CO2-Deponiepläne bedrohen Schweinswale in der Nordsee
CO 2 -Deponiepläne bedrohen Schweinswale in der Nordsee
Fünf Umweltverbände reichen Stellungnahme gegen das Vorhaben von ExxonMobil ein
- US-Öl- und Gaskonzern will mit Schallkanonen Nordsee-Boden zur Errichtung von CO2-Deponien prüfen
- Fehlende FFH-Verträglichkeitsprüfung trotz Umweltrisiken: Gesteigerte Lärmbelastung in der Nordsee könnte Schweinswale dauerhaft vertreiben und Teile der Population töten
- Umweltverbände fordern eine Ablehnung des Antrags, da Vorhaben unvereinbar mit Natur- und Klimaschutz
Die Umweltverbände BUND, DUH, Greenpeace, OceanCare und WDC haben eine gemeinsame Stellungnahme gegen den Genehmigungsantrag von ExxonMobil für Untersuchungen zur Errichtung einer Kohlendioxid (CO2)-Deponie in der Nordsee eingereicht.
Die Verbände lehnen den Antrag aufgrund von erheblichen gesetzlichen, fachlichen und umweltrechtlichen Mängeln ab und kritisieren, dass die Deponierung von CO2 immense Umweltrisiken in der Nordsee zur Folge hätte. Wesentliche Informationen, insbesondere geologische Daten, Risikobewertungen, Nachweise zur Standortintegrität, und aktuelle ökologische Bestandsdaten bleiben unvollständig oder werden unzulässig in spätere Verfahrensschritte verschoben.
Der US-Mineralölkonzern hat im März dieses Jahres beantragt, ein großes Gebiet des Meeresuntergrundes der Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) auf seine Eignung als CO2-Deponie zu prüfen. Konkret sind Untersuchungsbohrungen und drei Monate andauernde seismische Tests mit Schallkanonen in der zentralen Nordsee hinter Helgoland vorgesehen. Aus Sicht der Umweltverbände fehlen nicht nur rechtliche Grundlagen für eine Genehmigung; das Vorhaben ist zudem unvereinbar mit dem Meeresschutz, insbesondere mit dem Schutz der Schweinswale und der Klimaschutzfunktion der Meere.
Schallkanonen, sogenannte „Airguns“, erzeugen die mitunter lautesten menschengemachten Geräusche im Meer. Ihr Schall kann Schweinswale noch kilometerweit entfernt erreichen und Verhaltensreaktionen auslösen. Studien zeigen, dass Schweinswale seismischen Lärm noch in zehn bis zwölf Kilometern Entfernung meiden. Flucht oder verminderte Nahrungsaufnahme können zu populationsrelevanten Auswirkungen führen. Der im Antrag vorgesehene Abstand zu den Schutzgebieten Sylter Außenriff und Borkum Riffgrund beträgt nur rund 8,8 Kilometer – und ist damit zu gering, um eine Beeinträchtigung der Tiere, die in den Gebieten ihre Kälber aufziehen, ausschließen zu können.
Unterwasserlärm bedroht das gesamte Ökosystem
Unterwasserlärm betrifft nicht nur Meeressäuger, sondern auch Fische und wirbellose Meerestiere bis hin zum Zooplankton und damit die Nahrungsgrundlage des gesamten marinen Ökosystems. Dennoch fehlt im Antrag eine Verträglichkeitsprüfung gemäß der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH). Dass ExxonMobil diesen wichtigen Aspekt nicht berücksichtigt, ist ein Warnsignal.
Die Verbände kritisieren den geplanten Einsatz von Schallkanonen: „Die Nordsee zählt schon heute zu einem der am stärksten belasteten Meere der Welt. Meeressäuger wie der Schweinswal müssen bereits vor Schiffs- und Baulärm z.B. für Offshore-Windparks flüchten. Wenn jetzt auch noch Schallkanonen hinzukommen, wird es in der zentralen Nordsee für sie zu laut zum Überleben.“
Denise Risch, Bioakustikerin, forscht zum Thema Unterwasserlärm: “Der Einsatz von Schallkanonen bei der Suche nach Öl- und Gasvorkommen – oder wie im aktuellen Antrag für mögliche CO2-Deponien – kann verheerende Folgen für marine Tierarten haben. Der intensive, sich rasch und weit ausbreitende Unterwasserlärm kann etwa Schweinswale aus ihren Gebieten vertreiben oder auch physisch schädigen. Die geplanten Aktivitäten sind kaum als Klimaschutzmaßnahme zu werten, vielmehr stellen sie eine zusätzliche Bedrohung der ohnehin bereits unter Druck befindlichen Nordsee dar“.
Bereits ein einziger Schuss einer seismischen Schallkanone kann Zooplankton töten. Hier aber sollen drei Monate lang, rund um die Uhr, Schüsse abgefeuert werden. Direkt neben Gebieten, in denen Schweinswale ihre Kälber aufziehen. Unterwasserlärm ist für Schweinswale lebensbedrohlich, da dieser sie bei der Navigation, Jagd und Kommunikation mit Artengenossen stört.
Verbände fordern echten Klimaschutz statt Kohlendioxid-Deponierung
Carbon Capture and Storage (CCS), also die Abscheidung und unterirdische Deponierung von CO2, wird häufig als Beitrag zum Klimaschutz dargestellt. Tatsächlich konnte eine Klimawirkung der Technologie bislang nicht nachgewiesen werden. Ihr breiter Einsatz in der Energie- und Industriepolitik birgt die Gefahr, den Ausstieg aus fossilen Energien zu verzögern und dringend notwendige Investitionen in erneuerbare Energien, Energieeffizienz und emissionsfreie Produktionsverfahren zu verdrängen. Gleichzeitig ist CCS mit hohen Kosten, erheblichem Energieaufwand und ungeklärten Langzeitrisiken der CO2-Endlager verbunden.
