Ruhe jetzt!Es ist Weihnachten Eckhard Fuhr plädiert dafür, einmal im Jahr das zu tun, was nicht zeitgemäß ist

Berlin (ots) - Was eigentlich ist Weihnachtsstimmung? Man wird, wenn man mit aufgeklärten Zeitgenossen über diese Frage spricht, kaum Antworten erhalten, die ohne ein ironisches Zwinkern gegeben werden. Wir wissen doch alle, dass das ein fauler Zauber ist. Wenn es um Weihnachten geht, scheint Ideologiekritik Volkssport zu sein. Das Wort "Konsumterror", geläufig in den 60er- und 70er-Jahren, ist zwar etwas aus der Mode gekommen, seit selbst die grünen Wachstumskritiker von einst nicht mehr Wachstumsverzicht, sondern ein anderes, ein ökologisches Wachstum propagieren und der Gedanke, es könne doch einfach einmal genug sein, panisch verdrängt wird. In der Weihnachtszeit aber, wenn in den Fußgängerzonen unserer Innenstädte leise die Musikkonserven rieseln, erhebt auch die Konsumkritik ihr müdes Haupt, nicht nur auf Kirchenkanzeln und im Hochfeuilleton. Man wird den Verdacht nicht los, dass das zum Spiel gehört, dass es Teil der Weihnachtsstimmung ist. Die konsumistische Zurichtung von Weihnachten kitzelt bei vielen einen Vorbehalt heraus. Die brutalstmögliche Verweihnachtlichung des Alltags wird als Angriff auf etwas empfunden, das doch unverfügbar sein sollte. Der Osterhase ist jenseits von Gut und Böse und Pfingsten sowieso etwas für Intellektuelle. Das Lametta-Christkind jedoch wird von vielen als peinlich empfunden. Wir reden jetzt nicht von Glaubenserfahrungen und davon, welche grundstürzenden Folgen die Idee der Menschwerdung Gottes für jeden Einzelnen hat, wenn er sie denn in sich aufnimmt. Wir reden von denen, deren religiöse Musikalität über einen Schnupperkurs in der Jugendmusikschule hinaus kaum gefördert worden ist, also von vielen, vielleicht von den meisten. Auch sie empfinden Weihnachtsstimmung und wollen um sie nicht betrogen werden. Es gibt da etwas Authentisches, einen kulturellen Bestand, dessen man sich vergewissern will. Diese Weihnachtlichkeit hat mit der Zeit, mit dem Zeitempfinden zu tun. In aller Hektik bereiten wir uns vor Weihnachten auf eine stille Zeit vor. Auf eine Unterbrechung. Für wenige Tage unterwerfen wir uns dann wohlig einem älteren Zeitmaß. Wir ruhen uns nicht nur aus. Wir wollen an Weihnachten die Erfahrung machen, dass es überhaupt Ruhe gibt. Besinnlich solle es zugehen an den Feiertagen, sagt man. Kein christliches Fest ist so auf Traditionsvergewisserung ausgerichtet wie Weihnachten. Wir tragen zum Beispiel ganze Nadelbäume noch in die kleinste großstädtische Etagenwohnung. Und erst die Gänse! Die Tierrechtsorganisation Peta ruft zwar an Weihnachten regelmäßig dazu auf, von dem archaischen Brauch des Weihnachtsgansessens zu lassen. Doch sie dringt damit nicht durch. Wir weichen der Tatsache, dass Leben Töten bedeutet, sonst bei jeder Gelegenheit aus und brutzeln irgendetwas Geschnetzeltes. Weihnachten wird aber gerade dadurch zum Fest, dass Tiere auf den Tisch kommen - nicht nur die Gans, auch der Karpfen -, die als solche noch zu erkennen sind. Und fett sind diese Tiere auch noch. An Weihnachten dürfen wir tun, was angeblich nicht mehr zeitgemäß ist. Das macht die Weihnachtsstimmung aus.

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