Medienmitteilung
Frühjahrstagung der Angestellten Schweiz vom 20. April 2007 in Basel - Ein guter Lohn ist nicht alles!
2007-04-20T11:00:00
Zürich (ots) - Über den Lohn spricht man nicht und doch gibt es
kaum etwas Interessanteres, als genau darüber zu sprechen! Nicht
minder interessant ist es, über die Arbeitszufriedenheit zu
diskutieren. Die Angestellten Schweiz taten an der Frühjahrstagung
2007 vom 20. April in Basel beides. Dem Thema entsprechend wurden
hochkarätige Referentinnen und Referenten, die auf dem Gebiet
forschen, eingeladen. Gastgeberin war Novartis Schweiz. Angestellte haben zuerst einmal zwei Grundbedürfnisse: Sie möchten
eine Arbeit, die sie zufrieden macht und sie wollen dafür einen
guten, fairen Lohn. Doch so einfach, wie dies klingt, ist die Sache
nicht, wie die Frühjahrstagung der Angestellten Schweiz gezeigt hat.
Die Wahrnehmung der Angestellten ist nicht immer die gleiche wie die
der Arbeitgeber und die zentrale Frage ist letztlich die nach dem
Vertrauen. Patentrezepte, wie dieses gewonnen werden kann, gab es an
der Tagung nicht, aber viele nützliche Hinweise. Höhere Löhne grösserer Unternehmenserfolg? Diese provokative Frage
stellte im ersten Referat Professor Dr. Thomas Schwarb von der
Fachhochschule Nordwestschweiz. 1994 stellte Jeffrey Pfeffer
aufgrund einer Untersuchung fest, dass ein Faktor für den
Unternehmenserfolg hohe Löhne seien. Diese machten das Unternehmen
für Arbeitnehmende attraktiver, senkten die Fluktuation und führten
zu tieferen Lohnstückkosten. Zu ähnlichen Schlüssen kam in den
Achtziger-Jahren die Effizienzlohntheorie. Auf der anderen Seite
brachte eine Zufriedenheitsbefragung zu Tage, dass den
Mitarbeitenden immaterielle Werte (z. B. der Arbeitsinhalt, Führung,
Team) wichtiger sind als materielle. Warum wählen Stellenwechsler
dann Stellen aus, bei denen sie in über 80% der Fälle einen höheren
Lohn bekommen?, fragte Thomas Schwarb. Um eine Antwort auf diese widersprüchlichen Ergebnisse zu bekommen,
untersuchte er die Flexibilisierung der Löhne im Hinblick auf
Leistungslohn, Erfolgs- und Kapitalbeteiligung. Die Zahl der
Unternehmen, die solche Beteiligungen anbieten, hat in den letzten
Jahren massiv zugenommen. Eine Untersuchung von Schwarb und Greiwe
(2002) zeigte, dass sich die Gewinne bei Unternehmen mit
Erfolgsbeteiligung deutlich positiver entwickelten als diejenigen
der Unternehmen ohne Erfolgsbeteiligung. Eine andere Studie
derselben Autoren (2003) ging der Frage nach, ob Mitarbeitende einen
Leistungslohn bevorzugen oder nicht. Von denen, die keinen beziehen,
wollten rund 45% auch keinen solchen. Aber noch etwas mehr, nämlich
46%, wünschten sich einen Leistungslohn. Bei den Mitarbeitenden mit
Leistungslohn wollten hingegen rund 56% diesen behalten und nur ca.
37% wünschten ihn nicht mehr. Insgesamt wurde der Leistungslohn also
eher positiv bewertet, dies u.a., weil die Mitarbeiter wussten, wie
er zustande kommt und das Gefühl hatten, dass die Leistungen gerecht
beurteilt werden. Wichtige Gründe waren aber auch die Meinung, dass
ein Leistungslohn gerechter sei als keiner und dass dieser zu mehr
Leistung ansporne. Thomas Schwarb plädierte dafür, bei der Entlöhnung der
Mitarbeitenden strategische Überlegungen mit einfliessen zu lassen.
