Medienmitteilung
Medienkonferenz Angestellte Schweiz: Arbeitsplatzwechsel in der Schweiz - Warum haben die Arbeitnehmenden mit ihrem Stellenwechselverhalten mehr Macht als die Arbeitgeber mit ihrem Entlassungsverhalten?
2007-03-30T11:00:00
Zürich (ots) - Rund 300 000 Angestellte wechseln in der Schweiz
jährlich die Stelle. Die Fluktuationsrate ist während der letzten
Jahre auf hohem Niveau ziemlich stabil geblieben und verläuft
prozyklisch zur Konjunktur. Dies zeigt die Neuauflage der Studie
Arbeitsplatzwechsel in der Schweiz des Forschungsinstituts für
Arbeit und Arbeitsrecht der Universität St. Gallen. Sie lässt aber
auch interessante Rückschlüsse über die Macht der Arbeitnehmenden
mit ihrem Stellenwechselverhalten im Vergleich zur Macht der
Arbeitgeber mit ihrem Entlassungsverhalten zu. Schliesslich deckt
sie auf, dass das Hauptmotiv für Angestellte, die Stelle zu
wechseln, die Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen ist. Die
Angestellten Schweiz fordern die Arbeitnehmer auf, daraus
Konsequenzen zu ziehen. Warum wechseln Angestellte die Stelle und machen sie es
freiwillig? Die Angestellten Schweiz wollten es genauer wissen und
beauftragten das Forschungsinstitut für Arbeit und Arbeitsrecht der
Universität St. Gallen mit einer Neuauflage der Studie
Arbeitsplatzstabilität und Arbeitsplatzwechsel in der Schweiz.
(Die erste Auflage stellten die Angestellten Schweiz im November
2001 vor.) Die Ergebnisse von PD Dr. Fred Henneberger und PD Dr.
Alfonso Sousa-Poza sind gerade auch im Vergleich mit der ersten
Auflage aufschlussreich. Fluktuationsrate bleibt hoch Gemäss der Schweizerischen
Arbeitskräfteerhebung (SAKE) haben in unserem Land in den letzten
zehn Jahren jährlich um die 300 000 Arbeitskräften die Stelle
gewechselt. Im Gastgewerbe (17,9%), aber auch im Baugewerbe (12,3%)
ist die Fluktuationsrate sehr hoch. In der Maschinen-, Elektro- und
Metallindustrie (MEM) ist sie leicht unterdurchschnittlich (8,9%),
in der chemisch-pharmazeutischen Industrie sogar deutlich
unterdurchschnittlich 6,6%). Insgesamt ist die Fluktuationsrate mit
rund 10% recht hoch und liegt über dem europäischen Schnitt. Die
hohe Wechselquote verursacht hohe Transaktionskosten. Die
Angestellten Schweiz fordern die Arbeitgeber daher auf, etwas gegen
die hohe Fluktuation zu tun. Arbeitsplätze bleiben stabil und sicher Es mag überraschen, aber es
ist so: Die Arbeitsplatzstabilität hat in den letzten Jahren nicht
abgenommen, ebenso wenig wie die Arbeitsplatzsicherheit. Dass sich
die Arbeitsplatzstabilität nicht negativ entwickelt hat, lässt sich
einerseits daraus ableiten, dass die Betriebszugehörigkeitsdauer
seit 1991 sogar leicht zugenommen hat. Andererseits hat sich
gezeigt, dass die meisten Angestellten, die eine Stelle verlassen,
an eine andere Stelle wechseln (und nicht etwa arbeitslos werden).
