Medienmitteilung
Hitzesommer 2003: die Auswirkungen auf die Gewässer
Gletscherschmelzen und ausgetrocknete Bäche
2004-08-16T09:36:27
Bern (ots) - Bern, 16. August 2004 Hitze und Trockenheit im Sommer 2003 wirkten sich unterschiedlich
auf die Gewässer der Schweiz aus: Die Gletscher schmolzen stark ab
und füllten die Alpenflüsse mit Wasser, während im Jura und im
Mittelland die geringen Abflussmengen und die hohen
Wassertemperaturen die Fische bedrohten. Gesuche um Wasserentnahmen
für Bewässerungen führten zum Interessenkonflikt zwischen
Gewässerschutz und Landwirtschaft. Keine Probleme wurden bei der
Wasserqualität gemeldet und die Trinkwasserversorgung wurde nur
lokal beeinträchtigt. Insgesamt drängen sich keine Massnahmen auf
Stufe Gesetzge-bung auf. Zu diesem Schluss kommt ein heute
veröffentlichter Bericht von BUWAL, BWG und MeteoSchweiz. Hart getroffen wurde die Fischfauna, die gleich doppelt bedroht war:
von den sinkenden Was-serständen im Extremfall bis zum Austrocknen
des Bachbetts und von den hohen Wasser-temperaturen, die für
bestimmte Fischarten wie Forellen oder Äschen lebensbedrohlich sein
können. Das spektakulärste Ereignis des Sommers 2003 das
Massensterben von über 50'000 Äschen im Rhein unterhalb des
Bodensees hatte seine Ursache in den extrem hohen
Was-sertemperaturen. Am 12. August wurden bei Stein am Rhein in der
Flussmitte in vier Metern Tiefe fast 26 °C gemessen. Generell war das Austrocknen von Gewässern jedoch das grössere
Problem als die hohen Wassertemperaturen. Eine Umfrage bei den
Kantonen ergab, dass im Sommer 2003 mindestens 350 Fischgewässer mit
einer Länge von insgesamt 245 Kilometern als Folge der
Niederschlagsdefizite streckenweise oder ganz ausgetrocknet waren.
In zahlreichen Kantonen war das Fischereipersonal im Dauereinsatz,
um die Fische vor dem Trockenfallen der Gewässer oder dem
Temperaturstress zu retten. Dabei wurden mindestens 120'000 Fische
in Gewässerabschnitte mit ausreichender Wasserführung umgesiedelt.
Insgesamt wurden gegen 85'000 tote Fische eingesammelt, wobei die
tatsächlichen Verluste deutlich höher gelegen haben dürften. Besser erging es der Flora und Fauna in Feuchtgebieten wie Auen und
Mooren (siehe Kasten 2). Als Folge der Hitze und der Trockenheit
traten ungewöhnliche Phänomene auf: So wuchsen im Flussbett der Thur
beispielsweise Sonnenblumen und Tomatenstauden, und im
Neuenburgersee wurden Süsswasserquallen beobachtet. Bewässerung versus Gewässerschutz Eine besondere Herausforderung für
die Behörden war der für heisstrockene Sommer typische
Interessenkonflikt zwischen Gewässerschutz und Wasserentnahmen aus
kleineren Fliessgewässern zum Bewässern der von Dürreschäden
bedrohten landwirtschaftlichen Kulturen. Die schwierige Lage wurde
von den betroffenen Kantonen unterschiedlich bewältigt, wie der
Bericht aufzeigt. Zeitweise mussten Einschränkungen oder Verbote für
Wasserentnahmen verfügt werden, um eine minimale Wasserführung
sicherzustellen. Vereinzelt führte dies zu Konflikten zwischen
Behörden und Bauern und zu illegalen Wasserentnahmen. Insgesamt
waren die Massnahmen der Kantone jedoch zielführend: Anders als in
früheren Trockensommern dürften leergepumpte Bäche die Ausnahme
geblieben sein. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Ursache
für das Austrocknen mancher Gewässerabschnitte die geringen
Niederschläge und nicht die Wasserentnahmen waren. Kein unmittelbarer Handlungsbedarf Meldungen über temperatur- und
trockenheitsbedingte Erhöhungen der Konzentration von chemischen
Inhaltsstoffen oder durch verstärkte bakterielle Aktivitäten trafen
keine ein. Der Betrieb der Abwasserreinigungsanlagen wurde eher
positiv als negativ beeinflusst. Hinweise über besondere hygienische
Probleme in Badegewässern als Folge der ausserordentlichen Witterung
liegen ebenfalls keine vor. Beim Grundwasser, bei der
Trinkwasserversorgung und bei der Nutzung der Wasserkraft traten nur
lokal Probleme auf (siehe Kasten 3). Bei einer Gesamtbetrachtung der im Bericht zusammengestellten Daten
und Beobachtungen aus dem Jahr 2003 drängen sich beim gegenwärtigen
Stand des Wissens auf Bundesebene keine unmittelbaren Massnahmen auf
Stufe Gesetzgebung auf. Allerdings lässt der Klimawandel künftig
vermehrt Extremereignisse erwarten wie den Hitzesommer 2003. Es ist
deshalb unerlässlich, die langfristigen Anstrengungen in Sachen
Klimaschutz (wie die Umsetzung des Kyoto-Protokolls oder des
