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Erklärungsnot nach Sotschi; Raik Hannemann über die Bilanz der Olympischen Winterspiele

Berlin (ots) - Nun also auch noch das. Eine deutsche Olympiastarterin war gedopt, und dann kommt sie auch noch aus dem liebsten Wintersport der Nation. Selbst wenn die Umstände rund um ein angeblich verunreinigtes Nahrungsergänzungsmittel im Fall von Evi Sachenbacher-Stehle erst noch genauer geklärt werden müssen, ist doch eines absehbar: Die Olympischen Winterspiele in Sotschi geraten für den deutschen Sport insgesamt zum größten anzunehmenden Unfall. Das sportliche Abschneiden sorgt allein schon für Erklärungsnot. Obwohl in Russland noch einmal 36 Medaillen mehr vergeben werden als bei 2010 in Vancouver, bricht die deutsche Ausbeute wohl um über ein Drittel ein, das bislang schwächste Ergebnis von 1994 mit 24 Medaillen wird dabei unterboten - dabei umfasste das olympische Programm damals nur 61 Wettbewerbe, heute sind es 98. Eine steigende Ineffizienz des DOSB bei der Verteilung der Fördergelder in Höhe von rund 130 Millionen Euro ist also nicht mehr wegzudiskutieren, eine Strukturverbesserung also unumgänglich. Diese Erkenntnis gab es übrigens auch schon mal nach den Sommerspielen von London 2012, nur passiert ist seither so gut wie nichts. Christa Thiel verweist wieder völlig zu Recht auf die gewachsenen Anstrengungen der internationalen Konkurrenz. Die für den Leistungssport im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) verantwortliche Vizepräsidentin darf aber auch unwidersprochen behaupten, dass "Medaillen nicht das Maß aller Dinge" sind. Was es sonst ist im deutschen Sport, verrät die Verbandschefin der im Weltmaßstab längst unbedeutenden Schwimmer leider auch nicht, es fehlt schlicht eine Selbstdefinition. Mittelmaß ist da programmiert. Und wenn sich die Politik, wie schon nach den Enttäuschungen von London, weiter nicht zur gesellschaftlichen Bedeutung des Sports bekennt - und diese dann auch in Gesetze und Etats einpreist -, kann und wird sich der Trend nicht positiv ändern. Und natürlich färbt diese Unentschlossenheit der Elite letztlich auch auf anschließende Bereiche ab. Wenn beispielsweise die Nationale Antidopingagentur von Jahr zu Jahr aufs Neue ums Überleben betteln muss, ein Gesetz zur effektiveren Bekämpfung von Doping-Hintermännern immer wieder blockiert wird, muss sich auch keiner über deutsche Athleten in Dopingskandalen wundern. Genauso wenig wie über Deutsche im Hinterfeld.

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