Die Ausgestaltung der Löhne müsse zur Unternehmensstrategie passen. Abschliessend zog Thomas Schwarb das Fazit, dass ein Zusammenhang
zwischen Lohnhöhe und Unternehmenserfolg zu vermuten sei. Er wies
aber darauf hin, dass es stärkere Einflussfaktoren gebe, z. B. die
Branche. Die Ausgestaltung der Entlöhnung (Leistungslohn,
Beteiligungen) habe ebenfalls einen Einfluss auf den Erfolg. Leistungslohn und Erfolgsbeteiligung bei Novartis Der Leistungslohn
und die Erfolgsbeteiligung stellten eine Herausforderung an die
Unternehmenskultur und die Systematik dar, betonte der Leiter
Novartis Schweiz, Michael Plüss. In der Novartis- Unternehmenskultur
haben Werte und Verhaltensweisen wie Ausrichtung auf Resultate,
Kunden- und Qualitätsorientierung, Kreativität und Innovation,
Führungskompetenz oder Stärkung der Eigenverantwortlichkeit einen
hohen Stellenwert. Das Leistungsmanagement hat u. a. zum Ziel, die
Ziele der Mitarbeitenden nach den Unternehmenszielen festzulegen,
die Ergebnisse zu vereinbaren, aber auch die individuellen
Weiterbildungsbedürfnisse zu unterstützen. Der Erfolg wird nicht nur
im Hinblick auf die Erreichung der Ziele, sondern auch der Werte und
des Verhaltens gemessen. Der Lohn besteht aus den Komponenten Grundgehalt, Bonus/Incentive
und Zusatzleistungen. Der Bonus berechnet sich auf der Grundlage des
Grundgehalts aus einem Zielprozentsatz, einem Multiplikator auf
Grund der eigenen Leistung sowie einem Multiplikator auf Grund des
Erfolgs der Division resp. Business Unit. Der Bonus kann bar oder
(teilweise) in Form von Aktien bezogen werden. Rund die Hälfte der
Mitarbeitenden bezieht Aktien und investiert damit nach den Worten
von Michael Plüss in Novartis. Besondere Zusatzleistungen bei Novartis sind u.a. eine
Lohnfortzahlung bei Krankheit von bis zu 720 Tagen, eine weltweite
Unfallversicherung (Prämie durch Arbeitgeber bezahlt), ein
arbeitsmedizinischer Dienst, Familienzulagen, ein Mitarbeiterkonto
mit Vorzugszins (1,5%) oder Kinderbetreuungsplätze. Die Sozialpartnerschaft ist bei Novartis geprägt von gegenseitigem
Vertrauen. Der Novartis Angestelltenverband NAV ist seit Jahren der
bewährte Verhandlungspartner bei Lohnverhandlungen, aber auch bei
Verhandlungen bezüglich Ferien, Arbeitszeit, Entschädigungen etc.
Der NAV vertritt die Interessen der Angestellten wirkungsvoll. Mit dem Bau des neuen Campus investiert Novartis in ein
Arbeitsumfeld, das weltweit die besten Talente anziehen soll. Mit
diesem Worten wies Michael Plüss zum Schluss auf die Zukunftsvision
von Novartis hin. Investition Vertrauen Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser,
diesen Gemeinplatz stellte Professorin Dr. Margit Osterloh von der
Universität Zürich zu Beginn ihres Referats in Frage. Speziell an
Osterlohs Ansatz ist, dass sie die Vertrauens- mit der
Motivationsforschung verbindet. So unterscheidet sie für die
Vertrauensbildung eine extrinsische und eine intrinsische Motivation
also eine innere Motivation und eine, die von aussen kommt.
