Werbewoche

«Wörter zeigen, wie wir ticken»

Zürich (ots) - «Rauchverbot», «Ausschaffung», «Dichtestress» - seit 2003 spiegelt das Schweizer «Wort des Jahres», worum sich die Gedanken und Gespräche der Schweizer Bevölkerung drehen. Von diesem Jahr an wird das Departement für Angewandte Linguistik der ZHAW das Schweizer «Wort des Jahres» küren, und zwar in allen vier Landessprachen. Die Werbewoche sprach mit Prof. Dr. Daniel Perrin, der die Wort-Wahl leiten wird.

Werbewoche: Herr Perrin, welchen Sinn hat es, ein «Wort des Jahres» zu küren?

Daniel Perrin: Das «Wort des Jahres» spiegelt, wie die Gesellschaft in der Schweiz nachdenkt, wie sie redet und was sie beschäftigt. Das «Wort des Jahres» ist ja ein Wort, das in diesem Jahr neu besonders häufig gebraucht worden ist und das zeigt, was uns bewegt und wie wir ticken.

Kümmern Sie sich auch um das «Unwort des Jahres»?

Wir werden das in Zukunft nicht mehr unterscheiden. Denn es ist nicht möglich, zu sagen, ob ein Wort ein gutes oder ein böses - also ein «Unwort» - ist. Wir werden künftig beim «Wort des Jahres» eine Rangliste aus den ersten drei Wörtern machen.

Die Wort-Wahl von 2003 bis 2016 hat Daniel Quaderer mit seinem «Büro Wort des Jahres» in Vaduz organisiert. Warum kümmert sich nun die ZHAW um die Wortfindung?

Daniel Quaderer hat uns angefragt. Was uns an der Wahl reizt, sind drei Dinge: Erstens können wir mit unserem Datenkorpus Swiss-AL nachweisen, welche Wörter neu im öffentlichen Diskurs aufscheinen und wie sich ihr Gebrauch in der Öffentlichkeit entwickelt. Wir können also nicht nur ein Wort küren, sondern auch zeigen, wie und wann ein Wort entstanden ist oder in einer neuen Bedeutung aufkommt und wie es sich ausbreitet. Zweitens stellen wir von ein- auf viersprachig um. Und drittens möchten wir die Öffentlichkeit in den Diskurs einbinden, indem wir sie einladen, via Social Media Vorschläge einzureichen und mit über das «Wort des Jahres» zu diskutieren. Wir wollen dazu anregen, öffentlich darüber nachzudenken, was Sprache über uns sagt.

Das klingt nach einem sehr professionellen und wissenschaftlichen Vorgehen. Ist der Transfer der Wort-Wahl zur ZHAW mit dem Ziel verbunden, die Wortauswahl wissenschaftlich zu untermauern?

Das ist der Grund, genau. Im angloamerikanischen Raum wird die entsprechende Wahl zum Beispiel von «Oxford Dictionaries» getragen, seit 2005 getrennt nach «UK» und «US». Auch sie arbeiten mit einem Textkorpus. Wir arbeiten zusätzlich in der Jury mit Sprachpraktikern wie Slampoeten, Bloggern etc. zusammen, die eigene Wortvorschläge bringen. Wir können dann überprüfen, ob es sich bei Vorschlägen tatsächlich um ein neues Wort handelt und wie es sich bewegt hat. Damit haben wir ein solides Mehr-Methoden-Verfahren, das spontane Eindrücke von Sprachschaffenden mit wissenschaftlichen Daten aus der Korpusanalyse verbindet.

Vor 2003 wurden «Wort» und «Unwort des Jahres» für den gesamten deutschen Sprachraum gesucht. Warum hat die Schweiz seit 2003 ein eigenes «Wort» und «Unwort des Jahres»?

Es gibt Dinge, die in der Schweiz völlig anders diskutiert werden als in Deutschland oder Österreich. In Deutschland sehr wichtige Begriffe wie «Harz IV» (deutsches «Wort des Jahres» 2004, Anm. d. Red.) spielen in der Schweiz keine Rolle. Die Sprache ist zwar ähnlich, aber es gibt andere Diskurse; darum werden in der Schweiz und auch in Österreich andere Wörter als in Deutschland als wichtig wahrgenommen. Und es geht ja darum, zu zeigen, welches Wort im Diskurs an Bedeutung gewonnen hat.

«Jetzt wird das Schweizer 'Wort des Jahres' viersprachig, interaktiv und messbar», heisst es in Ihrer Medienmitteilung. Können Sie das kurz erläutern?

Wir wollen das «Wort des Jahres» in unseren vier Landessprachen küren, wir starten in diesem Jahr mit Deutsch und Französisch und kommen in zwei Jahren mit Italienisch und in drei Jahren mit Rätoromanisch. Interaktiv bedeutet, dass wir eine Website aufbauen und Wortvorschläge via Social Media ermöglichen werden. Und messbar wird das «Wort des Jahres» durch den Abgleich mit dem Korpus Swiss-AL.

Interview: Anne-Friederike Heinrich

Weiterlesen: in der heute erschienenen Werbewoche 5/2017, Werbewoche.ch

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