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Da geht noch was, Börsenkommentar "Marktplatz", von Thorsten Kramer.

Frankfurt (ots) - Wie brüchig das Fundament ist, auf dem Europas Aktienmärkte vor Wochen eine Kursrally gestartet haben, hat sich vor dem Wochenende gezeigt. Als Giorgos Karatzaferis, der Chef der griechischen Rechten, ankündigte, seine Partei werde dem Sparpaket nicht zustimmen, rutschten die Notierungen umgehend noch tiefer ins Minus. Bereits zuvor hatten Zweifel daran, dass Athen die von den europäischen Partnern geforderten Sparmaßnahmen tatsächlich umsetzen wird, den Höhenflug der Börsen gestoppt.

Damit stellt sich die Frage, ob die Aktienindizes womöglich an einem Wendepunkt stehen. Schließlich hatten Investoren bis zuletzt im Vertrauen auf eine politische Lösung für Griechenland - weitgehend unbeeindruckt von der drohenden ungeordneten Staatspleite - die Risikobereitschaft weiter und weiter erhöht, wie etwa daran abzulesen ist, dass die Aktienkurse und der Renditeabstand der zehnjährigen griechischen Staatsanleihen zu Bundesanleihen in dieselbe Richtung tendierten. Falls nun aber andere Abgeordnete dem Beispiel der Rechten folgten und die notwendigen Sparmaßnahmen ebenfalls ablehnten, ergäbe sich plötzlich ein neues Bild: Das zweite Hilfspaket für Griechenland im Volumen von 130 Mrd. Euro drohte dann zu scheitern.

Bis zum Handelsschluss am Freitag sah es allerdings so aus, dass Athen die Sparmaßnahmen trotz aller Proteste beschließen wird; die Regierung hat auch ohne die Rechtspartei eine ausreichende Mehrheit. Für diesen Fall spricht vieles dafür, dass die Börsen die Kursrally wieder aufnehmen werden.

In erster Linie ist dies in der überraschend und anhaltend positiven Entwicklung der Konjunkturindikatoren begründet. Auf beiden Seiten des Atlantiks fallen die meisten Daten bereits seit Wochen besser als von Ökonomen erwartet aus und deuten auf eine wirtschaftliche Trendwende hin. Wie zu hören ist, haben viele Investoren deshalb ihre Risikopositionen bereits deutlich erhöht. Weil viele Adressen jedoch immer noch unterinvestiert sind, dürfte das Interesse auf der Käuferseite eher noch zunehmen, zumal ein wichtiges Ereignis am Ende des Monats bereits Schatten vorauswirft: Dann wird die Europäische Zentralbank ihr zweites Tendergeschäft mit dreijähriger Laufzeit zur Liquiditätsversorgung des Finanzsektors durchführen, und Marktteilnehmer glauben daran, dass die Institute dann noch umfangreicher die Mittel der Notenbank in Anspruch nehmen werden als beim ersten Tender. Der hatte aber bereits ein Volumen von annähernd 500 Mrd. Euro.

Die Erfahrungen mit den Lockerungsmaßnahmen der Fed belegen, welchen Einfluss eine umfangreiche Liquiditätsversorgung der Finanzmärkte haben kann. Weil Staatsanleihen ihren sicheren Status verloren haben und angesichts anhaltend niedriger Zinsen ohnehin nicht besonders attraktiv erscheinen, kann es kaum verwundern, dass Anleger die verfügbaren Gelder an die Börsen lenken. Gefragt sind dabei vor allem Papiere aus den Finanzsektoren sowie Zykliker, allen voran aus dem Autosektor, weil sich die Sorge vor einer harten Landung der chinesischen Konjunktur aufgelöst hat und dort somit eine ungebrochen große Nachfrage besonders nach deutschen Autos bestehen bleiben dürfte. Die Hoffnungen auf eine Trendwende der Wirtschaft wirken aber auch in anderen Sektoren wie Grundstoffe, Bau und Chemie.

Investoren sollten allerdings nicht die Augen davor verschließen, dass eine Fülle von Risiken den Aufwärtstrend an den Börsen gefährdet. So ist die Schuldenkrise in der Eurozone keinesfalls beendet, wenn die Unterstützung der Griechen gelingt. Vielmehr wird dieses Thema die Staatengemeinschaft weiterhin stark beschäftigen und die Wachstumsperspektiven auf Jahre trüben. Aber auch kurzfristig droht hier und dort Ungemach, wie sich etwa darin zeigt, dass die Anpassungen der Gewinnschätzungen nach einem kurzen Zwischenhoch schon wieder rückläufig sind.

Das Fazit lautet: Da geht noch was, falls die Griechen nicht querschießen. Die immense Liquidität dürfte die Aktienkurse (vorerst) weiter treiben, solange die Konjunkturindikatoren eine Erholung signalisieren. Anleger sollten nach der seit Wochen währenden Rally aber keinesfalls blindlings auf den Zug springen. Um die Risiken einigermaßen im Griff zu behalten, gelten die Anteilscheine von Unternehmen als erste Wahl, die über sehr solide Finanzkennzahlen, eine günstige Bewertung und gute Wachstumsperspektiven verfügen und möglichst auch eine ansprechende Dividende zahlen wollen.

(Börsen-Zeitung, 11.2.2012)

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