Medienmitteilung
economiesuisse - Wirtschaftslagebericht und wirtschaftspolitische Prioritäten 2007
2006-12-06T09:40:00
Zürich (ots) - Aktuelle Situation Nach den Beobachtungen von economiesuisse präsentiert sich die
Wirtschaft am Jahresende in einer erfreulichen Verfassung. Dies
zeigt sich auch daran, dass alle vor einem Jahr gemachten Prognosen
z.T. deutlich übertroffen wurden. Die Konjunktur verläuft weiterhin
positiv und ist breit auf den Konsum, die Investitionen und den
Export abgestützt. Die wichtigsten Exportbranchen verzeichneten in
den ersten 10 Monaten ein Absatzplus zwischen 9 bis 14 Prozent. Das
Tourismusjahr (November Oktober) fiel, gemessen an den
Übernachtungen, mit einem Plus von 5.6 Prozent erfreulich aus. Die
Kapazitätsauslastung in der Industrie ist hoch. Die Ertragssituation
hat sich in den meisten Branchen günstig entwickelt. Die
Beschäftigung weist nach oben, und die Zahl der registrierten
Arbeitslosen und der umfassender definierten Erwerbslosen ist seit
2004 rückläufig. Trotz der dynamischen Konjunktur und den
gestiegenen Energiepreisen ist es an der Preisfront ruhig geblieben.
Mit dazu beigetragen haben unter anderem der starke Wettbewerb als
Folge der anhaltenden Globalisierung und die Öffnung des
schweizerischen Arbeitsmarktes gegenüber der EU. economiesuisse schätzt das Realwachstum für 2006 auf 2.9 Prozent,
bei einer durchschnittlichen Arbeitslosenquote von 3.1 Prozent und
einer mittleren Inflationsrate von 1.3 Prozent. Damit verzeichnet
die Schweiz seit 2004 eine anhaltend positive
Wirtschaftsentwicklung. Sie konnte damit den Rückstand gegenüber dem
langfristigen Wachstumstrend in den Jahren 2001 bis 2003 teilweise
wieder auffangen. So erfreulich dies auch ist, so darf nicht
vergessen werden, dass die Steigerung der Produktivität für den
Wohlstand der Bevölkerung letztlich wichtiger ist als das
Wirtschaftswachstum. Zur Weltwirtschaft Der Boom in der Weltwirtschaft geht allmählich zu
Ende. Die konjunkturelle Expansion flacht sich 2007 ab, wobei sich
die Wachstumskräfte zwischen den Industrieländern annähern werden.
Während sich die konjunkturelle Gangart in den USA verlangsamen
wird, bleibt sie in der EU solid. In Japan ist der
Konsolidierungsprozess in der Wirtschaft so weit fortgeschritten,
dass einer weiteren moderaten Expansion nichts im Wege steht. China
bleibt ein wichtiger Motor der Weltkonjunktur, auch wenn mit einem
etwas abnehmenden Produktionsanstieg zu rechnen ist. In Russland und
in Lateinamerika entwickelt sich die Binnennachfrage dank der hohen
Rohstoffpreise rege und kompensiert ein etwas schwächeres
Exportwachstum. Vor diesem globalen Konjunkturhintergrund wird sich
der Welthandel im Rahmen des längerfristigen Trends von 7 Prozent
ausweiten. Das Ende des weltweiten Zinserhöhungszyklus dürfte
erreicht sein oder steht kurz bevor, womit sich auch das
transatlantische Zinsgefälle verflachen wird. Der Preisauftrieb
dürfte sich im kommenden Jahr leicht verringern. Die Abwärtsrisiken dominieren derzeit die Aufwärtsrisiken zu diesem
Szenario einer etwas schwächeren, aber insgesamt weiterhin robusten
Weltkonjunktur. Kurzfristig besteht die Gefahr, dass die wegen des
privaten Konsumüberhangs ohnehin anfällige US Wirtschaft sich als
Folge des Einbruchs am Immobilienmarkt deutlich stärker abkühlt als
bisher erwartet. Hinzu kommen die weltweiten
Leistungsbilanzungleichgewichte mit den damit verbundenen
Kapitalströmen, die Ausdruck erheblicher binnenwirtschaftlicher
Ungleichgewichte sind. Eine Umschichtung der Devisenreserven durch
die Währungsbehörden der wichtigsten asiatischen Länder könnte eine
ungeordnete Anpassung des Dollarkurses auslösen mit nachteiligen
Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Längerfristig haben sich die
Abwärtsrisiken wegen möglicher neuer Ölpreiserhöhungen angesichts
geopolitischer Instabilitäten oder der strukturell wachsenden
Ölnachfrage aus den aufstrebenden Volkswirtschaften erhöht. Zudem
wächst der protektionistische Druck nach der Aussetzung der Doha-
Runde, der den Globalisierungsprozess der Weltwirtschaft abbremsen
könnte. Perspektiven für die Schweiz Die Exportwirtschaft konnte von der
starken Weltwirtschaft dank der in den vergangenen Jahren
gestiegenen Wettbewerbsfähigkeit besonders profitieren. Sie ist
damit aber nicht immun gegen eine Abschwächung der globalen
Konjunktur; so dürften die Exporte 2007 an Dynamik einbüssen; der
unterliegende Trend bleibt jedoch intakt. Der Konsum, der sich im
Einklang mit der Entwicklung der real verfügbaren Einkommen günstig
entwickelt, wird Wachstum stabilisierend wirken, zumal sich auch die
Beschäftigung weiter verbessern wird. Auch die Investitionsausgaben
der Unternehmen werden dank weiterhin günstiger
Finanzierungsbedingungen, teilweise kräftigerer Erträge,
Effizienzanstrengungen und Bilanzrestrukturierungen robust bleiben.