Was die Arbeitsplatzsicherheit betrifft, so hat diese seit Ende der
90er-Jahre sogar zugenommen! Dies lässt sich aus der Tatsache
schliessen, dass die Angst vor einem Stellenverlust kleiner geworden
ist. 80% aller Erwerbstätigen empfanden zwischen 1999 und 2004 ihre
Stelle als sehr sicher oder ziemlich sicher. Im internationalen
Vergleich sind die beabsichtigte Fluktuationsrate, aber auch die
empfundene Arbeitsplatzsicherheit, überdurchschnittlich hoch. Wer den Arbeitsplatz nicht wechseln möchte, profitiert in unserem
Land also von einer hohen Arbeitsplatzsicherheit dies trotz im
Vergleich zu anderen Ländern schwachem Kündigungsschutz. Gerade
diese Kombination ist für die Schweiz ein gewichtiger
Standortvorteil, den es zu erhalten gilt. Dazu muss die
Sozialpartnerschaft mindestens so gut wie bisher gepflegt werden. Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen ist Hauptmotiv für
Wechsel Sieht man sich die Motive für Stellenwechsel an, so stellen
die freiwilligen Kündigungen der Arbeitnehmer auf Grund von
Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen, wegen des Wunsches auf
Wechsel oder aus familiären und persönlichen Gründen das Gros der
Wechselfälle (zwischen 41% und 63%) dar. Sie spielen also für die
Fluktuationsrate in der Schweiz eine zentrale Rolle! Der Anteil der
freiwilligen Wechsel variiert allerdings von Branche zu Branche
stark. Am höchsten war er gemäss SAKE 2005 im Kredit- und
Versicherungsgewerbe (knapp 48%), am tiefsten bei sonstigen
Dienstleistungen und privaten Haushalten (gut 31%). Der Wert für die
MEM-Industrie beträgt gut 42%, für die chemische Industrie knapp
38%. Wenn ein Unternehmen Mitarbeitende verliert, weil sie unzufrieden
sind, hat dies für das Unternehmen nur Nachteile. Auch wenn in der
Schweiz die Situation nicht so schlimm ist wie in anderen Ländern,
tun die Arbeitgeber gut daran, die Zufriedenheit der Mitarbeitenden
zu verbessern. Neben einem fairen Lohn ist eine sehr wirkungsvolle
Massnahme dafür die Flexibilisierung der Arbeitszeiten und zwar
nicht nur zu Gunsten der Arbeitgeber. Denn Beschäftigte, die ihre
Arbeitszeit frei gestalten können, äussern weit weniger den Wunsch,
den Arbeitsplatz zu wechseln, als Arbeitnehmende mit starren
Arbeitszeiten! Wichtig sind im Weiteren die Identifikation mit der
Arbeit ebenso wie mit den Unternehmenszielen, die Loyalität und das
Vertrauen weiche Faktoren, denen die Arbeitgeber vermehrt wieder
Beachtung schenken sollten. Denn Flexibilität allein kann sie nicht
ersetzen! Nicht zuletzt kann viel erreicht werden, wenn den
Mitarbeitenden eine gute Work Life Balance ermöglicht wird. Was das zweithäufigste Wechselmotiv betrifft, den Wunsch auf
Wechsel, so ist dieser aus Sicht der Angestellten Schweiz in keiner
Weise alarmierend und völlig normal. Jeder Arbeitnehmende will sich
schliesslich weiterentwickeln, und das kann er vielleicht nur, wenn
er den Arbeitgeber wechselt. Gewechselt wird häufig kurzfristig
Sieht man sich den Zusammenhang zwischen tatsächlichen und
potenziellen Stellenwechseln an, so erkennt man, dass von den
Personen, die im Jahr 2004 keinen Wechsel planten, 4,6% dennoch die
Stelle wechselten. Andererseits haben nur 25,2% der Personen, die
einen Wechsel beabsichtigten, die Stelle im Jahr 2005 tatsächlich
auch ausgetauscht. In der Konsequenz heisst dies, dass die
Entscheidung, die Stelle zu wechseln, häufig eher kurzfristig
getroffen wird. Das bedeutet, dass die Arbeitnehmer sensibel auf
plötzlich auftauchende Optionen reagieren. Arbeitgeber müssen ihre
bewährten Mitarbeitenden also mit Reizen vom Wechsel abhalten,