Extrinsisch motiviertes Vertrauen wird aufgebaut, indem man das
Risiko unter Zuhilfenahme der Kenntnisse über die Dauer der
Beziehung, die Reputation, die sozialen Rollen, die Stereotypen und
die soziale Ähnlichkeit kalkuliert einschätzt. Bezüglich intrinsisch
motiviertem Vertrauen kann festgestellt werden, dass vertrauensvolle
Menschen nicht nur vertrauenswürdiger sind als misstrauische,
sondern auch bessere Fähigkeiten haben, die Vertrauenswürdigkeit
anderer Personen korrekt einzuschätzen. Margit Osterloh unterscheidet drei Arten von Vertrauensbeziehungen:
Die Beziehung kann situations-, eigenschafts- oder
identifikationsbasiert sein. Für die situationsbasierte
Vertrauensbeziehung sind Kenntnisse über die Dauer der Beziehung und
die Reputation wichtig. Bei der eigenschaftsbasierten
Vertrauensbeziehung ist es die Einschätzung einer Person in Bezug
auf ihre Kompetenzen, Integrität und ihr Wohlwollen. Die
identfikationsbasierte Vertrauensbeziehung basiert auf gemeinsam
geteilten Werten, Zielen und Bedürfnissen sowie auf wechselseitiger
Sympathie und emotionaler Bindung. Eine eigenschaftsbasierte
Vertrauensbeziehung wandelt sich langfristig in eine
identifikationsbasierte. Kontrolle und Vertrauen das muss kein Gegensatz sein, betonte
Margit Osterloh. Kontrolle, das hätten Studien ergeben, könne die
Leistung verringern wie auch erhöhen. Um eine Erhöhung zu erreichen,
sei einfach die passende Kontrollform zu finden. Für eine
situationsbasierte Vertrauensform empfiehlt Osterloh eine Ergebnis-
oder Verfahrenskontrolle, für die eigenschaftsbasierte
Vertrauensform eine unterstützende Verfahrenskontrolle oder eine
Inputkontrolle und für eine identifikationsbasierte Vertrauensform
eine Inputkontrolle oder soziale Kontrolle. Keine Kontrolle sei
schlecht, denn ohne eine (unterstützende) Kontrolle gibt es auch
kein glaubwürdiges Lob und kein Fordern und Fördern. Deshalb müsse
es nicht heissen Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, sondern
Ist die Kontrolle gut, ist das Vertrauen besser. Wenn das Vertrauen fehlt Resultate der Umfrage zur
Arbeitszufriedenheit der Angestellten Schweiz Mitarbeitende möchten
nicht nur Kritik hören, sondern gelegentlich auch ein Lob. Diese
Folgerung stellte Werner Reimann, Leiter HR- Forschung bei
Demoscope, an den Beginn seiner Ausführungen zu den Resultaten der
Umfrage der Angestellten Schweiz zur Arbeitsplatzzufriedenheit, an
der sich 3333 Mitarbeitende beteiligten. Dass sie mit ihrer
Situation nicht zufrieden sind, äusserten die Befragten denn auch
unverhohlen. Immerhin gestehen sie ihren Vorgesetzten zu, dass sie
menschlich mit ihnen umgehen. Stark kritisiert wird, dass sich die Mitarbeitenden von ihrem Umfeld
nicht genügend in ihrem beruflichen Weiterkommen unterstützt fühlen.
Sie hätten zwar mindestens zum Teil in der jüngeren Vergangenheit am
Arbeitsplatz Neues lernen können, sie sind aber was die Zukunft
betrifft wesentlich skeptischer. Allerdings schwingt da und dort
zweifellos eine falsche Konsumhaltung mit, gab Werner Reimann die
Kritik ein Stück weit zurück. Das Bewusstsein, dass man sich in der
heutigen Arbeitswelt selber aktiv um sein berufliches Vorwärtskommen
kümmern müsse, sei noch nicht überall in genügendem Ausmass
vorhanden. Das Arbeitsklima im Team bezeichnete eine Mehrheit als gut und den
Lohn zumindest als akzeptabel aber wer ist denn schon völlig
zufrieden mit dem Lohn? fragte Werner Reimann. Ein Aspekt schneidet in der Umfrage erschreckend schlecht ab: Das
Vertrauen in die Geschäftsleitung des Unternehmens. Über ein Drittel
der Umfrageteilnehmenden verteilte den obersten Bossen ungenügende
Noten. Nur noch wenige können mit Überzeugung sagen, dass sie stolz
darauf sind, Mitarbeitende ihres Unternehmens zu sein. Und Freunden
würden sie ihr Unternehmen schon gar nicht als Arbeitgeber
empfehlen. Auch diese Qualitäten hängen statistisch gesehen mit dem
Vertrauen zusammen. Wie aber lässt sich Vertrauen gewinnen? Die
Umfrage lässt Rückschlüsse darauf zu. Zum einen erwarten die
Angestellten Informationen über Unternehmensentscheide in genügender
Detailliertheit und zum richtigen Zeitpunkt. Zum anderen wünschen
die Mitarbeitenden, dass man ihnen wieder das Gefühl gibt, dass ihre
Arbeit von Bedeutung ist. Womit man wieder beim Anfang ist: Ein Lob,
ein Zeichen von Anerkennung, das wollen die Mitarbeitenden. Wenn es
gelingt, das Vertrauen in die Geschäftsleitung wieder herzustellen,
ist vieles gewonnen, mit dieser Feststellung schloss Werner Reimann
sein aufschlussreiches Referat. Zufriedene Mitarbeitende sind Chefsache! Vital G. Stutz, der
Geschäftsführer der Angestellten Schweiz, wies in seinem
Abschlussreferat nochmals darauf hin, dass die Löhne der Mitglieder
der Angestellten Schweiz zwar überdurchschnittlich seien, die
Arbeitszufriedenheit aber offensichtlich unterdurchschnittlich sei.
