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Eine Studie zum Nachdenken für alle - Leitartikel von Jochim Stoltenberg

Berlin (ots) - Warum nicht einmal mit dem Positiven beginnen? Insgesamt fühlen sich Muslime wohl in Deutschland, obwohl es ihnen die Deutschen nach eigenem Empfinden nicht immer leicht machen. Zu der erfreulichen Erkenntnis der Studie des Bundesinnenministeriums zählt weiter, dass sich die hier lebenden Muslime mehrheitlich vom islamistischen Terrorismus distanzieren und sich integrieren wollen. Es steht also nicht so schlecht um die Integration, wie oft beschrieben und beklagt. Wäre es anders, stellte sich die Frage, warum Deutschland als Immigrationsland weiter ein so offenkundig attraktives ist. Dass eine Minderheit dennoch Anlass zur Sorge um den gesellschaftlichen Frieden im Lande gibt, bestätigt die Studie allerdings auch. Dabei geht es um jene Radikalisierungstendenzen, die aus "traditioneller Religiosität" und "autoritären Einstellungen" gespeist werden. Die daraus erwachsende Bereitschaft zur Gewalt vornehmlich bei jungen Immigranten differenziert sich nach deren Stand des "Ankommens" in unserer Gesellschaft. Fast jeder vierte junge nicht deutsche Muslim zwischen 14 und 32 Jahren ist zu einem solchen Rechtsbruch bereit. Von den jungen Muslimen mit deutscher Staatsangehörigkeit dagegen nur 15 Prozent. Das sind zweifellos besorgniserregende Werte. Der eine weit mehr als der andere. Allerdings erlauben sie keine einseitige Interpretation. Sie relativieren sich nämlich im Vergleich zum Gefährdungspotenzial im nationalen rechtsextremen Spektrum. Im Zusammenhang mit der Einrichtung der gestern im Bundestag diskutierten Neonazi-Datei schätzt das Bundesamt für Verfassungsschutz, dass in Deutschland etwa 9500 gewaltbereite Rechtsextremisten leben. Weniger dramatisch, aber auch höchst bedenklich, dass nach einer anderen Untersuchung fast jeder dritte Deutsche zu ausländerfeindlichen Aussagen neigt. Es ist unzulässig, das eine Unheil gegen das andere aufzurechnen. Aber es ist eben auch unzulässig, das existente Gewaltpotenzial bei einem Teil der jungen muslimischen Generation isoliert zu bewerten und nicht als Teil der gesamten Gewaltszene im Lande. Anders als die Rechtsextremisten sind übrigens mutmaßlich gefährliche Islamisten hierzulande schon länger in einer Anti-Terror-Datei verbucht. Die Studie darf nicht Anlass sein, sich über die Gefahren muslimischer Gewalt zu empören, wie es der CSU-Politiker Hans-Peter Uhl erwartungsgemäß tat, noch zu verharmlosen, wie es der FDP-Integrationsexperte Serkan Tören mit der Bemerkung versuchte, dass das religiöse Bekenntnis vielfach nur eine "leere Hülse" sei. Wohl aber bietet die Untersuchung Handlungsempfehlungen nicht allein für die Politik, deren Befolgung Defizite im verständlichen Miteinander abbauen würden. Also Schluss mit der Pauschalverurteilung, alle Muslime seien potenzielle Terroristen oder mit dem Vorurteil, Islam und Terrorismus gehörten irgendwie doch zueinander. Vielmehr gilt es, die Vielfalt auch der hiesigen muslimischen Lebenswelten stärker als bisher in der Politik, in den Schulen und in den Medien herauszustellen. Das allein wird uns nicht von Gewalt und Missverstehen befreien. Aber unser Zusammenleben würde es zweifellos fördern.

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