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Vernebelungstaktik, Kommentar zum tief in die roten Zahlen geratenen Solarkonzern Solarworld, von Ulli Gericke.

Frankfurt (ots) - Wie Kaiser Wilhelm II. selig warnt auch "Sonnenkönig" Frank Asbeck vor der "gelben Gefahr". Und ähnlich selbstherrlich wie das schlechte Vorbild macht der absolute Herrscher des Bonner Solarkonzerns Solarworld ausschließlich chinesische Wettbewerber, die chinesische Regierung und die von "aggressiven und von illegalen Handelspraktiken" geprägte Marktlage für den Absturz des eigenen Unternehmens in tief rote Zahlen verantwortlich. Ein Ergebniseinbruch, der Solarworld aus Asbecks Sicht wie Zieten aus dem Busch getroffen haben muss. Wie sonst hätte der Großaktionär und Vorstandschef noch vor wenigen Monaten trotz des Konzernverlusts von 299 Mill. Euro und einem negativen Cash-flow eine Dividende auszahlen können, für die zwar jede wirtschaftliche Begründung fehlte, die aber Asbeck immerhin fast 2,8 Mill. Euro einbrachte? Erst vor drei Wochen hatten die Bonner zudem bestehende Kreditvereinbarungen über 375 Mill. Euro neu verhandelt, da die Gefahr, Covenants zu brechen, von Tag zu Tag wuchs. Davor hatten Analysten schon vor Monaten gewarnt. Und was taugt eigentlich eine Investor-Relations-Abteilung, die Marktbeobachter ins offene Messer rennen lässt, ohne auch nur ansatzweise per "Erwartungsmanagement" vor vermeintlich allzu hoffnungsfrohen Prognosen zu warnen? Vielmehr war Konsens unter den Analysten, dass Solarworld dank der vorgezogenen Nachfrage und dem rekordhohen Zubau neuer Solarmodule auf dem deutschen Markt auch im zweiten Quartal einen soliden Gewinn verbucht haben dürfte. Stattdessen weisen die Bonner für das Halbjahr einen operativen Verlust von knapp 144 Mill. Euro aus, nach einem Plus von 71 Mill. vor Jahresfrist. Überschrieben ist die Horrormeldung mit dem freudigen Satz: "Solarworld investiert 2012 in Innovationen". So viel Schönfärberei war selten.

Die Frage bleibt, inwieweit das Management unter der Alleinherrschaft Asbecks dieses Schönreden auch selber glaubt - oder nur vorschiebt. Meinen die Bonner wirklich, mit ihren Anti-Dumping-Klagen in den USA und Europa die immer stärker werdende Konkurrenz aus China besiegen zu können? Als wenn sich noch irgend etwas daran ändern würde, dass weltweit - in West wie Ost - doppelt so viel Fertigungskapazität für neue Solarpaneele installiert ist, als Nachfrage existiert. Daher lassen die Preise praktisch keine Gewinne mehr zu. Wie Solarworld darauf reagiert, hätte man gerne gehört aus Bonn - keine Durchhalteparolen oder Vernebelungstaktik.

(Börsen-Zeitung, 14.8.2012)

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