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Durchhalten, Kommentar zu Siemens von Michael Flämig

Frankfurt (ots) - So richtig Spaß macht der Blick auf Siemens dieser Tage nicht. Dies gilt nicht zuletzt für die Investoren. Bei Veröffentlichung der Halbjahreszahlen hätten sie dem Konzern die rote Laterne im Deutschen Aktienindex in die Hand gedrückt, wenn nicht bei der Allianz eine üppige Dividendenzahlung fällig geworden wäre. Aber auch die Beschäftigten betrachten ihren Arbeitgeber mit gemischten Gefühlen. Kaum ist das Abbauprogramm von 7800 Stellen ausverhandelt, folgt eine neue Runde. Nun sollen weitere 4500 Stellen gestrichen werden.

Befindet der Konzern sich in schweren Turbulenzen? Gemach. Sicher, das Fahrwasser war schon ruhiger. Aber Siemens leidet nicht als einziger Infrastrukturanbieter unter einem widrigen Umfeld. Der Einbruch des Ölpreises hat manche lukrative Auftragsquelle zum Versiegen gebracht. Russland & Co. haben wahrlich andere Probleme, als spektakuläre neue Fabriken auf die grüne Wiese zu stellen. Die Energiepolitik in Europa schafft zusätzliche Probleme für einen Konzern, der gerne seine - sicherlich verbesserungswürdigen - Gasturbinen unter die Leute bringen würde. Schlimmer noch: China hält die Hand auf den Geldbeutel.

Doch Siemens unter dem Vorstandsvorsitzenden Joe Kaeser schaut nicht passiv zu, sondern reagiert und gestaltet - vielleicht manchmal "zu viel zu schnell", aber immer mit hohem Anspruch. So unnachgiebig wie das aktuelle Management hat sich noch nie ein Siemens-Vorstand jene Geschäfte vorgeknöpft, die fast traditionell keinen Ergebnisbeitrag liefern. Dies ist zwar keine Garantie für einen Turnaround, aber es macht Erfolg denkbar.

Dass dabei auch Arbeitsplätze gestrichen werden, tut richtig weh. Man darf aber auch sagen: In Deutschland versteht es der Konzern, mit ansehnlichen Abfindungen den Unmut doch zu dämpfen. Mittelständler können bei derartigen Anlässen nicht so tief in die Tasche greifen.

Der Siemens-Vorstand kämpft an vielen Fronten. Es ist noch zu früh, die Resultate zu bewerten. Aber dennoch ist es beispielsweise hoch erfreulich, dass die Sonderbelastungen aus dem Projektgeschäft - ein großes Ärgernis in der Vergangenheit - zumindest in der ersten Hälfte des Geschäftsjahres marginal waren.

Die kluge Umsetzung der vielen Strategien ist nun das Gebot der Stunde, die PS müssen auf die Straße gebracht werden. Denn Siemens braucht dringend Erfolge, um nicht in eine Abwärtsspirale kritischer Fremdwahrnehmung und eigener Zweifel zu geraten. So lange heißt es: durchhalten.

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