wollen sie sie nicht verlieren. Arbeitnehmer haben eine relativ starke Position in der Schweiz
Während sich Arbeitgeber bei Entlassungen strikt antizyklisch
verhalten und in der Rezession viele, im Boom wenige Entlassungen
aussprechen, sind arbeitnehmerseitige Kündigungen hingegen
prozyklisch angelegt. Die zwischenbetriebliche Mobilitätsrate ist
bis zum Jahr 2000 bei insgesamt positiven Wachstumsraten des realen
Bruttoinlandsprodukts (BIP) tendenziell gestiegen, verharrte dann
zwei Jahre lang bei eher stagnierendem BIP auf diesem Niveau und ist
ab dem Jahr 2002 im Trend wieder gesunken, obwohl seit 2004 erneut
sichtbare Wachstumsraten des realen BIP zu vermerken sind. Somit
scheint die zwischenbetriebliche Fluktuationsrate dem
Konjunkturzyklus (leicht verzögert) zu folgen, so dass die
prozyklisch verlaufenden arbeitnehmerseitigen Kündigungen das
antizyklisch zu beobachtende Entlassungsverhalten der Arbeitgeber
überkompensiert. Ein solches Phänomen lässt auf eine relativ starke
Position der Anbieterseite am Arbeitsmarkt schliessen, wie sie im
benachbarten Ausland nicht existiert. Es könnte darauf
zurückzuführen sein, dass in der Schweiz vor allem im
Fachkräftebereich eine Arbeitskräfteknappheit herrscht. Dass die Arbeitnehmenden den Arbeitsmarkt ein gutes Stück weit
gestalten können, werten die Angestellten Schweiz grundsätzlich als
sehr positiv, denn es ermöglicht den Angestellten, sich beruflich zu
entfalten. Davon profitieren letztlich auch die Unternehmen! In der MEM-Industrie steht die Entlassung als Grund für einen
Stellenwechsel an 2. Stelle (1,96%), in der Chemie sogar an 1.
Stelle (2,13%). Im Schnitt aller Branchen beträgt der Wert 1,46%,
die Entlassung steht an 4. Stelle. In den beiden Branchen Chemie und
MEM ist offenbar die Macht der Arbeitnehmer auf dem Arbeitsmarkt
nicht so gross wie in anderen Branchen. Jeder zweite Stellenwechsler wechselt auch die Branche Mehr als die
Hälfte der Stellenwechsler vollzieht auch einen Branchenwechsel. Es
kann für eine Branche belebend sein, wenn regelmässig auch Know-how
von anderen Branchen einfliesst. Auf der anderen Seite fliesst aber
auch Know-how ab in andere Branchen. Bei einer sehr hohen Branchewechselquote von über 50% muss damit
gerechnet werden, dass in den Branchen einerseits ein grosser Teil
der branchenspezifischen Kenntnisse laufend verloren geht und dass
andererseits eine Knappheit an Brancheninsidern entsteht. Diese
Effekte dürfte vor allem der sekundäre Sektor spüren, da
Arbeitsplätze tendenziell in den dritten Sektor abwandern. Das gilt
allerdings interessanterweise für die MEM-Industrie und die Chemie
nicht, sie haben einen positiven Saldo. Müssen neue branchenfremde Arbeitskräfte eingearbeitet werden,
verursacht dies höhere Kosten als bei Arbeitskräften aus der
Branche. Den Branchen müsste also daran gelegen sein, möglichst
Arbeitskräfte aus der eigenen Branche rekrutieren zu können. Die Angestellten Schweiz erachten den Wert von über 50%
Branchenwechseln als klar zu hoch der Wert müsste eher gegen 30%
tendieren. Lohn ist eines von diversen Entscheidungskriterien Ein zu geringer
Lohn ist nur für 25 000 Personen der Hauptgrund für die Suche nach
einem neuen Arbeitgeber. Für Männer scheint der Lohn einen etwas
höheren Stellenwert zu haben, beschäftigte Männer wechseln ihre
Stelle nämlich oft auch darum, weil sie an der neuen Stelle einen
Lohnzuwachs realisieren können. Der Lohn muss stimmen aber er ist
nicht alles. Die Zufriedenheit am Arbeitsplatz ist offenbar
wichtiger, um die Mitarbeitenden zu halten, als der Lohn. Das heisst
aber nicht, dass keine fairen Löhne bezahlt werden sollen!
