokainmarkt ist auch von der Vielfalt der Händler geprägt: Die grössten und sichtbarsten Händlernetze stammen aus Westafrika (Nigeria, Guinea usw.). Verschiedene Faktoren treffen hier aufeinander: Sie sind ohne Zukunftsperspektive in der Heimat und in Europa und finden hier einen relativ einfachen Marktzugang mit einer gewissen Solidarität unter den Händlern. Es handelt sich um eine flexible Arbeitsorganisation, die auch steigende Gewinne in Aussicht stellt. Damit und aufgrund des Migrationsdrucks sind diese Netze schwierig zu reduzieren. Neben den Händlern aus Westafrika sind auch Menschen aus Lateinamerika, den Balkanstaaten, der EU und der Schweiz im Kokainmarkt aktiv.

Substanzqualität: eine Lotterie

Die Analyse der von der Polizei beschlagnahmten Substanzen und die Informationen der Konsumierenden zeigen, dass der Markt unsicher ist: Oft sind die verkauften Mengen kleiner als vereinbart, der Reinheitsgrad ist grossen Schwankungen ausgesetzt und das Kokain wird mit vielfältigen (bisweilen giftigen) Substanzen-Cocktails gestreckt. In vielen Fällen ist nicht klar, was man eigentlich kauft. Dies stellt ein zusätzliches Gesundheitsrisiko dar.

Übrige Stimulanzien: die zentrale Rolle der Konsumierenden Während Händler, die selbst nicht konsumieren, den Kokainmarkt weitgehend beherrschen, beruht der Markt der übrigen Stimulanzien (Ecstasy, Amphetamin, Methamphetamin) oft auf lokalen Konsumierenden, welche die Ware meist aus den Niederlanden, Belgien und der Tschechischen Republik importieren. Ecstasy, die typische Wochenend-Droge, weist mit einem Handelsvolumen von geschätzten 61 bis 82 kg (Strassenqualität) und einem Jahresumsatz in der Grössenordnung von 3,7 bis 5,1 Millionen Franken den grössten Markt auf. Methamphetamin bleibt im Kanton Waadt noch ein Nischenmarkt mit einem geschätzten Handelsvolumen von 8 bis 12 kg und einem Jahresumsatz in der Grössenordnung von 2,3 bis 3,7 Millionen Franken. Die Schätzungen für Amphetamin sind weniger präzise, weisen aber beim Handelsvolumen auf einen Wert irgendwo zwischen Ecstasy und Methamphetamin.

Oft tiefe Preise

Auch wenn sie grossen Schwankungen unterliegen, sind die Preise von Stimulanzien (wie auch von Heroin), ausser für Methamphetamin, grundsätzlich tief: etwa 15 bis 20 Franken pro Dosis. Diese Preise widerspiegeln die internationale Entwicklung im Betäubungsmittelmarkt, aber gewiss auch das grosse Angebot in der Schweiz und im Kanton Waadt.

Erstmals arbeiten in der Schweiz drei Forschungsinstitute interdisziplinär zusammen, um einen lokalen Betäubungsmittelmarkt zu untersuchen. Die Studie kombiniert innovative Forschungsansätze, etwa Abwasseranalysen und Analysen von Drogenrückständen in gebrauchten Spritzen sowie Interviews mit Polizei und Drogenkonsumierenden. Sie wird vom «Fonds vaudois pour la prévention et la lutte contre les addictions» mitfinanziert und wird von einer Expertengruppe aus Justiz, Polizei und öffentlicher Gesundheit begleitet. Nach je einer Studie über den Opioid- und den Stimulanzienmarkt wird als nächstes der Cannabismarkt untersucht.

Kontakt:

Frank Zobel
Vizedirektor, Sucht Schweiz
fzobel@addictionsuisse.ch
(deutsch und französisch) 021 321 29 60 / 079 859 67 21

Pierre Esseiva
Professor ESC/UNIL
pierre.esseiva@unil.ch
(französisch) 076 223 05 66

Stephanie Lociciro
Leiterin Forschung, IUMSP/CHUV
Stephanie.Lociciro@chuv.ch
(französisch) 021 314 73 71


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