Was die Folgen dieser Unzufriedenheit sind, zeigten die Angestellten
Schweiz Ende März anlässlich einer Medienkonferenz auf
(Arbeitsplatzwechsel in der Schweiz). Basis war eine Studie der
Universität St. Gallen im Auftrag der Angestellten Schweiz. Sie
zeigte: Rund 10% der Angestellten wechseln jährlich den Job oder
beabsichtigen, dies zu tun. Das ist für die Angestellten Schweiz
klar zu hoch. Warum sind so viele der Befragten unzufrieden mit ihrer Arbeit? Zum
einen sind sicher die überdurchschnittlich qualifizierten Mitglieder
der Angestellten Schweiz entsprechend kritisch und fordern, völlig
zu Recht, gute Arbeitsbedingungen ein, sagte Vital Stutz. Auf der
anderen Seite hätte das Vertrauen der Mitarbeitenden gelitten, weil
sie dauernden Umstrukturierungen unterworfen seien sowie weil ihre
Chefs dauernd wechselten, nur auf die eigene Karriere ausgerichtet
seien und zudem schlecht kommunizierten. Wenn es keine verlässliche
Firmenkultur mehr gibt und Entscheide nicht mehr nachvollziehbar
sind, erstaunt es nicht, dass die Identifikation mit dem Unternehmen
nachlässt, so Stutz. Oder, mit den Worten von Professorin Osterloh
ausgedrückt dass die intrinsische Motivation schwindet. Was ist zu tun? Schon aus eigenem Interesse müssen die Arbeitgeber
weiterhin faire und gute Löhne bezahlen; zusätzlich sollen sie sich
auch auf anderen Ebenen für die Mitarbeitenden einsetzen. Die
Umfrage hat ja gezeigt, wo dies besonders gewünscht wird. Die Chefs
müssen gegenüber ihren Angestellten ehrlich sein, sie müssen offen
kommunizieren und vermehrt die Mitarbeiter im Auge haben und nicht
nur ihre eigenen Bedürfnisse und den Aktienkurs. Denn letztlich
haben es die Chefs in der Hand, dafür zu sorgen, dass die
Mitarbeitenden zufrieden sind. Und nur mit motivierten
Mitarbeitenden kann ein Unternehmen nachhaltig Erfolg haben. Aber auch die Angestellten Schweiz wollen ihren Beitrag zur
Verbesserung der Motivation ihrer Mitglieder leisten. Sie werden als
Kompetenzzentrum noch grösseres Gewicht legen auf die kompetente
Beratung der Mitglieder und diese in Lohnfragen sowie insbesondere
bei der Weiterbildung unterstützen. Für Rückfragen:
Hansjörg Schmid, Leiter Kommunikation, Natel 076 443 40 40 Die Angestellten Schweiz sind die stärkste Arbeitnehmerorganisation
der Branchen Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM) und
Chemie/Pharma. Rund 25 000 Angestellte sind Mitglied. Angestellte
Schweiz entstand aus dem Zusammenschluss der beiden Verbände
Angestellte Schweiz VSAM (MEM, gegründet 1918) und VSAC (Chemie,
gegründet 1993).
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