Mitentscheidend für den Wunsch nach einem Stellenwechsel sind ebenso
die Lohnpolitik und die Lohnverhandlungs- Kultur. Im Sinne einer
nachhaltigen Unternehmensstrategie ist der verstärkte Einbezug der
Angestellten in die Gestaltung der Lohnpolitik unternehmerisch klug.
Angestellte nur aus Lohngründen zu verlieren kommt letztlich wohl
meistens teurer, als ihnen etwas mehr Lohn zu bezahlen. Der Lohn ist übrigens gegenüber der ersten Untersuchung als
Wechselgrund wieder wichtiger geworden (2002: 4%, 2005: 8%). Dies
hat möglicherweise mit der Diskussion um die hohen Managersaläre zu
tun was zeigen würde, dass die Manager nicht abzocken können, ohne
Begehrlichkeiten bei den Mitarbeitenden zu wecken! Wechsel werden häufiger als wegen dem Lohn ins Auge gefasst, weil 56
000 Arbeitskräfte offenbar unterbeschäftigt sind (d.h., gerne mehr
Stunden arbeiten würden). Dass 56 000 Arbeitskräfte vor allem
Frauen unterbeschäftigt sind, ist angesichts der Tatsache, dass
ein sehr grosser Teil der Arbeitskräfte vor allem Männer auf der
anderen Seite massiv unter Druck steht und gestresst ist, ein
Skandal. Beides führt zu Unzufriedenheit und fördert die
Wechselhäufigkeit. Tiefere Fluktuation in der Chemie als in der MEM-Industrie Die
Fluktuationsrate ist in der MEM-Industrie (2005: 8,9%)
unterdurchschnittlich, in der Chemie/Pharma sogar deutlich
unterdurchschnittlich (6,6%) im Vergleich zum Schnitt der Branchen
(9,7%). Gleiches gilt für die Chemie bezogen auf die
Fluktuationsrate wegen Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen
sowie dem Wunsch auf Wechsel (Chemie 2,6%, Schnitt 4%). Die MEM-
Industrie liegt hier genau auf dem Schnitt von 4%. Die
Fluktuationsneigung der Beschäftigten der Maschinenindustrie
befindet sich im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt, aber leicht
oberhalb des Wertes für den sekundären Sektor. In der chemischen
Industrie ist der Wert tiefer. Offenbar gelingt es der
chemisch-pharmazeutischen Industrie besser, ihre Mitarbeitenden an
sich zu binden, als der MEM-Industrie. Die chemisch-pharmazeutische
Industrie war in den letzten Jahren im Allgemeinen sehr erfolgreich.
Wir vermuten, dass die niedrige Fluktuationsrate auch eine Folge
davon ist. Umgekehrt gehen wir aber auch davon aus, dass eine
(relativ) niedrige Fluktuationsrate ein Erfolgsfaktor für ein
Unternehmen ist. Die MEM-Industrie täte gut daran, das Beispiel
Chemie-Industrie einmal eingehend zu studieren. Für Rückfragen:
Hansjörg Schmid, Leiter Kommunikation, Tel. 044 360 11 21,
Natel 076 443 40 40 Die Angestellten Schweiz sind die stärkste Arbeitnehmerorganisation
der Branchen Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM) und
Chemie/Pharma. Rund 26 000 Angestellte sind Mitglied. Angestellte
Schweiz entstand aus dem Zusammenschluss der beiden Verbände
Angestellte Schweiz VSAM (MEM, gegründet 1918) und VSAC (Chemie,
gegründet 1993).
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