DIE ZEIT

Noch kein "Kampf der Kulturen"
Samuel Huntington im ZEIT-Extra, das am Montag, den 17. September erscheint

    Hamburg (ots) - Das Massaker von New York sei noch kein "Kampf der Kulturen", sagt Samuel Huntington, auf dessen gleichnamiges Buch die populäre These vom "Clash of Civilizations" zwischen westlicher und islamischer Welt zurückgeht. Denn die islamische Welt sei gespalten.

    Ob jedoch ein echter Zusammenprall tatsächlich verhindert werden könne, hänge jetzt davon ab, wie islamische Staaten mit den USA bei der Bekämpfung des Terrors zusammenarbeiten, meint der Harvard-Professor weiter. In dem Interview, das in einer Sonderausgabe der ZEIT am Montag erscheint, betont der Strategie-Experte, wie schwer es sei, einen "Feind" zu bekämpfen, der in "vielen Ländern und kleinen Zellen" arbeite und "zweifellos den nächsten Schlag" vorbereite. Huntington: "Man muss offensiv vorgehen, diese Gruppen infiltrieren und kampfunfähig machen ... Man macht sie ausfindig und schaltet sie aus."

    Auf die Frage, ob Amerika diesen Krieg  alleine ausfechten könne, antwortet der Politologe: "Nein, auf keinen Fall. Wir brauchen die Hilfe unserer Verbündeten. Wir brauchen eine Koalition, die auch islamische Staaten umfasst ... Wenn diese Staaten diesen Krieg aussitzen, sich gar mit den Verbrechern solidarisieren, wächst die Gefahr, dass daraus tatsächlich ein Clash of Civilizations wird und nicht bloss ein Kampf der zivilisierten Gesellschaften gegen die Kräfte des Bösen."  

    Das Interview

    DIE ZEIT: Das Massaker von New York - beginnt damit jener "Kampf der Kulturen", den Sie 1993 in der Zeitschrift Foreign Affairs und 1996 in Ihrem gleichnamigen Buch vorausgesagt haben?

    Samuel Huntington: Der Anschlag war zuvörderst ein Angriff gemeiner Barbaren auf die zivilisierte Gesellschaft der ganzen Welt, gegen die Zivilisation als solche. Alle anständigen Menschen auf der ganzen Welt haben ihn vehement verdammt. Zweitens: Es ist wichtig, dass dieses Verbrechen jetzt eben nicht den Kampf der Kulturen auslöst. Der Schlüsselfaktor ist die Haltung islamischer Regierungen und Völker zum Terrorismus. Bis jetzt haben viele dieser Staaten Abscheu sowie Mitgefühl mit Amerika bekundet. Anderswo aber, auf der Strasse, wurde der Anschlag begeistert gefeiert.

    DIE ZEIT: Also doch der clash of civilizations?

    Huntington: Nein, die islamische Welt ist gespalten. Ob der echte Zusammenprall verhindert werden wird - das hängt davon ab, ob islamische Staaten mit den USA bei der Bekämpfung dieses Terrors zusammenarbeiten werden.

    DIE ZEIT: Was war die Zielscheibe des Terrors?

    Huntington: Die Symbole Amerikas - das World Trade Center als Symbol des Kapitalismus, das Pentagon als Symbol amerikanischer Militärmacht.

    DIE ZEIT: Haben die Terroristen ein Land oder eine Kultur attackiert?

    Huntington: Beides. Sie sehen Amerika als Inbegriff einer verhassten westlichen Zivilisation und zugleich als mächtigstes Land auf Erden.

    DIE ZEIT: Sie sind Strategie-Experte. Was ist die richtige Abwehrstrategie?

    Huntington: Dieser Feind ist so schwer zu bekämpfen, weil er sich nicht lokalisieren lässt. Es handelt sich um viele Leute, die in vielen Ländern und kleinen Zellen arbeiten. Zweifellos bereiten sie schon den nächsten Schlag vor. Folglich ist nachrichtendienstliche Arbeit das erste Gebot, was wiederum heisst: Erstens müssen die US-Dienste sich viel mehr als bisher um human intelligence - um Ausforschung an Ort und Stelle - kümmern; zweitens muss die Zusammenarbeit mit den Diensten anderer Länder entschieden verstärkt werden. Zurzeit gerade mit Pakistan, das bislang zu den wichtigsten Helfern der Taliban in Afghanistan gehörte. Grundsätzlich: Die Geheimdienstarbeit muss pro-aktiv sein ...