CO2-Gesetzes) fortzusetzen, wie BUWAL-Direktor Philippe Roch
kommentiert. BUWAL BUNDESAMT FÜR UMWELT,
WALD UND LANDSCHAFT
Pressedienst BWG BUNDESAMT FÜR WASSER UND
GEOLOGIE
Kommunikationsdienst METEOSCHWEIZ BUNDESAMT FÜR
METEOROLOGIE UND KLIMATOLOGIE
Informationsdienst Beilagen:
Kasten 1: Gemeinsame Studie zum ausserordentlichen Sommer
Kasten 2: Anpassungsfähige Feuchtgebiete
Kasten 3: Trinkwasser, Grundwasser und Wasserkraft: nur
lokale Probleme
Kasten 4: Ein Jahr danach: niedrige Pegel bei
Fliessgewässern, Normalisierung beim Grundwasser Notiz an die Redaktionen:
Der Bericht "Auswirkungen des Hitzesommers 2003 auf die Gewässer",
Schriftenreihe
Umwelt Nr. 369, 174 S., kann zum Preis von CHF 25.- bestellt werden
bei (lieferbar ab Ende September 2004):
BUWAL, Dokumentation, 3003 Bern
Fax: 031 324 02 16, mailto:docu@buwal.admin.ch
Bestellnummer: SRU-369-D Der Bericht liegt auf Deutsch vor und enthält eine französische
Zusammenfassung. Er ist unter :
http://www.umwelt-
schweiz.ch/buwal/de/medien/presse/artikel/20040816/01108/index.html
auf dem Internet publiziert Auskünfte
Ulrich Sieber, BUWAL, Sektion Gewässerreinhaltung, Tel. 031
322 69 50
Adrian Jakob, BWG, Sektionschef Analysen und Vorhersagen,
Tel. 031 324 76 71
Stephan Bader, MeteoSchweiz, Klimatologe, Tel. 01 256 93 75 Kasten 1 Eine gemeinsame Studie zum ausserordentlichen Sommer Im denkwürdigen Sommer 2003 herrschten in der Schweiz
ausserordentliche klimatische Verhältnisse: Von Mitte April bis Ende
August lagen die Lufttemperaturen fast durchweg deutlich über dem
langjährigen Mittel, und die Monate Juni und August brachten eine
bisher einmalige Häufung von Hitzerekorden, darunter die höchste je
in der Schweiz gemessene Lufttemperatur von 41,5 ºC. Begleitet wurde
die Hitze von einer anhaltenden Trockenheit. Ihre Zentren lagen im
Jura, im tieferen Mittelland und im Tessin, wo die Bäche und Flüsse
aus unvergletscherten Einzugsgebieten teils sehr wenig Wasser
führten. Die Tiefstwerte aus dem trockenheissen Sommer 1947 wurden
jedoch in der Regel nicht erreicht. Ganz anders die Lage im Hochgebirge: Die anhaltende Wärme liess
Schnee und Eis in ungewöhnlichem Mass abschmelzen. Der für 2003
geschätzte Massenverlust der Gletscher dürfte rund vier Mal höher
gewesen sein als in den vorangegangenen Jahren, die ohnehin zur
überdurchschnittlich warmen Periode seit den 1980er Jahren gehören.
Die Gletscherbäche führten deswegen trotz der Trockenheit
ungewöhnlich viel Wasser. Die jetzt vorliegende Dokumentation "Auswirkungen des Hitzsommers
2003 auf die Gewässer" präsentiert knapp und übersichtlich die
wichtigsten Daten und Beobachtungen aus diesem ungewöhnlichen
Sommer. Ausgehend von den Ursachen und dem Ablauf der Witterung
werden die Wirkungen auf die Abflüsse und Seestände dargestellt,
ebenso wie die Wasserqualität, das Grundwasser, die Situation in
Feuchtgebieten, die Wasserentnahmen und Wassereinleitungen, die
Fische und die Fischerei, die Badegewässer, die
Trinkwasserversorgung, die Wasserkraftwerke und die Schifffahrt
dargestellt. Der Bericht stellt Datengrundlagen für Praktiker und
Forschende bereit, die sich mit den Folgen von klimatischen
Extremereignissen befassen. Kasten 2 Anpassungsfähige Feuchtgebiete Obwohl viele Weiher und
Tümpel austrockneten, zeigen die vorliegenden Beobachtungen, dass
Feuchtgebiete wie Auen und Moore wegen ihrer hohen natürlichen
Anpassungs- und Regenerationsfähigkeit den Hitzesommer insgesamt gut
abfedern konnten. Die Ausnahmesituation brachte zudem eher seltene
Phänomene hervor: So wuchs beispielsweise auf den monatelang trocken
liegenden ufernahen Seeböden des Lago Maggiore ein dichter grüner
Teppich mit Pflanzen, die dort seit Jahrzehnten nicht mehr
beobachtet worden sind. Pioniergemeinschaften besiedelten auch die
vorübergehend trockenliegenden Schlamm- und Kiesbänke in den
Flüssen, um nach dem Ende der Wassertiefstände wieder zu
verschwinden. Und im Neuenburgersee wurde eine für den Menschen
harmlose zentimetergrosse Süsswasserqualle entdeckt, die
ursprünglich wahrscheinlich aus Südamerika stammt und für die
Fortpflanzung hohe Wassertemperaturen benötigt. Kasten 3 Trinkwasser, Grundwasser und Wasserkraft: nur lokale
Probleme Gut über die Runden kamen die grossen städtischen
Trinkwasserversorgungen und jene Gemeinden, die sich an Verbundnetze
angeschlossen haben. Die grossen Investitionen der letzten Jahre
zahlten sich im Härtetest des Sommers 2003 aus.