Wirksamer und nachhaltiger Klimaschutz muss deshalb in erster Linie auf die Vermeidung von Emissionen, sowie den Erhalt und die Stärkung natürlicher Kohlenstoffsenken abzielen, die ebenfalls durch CCS gefährdet sind. Gesunde Meere spielen eine Schlüsselrolle: Sie nehmen große Mengen CO2 auf, speichern Kohlenstoff langfristig und stabilisieren das globale Klimasystem. Angesichts des bereits schlechten Zustands der Nordsee darf ein solches riskantes Vorhaben wie CCS nicht umgesetzt werden. Die Verbände fordern von der Bundesregierung und der niedersächsischen Landesregierung die Umsetzung tatsächlicher Lösungen für die Klimakrise: Einen konsequenten Ausstieg aus den fossilen Energien und die Reduktion von Emissionen durch weniger Müll, eine Bauwende, mehr Naturschutz und die Stärkung natürlicher Kohlenstoffsenken.
Die Verbände: „Während Öl- und Gas-Konzerne auf Kosten der Natur an einer Stelle Kohlenwasserstoffe aus der Nordsee fördern, wollen sie Kohlendioxid an anderer Stelle mit ebenso zerstörerischen Mitteln wieder in den Meeresuntergrund pressen. Der Schutz der größten Kohlenstoffsenke des Planeten und die Reduktion von Emissionen müssen absoluten Vorrang haben, anstelle von riskanten Scheinlösungen. Statt die ohnehin schon durch Fischerei, Seefahrt und Industrie unter Druck stehende Nordsee weiter zu belasten, brauchen wir endlich eine Klima- und Energiepolitik, die ihrem Namen gerecht wird und das fossile Zeitalter beendet.“
Hintergrund: Bei der CCS-Technik (Carbon Capture and Storage) soll Kohlendioxid (CO2) aus Industrieabgasen mit hohem Energieaufwand in einem chemischen Verfahren ausgewaschen (Carbon Capture), durch Pipelines oder per Schiff transportiert und mit hohem Druck unter den Boden im Meer oder an Land gepumpt werden. So sollen klimaschädliche Gase in CO2-Endlagern vermeintlich auf Jahrtausende von der Atmosphäre isoliert bleiben (Storage). Diese Technik ist bereits in der Nordsee vor Norwegen und Großbritannien im Einsatz, allerdings mit erheblichen technischen Schwierigkeiten.
Der Großteil der wenigen realisierten CCS-Projekte weltweit ist bisher gescheitert. Dennoch hat der Bundestag mit der Novellierung des Kohlendioxidspeichergesetz (KSpG) im Januar 2026 den Weg für den Export und die Speicherung von CO₂ in der deutschen Nordsee geebnet. Umweltschutz- und Wasserverbände kritisieren die hohen Risiken für Land- und Meeresökosysteme sowie die fragwürdige Klimawirkung von CCS. Der geplante Ausbau von CCS-Infrastruktur würde enorme staatliche und private Mittel fehllenken, die dann für echte Klimaschutzlösungen fehlen würden.
Zudem lähmt das Versprechen auf subventioniertes CCS den Ausbau der Erneuerbaren Energien und Effizienzmaßnahmen. Anstatt klimaschädliche Abgase zu reduzieren, dürften Kraftwerke, chemische Industrie und Müllverbrenner diese bis unter die Nordsee leiten und dort im Meeresboden deponieren. Gaskraftwerke könnten zudem durch das Gesetz mit dem Etikett „CCS ready“ gebaut werden und Subventionen erhalten. Einmal gebaute Gaskraftwerke werden über Jahrzehnte betrieben, um Investitionskosten zu amortisieren. Das zementiert die Abhängigkeit von Gas im Stromsektor und bremst die Einspeisung von Erneuerbaren.
Kontakt
Nicolas Entrup, Leiter Internationale Zusammenarbeit, OceanCare, +43 660 2119963, nentrup@oceancare.org
Mehr Informationen:
- OceanCare-Bericht über die Auswirkungen von Unterwasserlärm auf Fische und Wirbellose
- Auswirkungen von Unterwasserlärm für das Leben im Meer
- CMS Family Guidelines on Environmental Impact Assessments for Marine Noise-generating Activities
- Best Available Technology (BAT) and Best Environmental Practice (BEP) for Mitigating Three Noise Sources: Shipping, Seismic Airgun Surveys, and Pile Driving
- BUND-Standpunkt: CCS (Carbon Capture and Storage): Falsche Weichenstellung verhindern!
- Greenpeace-Infos zur CCS-Technologie
- Deutsche Umwelthilfe zum CCS Mythos
Über OceanCare
OceanCare setzt sich seit 1989 weltweit für die Meerestiere und Ozeane ein. Mit Forschungs- und Schutzprojekten, Umweltbildungskampagnen sowie intensivem Einsatz in internationalen Gremien unternimmt die Organisation konkrete Schritte zur Verbesserung der Lebensbedingungen in den Weltmeeren. OceanCare ist vom Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen als Sonderberaterin für den Meeresschutz anerkannt und ist offizielle Partnerorganisation in zahlreichen UN-Abkommen und internationalen Konventionen. OceanCare engagiert sich zudem in internationalen zivilgesellschaftlichen Bündnissen wie der High Seas Alliance, Seas at Risk, oder der #BreakFreeFromPlastic-Koalition.
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OceanCare Gerbestrasse 6 CH-8820 Wädenswil www.oceancare.org