    DIE ZEIT: ... das heisst?

    Huntington: In offenen Gesellschaften wie der amerikanischen und der europäischen ist die Abwehr so schwer, weil es so einfach ist, in diese Länder einzusickern, Zugang zu gewinnen und solche Verbrechen zu organisieren. In den USA hat kein Mensch je daran gedacht, dass irgendjemand mit einem Flugzeug einen Wolkenkratzer vernichten würde. Folglich ist vorbeugendes Handeln das zweite Gebot.

    DIE ZEIT: Strategie ist die Kunst, den Gegner zu schwächen, seine Absichten zu durchkreuzen, seinen Willen zu brechen.

    Huntington: Ich sehe nicht, wie man Haltung und Verhalten von Leuten verändern kann, die den Tod nicht fürchten.

    DIE ZEIT: Wie bekämpft man dann Gegner, bei denen das klassische Abschreckungskalkül nicht greift?

    Huntington: Man muss offensiv vorgehen, diese Gruppen infiltrieren und kampfunfähig machen. Grundsätzlich bleibt allerdings das Problem, dass der Terror teilweise von Staaten, teilweise aber von kleinen Gruppen organisiert wird, die von der Globalisierung profitieren, also von der Verbreitung und Verbilligung von Technologie und Kommunikation. Ausserdem ist dies eine Welt, in der verschiedene Formen des schieren Fanatismus, auch des religiösen, blühen.

    DIE ZEIT: Wie geht man mit Fanatikern um?

    Huntington: Man macht sie ausfindig und schaltet sie aus. Das ist aber offenkundig sehr schwer, weil sie weit verstreut sind und keine einfachen Ziele bieten. Das verlangt eine völlig neue Form der Kriegsführung.

    DIE ZEIT: Ist Amerika, ist der Westen darauf vorbereitet?

    Huntington: Wir passen uns langsam an. Verteidigungsminister Rumsfeld versucht tapfer, die US-Streitkräfte aus ihrer Mentalität des Kalten Krieges zu befreien. Doch sind Militärs immer konservativ, sie wehren sich gegen den Wandel. Aber auch die Bürger, in Amerika wie in Europa, müssen akzeptieren, dass wir in einer gefährlichen, unberechenbaren Welt leben, dass wir gegen Überraschungen nicht gefeit sind.

    DIE ZEIT: Kann Amerika diesen Krieg allein ausfechten?

    Huntington: Nein, auf keinen Fall. Wir brauchen die Hilfe unserer Verbündeten. Wir brauchen eine Koalition, die auch islamische Staaten umfasst. Deshalb zurück zum Anfang: Wenn diese Staaten diesen Krieg aussitzen, sich gar mit den Verbrechern solidarisieren, wächst die Gefahr, dass daraus tatsächlich ein clash of civilizations wird und nicht bloss ein Kampf der zivilisierten Gesellschaften gegen die Kräfte des Bösen.

    Samuel Huntington, Professor für Politik in Harvard, wurde 1996 weltberühmt mit seinem Buch "Kampf der Kulturen", das in 26 Sprachen übersetzt worden ist - und gerade jetzt wieder Furore macht

    Diese PRESSE-Vorabmeldung des ZEIT-Extras mit     Erstverkaufstag am Montag, 17. September 2001, ist unter     Quellen-Nennung DIE ZEIT zur Veröffentlichung frei. Der     Wortlaut des ZEIT-Interviews kann angefordert werden.

ots Originaltext: Die Zeit
Internet: www.newsaktuell.ch

Kontakt:
Elke Bunse
Verena Schröder
ZEIT-Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel. +49 40 3280-217, Fax -558
E-Mail: bunse@zeit.de; schroeder@zeit.de



Weitere Meldungen: DIE ZEIT

Das könnte Sie auch interessieren: