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Vom Hausse-Zug abgehängt, Börsenkommentar "Marktplatz", von Christopher Kalbhenn.

Frankfurt (ots) - Von den neuerlichen Tiefausläufern aus der Eurozone haben sich die weltweiten Aktienmärkte nicht gerade sehr beeindruckt gezeigt. Weder die Zypern-Turbulenzen noch die gescheiterte Regierungsbildung in Italien oder die vom Verfassungsgericht als unzulässig verworfenen Teile des Sparpakets Portugals haben den globalen Hausse-Zug aufhalten können. In den USA haben die Indizes Dow uns S&P 500 in den zurückliegenden Tagen ein Rekordhoch nach dem anderen aufgestellt und damit seit dem Jahreswechsel um mehr als 10% zugelegt. Der Starperformer ist jedoch der japanische Aktienmarkt. Um fast 30% ist der Nikkei, der in der abgelaufenen Woche den höchsten Stand seit Juli 2008 erreicht hat, seit dem Jahresbeginn gestiegen.

Ganz spurlos sind jüngsten Irritationen durch die Schuldenkrise allerdings nicht an den Märkten vorbeigegangen. Denn die Aktienmärkte der Eurozone sind vom globalen Hausse-Zug abgehängt worden. Das gilt auch für den Dax. Der Star-Performer des zurückliegenden Jahres tritt seit Mitte März auf der Stelle und hat im laufenden Turnus nur um 1,7% zugelegt, deutlich weniger als der MSCI World, der um rund 8,5% gestiegen ist. Die wieder verstärkte Verunsicherung durch die Schuldenkrise sowie die sich weiter eintrübenden konjunkturellen Perspektiven des Euroraums drücken sich auch darin aus, dass die Aktienmärkte europäischer Länder außerhalb des Euroraums wie Großbritannien (8,3%) und Schweiz (knapp 14%) in diesem Jahr bislang sehr gut abschneiden.

Der dritte Faktor, der die unterdurchschnittliche Entwicklung Eurolands treibt, ist die Geldpolitik. Anders als die Europäische Zentralbank geben die Währungshüter der USA und Japans mit ihrem Lockerungskurs Vollgas und treiben damit die Notierungen an den jeweiligen Aktienmärkten mit an. Wie sehr auch dieser Faktor die relative Performance beeinflusst, zeigt die jüngste Umstellung der regionalen Allokation durch HSBC. Die USA wurden in der gerade abgelaufenen Woche auf "Overweight" hochgestuft. Begründet wurde dies damit, dass die USA weltweit die beste relative Ergebnisdynamik aufwiesen und die Geldpolitik den Aktienmarkt in den kommenden zwölf Monaten stützen werde. Japan Gewichtung wurde unter Hinweis auf die angekündigten geldpolitischen Lockerungsmaßnahmen auf "Neutral" verbessert. Dagegen wurde Europa auf "Underweight" zurückgestuft. Neben einer nicht mehr günstigen Bewertung wurde dies mit der Erwartung begründet, dass die Unternehmensergebnisse in Kontinentaleuropa und Großbritannien enttäuschen werden, sowie mit der Tatsache, dass die Europäische Zentralbank von einem Quantitative Easing absieht.

HSBC betont allerdings, eine Fortsetzung der weltweiten Rally nun davon abhängt, dass die Unternehmensgewinne wieder auf den Wachstumspfad zurückkehren, nachdem der Aufschwung an den Aktienmärkten bislang von steigenden Kurs-Gewinn-Verhältnissen getragen worden ist, d.h. die Märkte sich verteuert haben. In den kommenden Monaten werden damit neben der Schuldenkrise vor allem die Konjunktursignale und die Entwicklung der Unternehmensgewinne die Aussichten der Aktienmärkte bestimmen. Kurzfristig werden Letztere im Mittelpunkt stehen, da die Quartalsberichtssaison in der neuen Woche in den USA Fahrt aufnehmen und in Europa starten wird. So legen in den Vereinigten Staaten unter anderem Bank of America, Citigroup, Coca-Cola, General Electric, Google, IBM, Intel, Microsoft und Philip Morris Zahlen vor. Unter den Dax-Werten gibt am Freitag SAP den Startschuss, im übrigen Europa legen unter anderem Nokia und Tesco Zahlen vor. Nestlé sowie französische Unternehmen - darunter L'Oréal und LVMH - veröffentlichen ihren Erlös vom ersten Quartal.

Bleiben größere Enttäuschungen durch die Quartalsberichtssaison sowie stärkere Irritationen seitens der Schuldenkrise aus, werden die Aktienmärkte ihre Aufwärtsbewegung fortsetzen, zumal nach wie vor ein hoher Anlagebedarf bei gleichzeitigem Mangel an Alternativen besteht. Letzteres hat sich gerade in Europa zuletzt wieder verschärft. Die Rendite der zehnjährigen französischen Staatsanleihen hat in der gerade abgelaufenen Woche ein Rekordtief erreicht, die zehnjährige Bundesanleihe steht kurz vor einem neuen Renditetiefststand. Damit sind die Chancen durchaus nicht schlecht, dass der Dax in absehbarer Zeit seine Mitte März abgebrochene Aufwärtsbewegung wieder aufnimmt und auch ohne Outperformance über seinen bei rund 8150 Zählern liegenden Höchststand aus dem Jahr 2007 steigt.

(Börsen-Zeitung, 13.4.2013)

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