Verbrauchseinschränkungen mussten einzig kleine und isolierte
Wasserversorgungen verfügen, die vor allem von Quellen abhängen. Die
heisstrockene Witterung hatte jedoch keine signifikanten
Auswirkungen auf die Trinkwasserqualität. Die Grundwasservorkommen aus ihnen wird rund 80 Prozent des
Trinkwassers gewonnen profitierten von den ausnehmend hohen
Wasserständen zum Jahresbeginn 2003. In den Tälern der grossen
Alpenflüsse wurden sie zudem durch Wasser aus der starken Schnee-
und Gletscherschmelze angereichert. In diesen Gebieten lagen die
Wasserstände Ende Sommer 2003 zwar tief, aber immer noch über dem
langjährigen Minimum. In den kleineren Tälern des Mittellands und im
Südtessin sanken sie jedoch zum Teil auch unter die bisherigen
Minimalwerte. Einen sehr starken Rückgang der Schüttung erlitten
Quellen, die aus oberflächennahen Grundwasservorkommen gespeist
werden. Gut zu Recht kamen auch die grossen Elektrizitätswerke. Die
Stromproduktion aus Wasserkraft lag im Jahr 2003 nur 0,8 Prozent
unter dem Mittel der letzten zehn Jahre. Die Produktionsverluste
waren damit deutlich geringer als in den Trockenphasen der 1970er
Jahre. Zwar sank die Energieproduktion der Laufkraftwerke im
Unterland wegen der geringen Wasserführung der Flüsse teils stark
ab. Die Minderproduktion konnte jedoch durch den verstärkten Einsatz
der Speicherkraftwerke in den Alpen kompensiert werden, die von der
starken Schnee- und Gletscherschmelze profitierten. Im Mittelland
mussten dagegen verschiedentlich Kleinkraftwerke stillgelegt werden,
da unter Einhaltung der Dotierwassermenge die Wasserführung für den
Betrieb nicht mehr ausreichte. Kasten 4 Ein Jahr danach: niedrige Pegel bei Fliessgewässern,
Normalisierung beim Grundwasser Anfangs August hatten die meisten Fliessgewässer in der Schweiz im
Vergleich mit dem langjährigen Augustmittelwert
unterdurchschnittliche Abflüsse. Am stärksten betroffen sind die
kleineren und mittleren Gewässer in der Westschweiz (Broye und
kleine Zuflüsse Lac Léman), im Jura und im Tessin. Gründe dafür sind
: ein massives Niederschlagsdefizit für das erste Halbjahr 2004 in
der Westschweiz und ein beträchtliches Defizit im Tessin sowie
leicht unterdurchschnittliche Regenmengen in der übrigen Schweiz;
saisonale Schwankungen der Abflüsse; unvergletscherte
Einzugsgebiete. Im Vergleich zu 2003 liegen die Abflusswerte in der
Deutschschweiz nicht so tief. In der Westschweiz hingegen ist die
Situation mit 2003 vergleichbar. Der vergangene niederschlagsarme Winter und Frühling hatte zur
Folge, dass die Grundwasserstände im Frühjahr 2004 sehr niedrig
waren, tiefer als in der gleichen Vorjahresperiode. Als Folge der
vermehrten Niederschläge stiegen die Grundwasserstände ab Mai 2004
im Allgemeinen an während sich die Quellschüttungen grösstenteils
bereits im letzten Winter normalisiert hatten. Sie reagieren rascher
auf Niederschläge. Zurzeit liegen die Grundwasserstände und
Quellschüttungen generell knapp unterhalb des langjährigen Mittels.
Insbesondere in der Westschweiz macht sich das Niederschlagsdefizit
des ersten Halbjahres 2004 deutlich bemerkbar, wie z.B. die Lage im
Kanton Freiburg zeigt. Hier wurde Ende Juli wegen niedriger
Grundwasserstände zum Wassersparen aufgerufen.
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