Die bislang rege Bautätigkeit wird sich dagegen verlangsamen, da
sich im privaten Wohnungsbau Sättigungserscheinungen zeigen, wie sie
sich vor allem in der Leerstands-Entwicklung äussern. Stabilisierend
wirkt der Wirtschaftsbau, der über ein gutes Auftragspolster
verfügt. Der Tourismus wird aus dem Inland weiterhin positive
Impulse empfangen. Doch auch die ausländische Nachfrage wird durch
die solide Wirtschaftslage in den Herkunftsländern und die
verbesserte preisliche Wettbewerbsfähigkeit wegen der Abschwächung
des Frankens profitieren. Als zusammenfassender Befund ergeben die
aktuell verfügbaren Indikatoren das Bild einer weiterhin soliden
Wirtschaft mit recht viel Zuversicht. Die Voraussetzungen für ein potentialgerechtes Wachstum zwischen 1.7
bis 2.3 Prozent für 2007 sind somit gegeben. Die Situation an der
Preisfront wird mit einer durchschnittlichen Inflationsrate von 1.2
Prozent entspannt bleiben, und die Arbeitslosenquote wird weiter
sinken (2.8 Prozent). Sollte sich der Zinsabstand zum Euro-Leitzins
im Zuge weiterer Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank
erhöhen, bleibt der Franken gegenüber dem Euro eher tief bewertet.
Längerfristig werden sich aber die besseren Fundamentaldaten der
Schweiz durchsetzen. Wirtschaftspolitische Prioritäten 2007 Es gehört zu den Eigenheiten
der Schweizer Politik, dass Reformen Schritt um Schritt erkämpft
werden müssen. Da das nächste Jahr ein Wahljahr ist, muss besonders
darauf geachtet werden, dass daraus nicht eine Schrittchenpolitik
wird, die den globalen Herausforderungen der Schweiz nicht gerecht
wird. Aus Sicht einer nachhaltigen Standortförderungs- und
Wachstumspolitik stehen deshalb folgende Bereiche im Fokus: - Bei der skizzierten wirtschaftlichen Entwicklung besteht für die
Schweizerische Nationalbank kein Grund, vom eingeschlagenen Kurs der
graduellen Anpassung des Zielbandes für den Dreimonats-Libor
abzuweichen. Wo das neutrale Zinsniveau liegt, bleibt letztlich
das Geheimnis des Noteninstituts. Wenn der neutrale Realzins
ungefähr der Rate entspricht, mit der die Wirtschaft mittelfristig
spannungsfrei wachsen kann zuzüglich der (Kern-)Inflationsrate, ist
der geldpolitische Normalisierungsprozess noch nicht abgeschlossen.
Eine Beschleunigung des Tempos der Zinserhöhungen ist wegen des
Fehlens von Inflationsgefahren jedoch nicht angezeigt.
- Auch wenn der Bundeshaushalt dank der wachstumsinduzierten
Steuereinnahmen eine willkommene Entlastung erfahren hat, besteht
kein Grund vom eingeschlagenen Kurs der nachhaltigen Konsolidierung
über die Ausgabenseite abzuweichen. Denn die längerfristigen Trends,
vor allem in der Sozialpolitik, weisen schon in der nahen Zukunft
wieder auf höhere Defizite hin. Zudem gilt es, die traditionelle
Ausgabenfreudigkeit in einem Wahljahr unter Kontrolle zu behalten.
Grundsätzlich sollte die Zunahme der Ausgaben die Teuerung im Sinne
der Motion Lauri nicht überschreiten, um den Schuldenstand
(einschliesslich der Sozialversicherungen) zu stabilisieren.
- Die steuerpolitischen Teilreformen im Bereich der indirekten
Teilliquidation und Transponierung sowie der Unternehmenssteuern
(Milderung der Doppelbelastung der Gewinne) bringen bzw. versprechen
den Unternehmen, insbesondere den KMU, Entlastungen. Sie erleichtern
die Unternehmensnachfolge und fördern die Investitionstätigkeit, was
sich positiv auf das Wachstum auswirkt. Damit ist die Reformagenda
jedoch nicht abgeschlossen. Es gilt, die Revision der Mehrwertsteuer
rasch unter Dach und Fach zu bringen. Zudem sind die Arbeiten für
eine grundlegende Reform der Einkommensbesteuerung zügig
voranzutreiben, vermag doch die vorgesehene Reduktion der
Heiratsstrafe längerfristig nicht zu genügen. Angesichts der
Dynamik im internationalen Steuerwettbewerb kommt die Schweiz nicht
umhin, das Steuersystem permanent zu überprüfen bzw. zu optimieren,
wenn sie ihren guten Platz behaupten will. Hier kommt auch der klare
volkswirtschaftliche Nutzen des interkantonalen Steuerwettbewerbs
zum Tragen.
- Im Aussenwirtschaftsbereich setzt economiesuisse weiterhin auf
eine Relance der Doha-Runde im Rahmen der Welthandelsorganisation
(WTO), auch wenn die Aussichten dazu nicht günstig sind. Ein
multilateraler Rahmen für die Aussenwirtschaftsbeziehungen ist
weiterhin die optimale Form für die internationale Zusammenarbeit.
Parallel dazu sollen aber die bilateralen Beziehungen in der Form
von Freihandelsabkommen mit den wichtigsten Partnern ausserhalb der
EU ausgebaut werden. Neben Industrieländern wie den USA und Japan
sind dies vorwiegend die so genannten BRIC-Länder (Brasilien,
Russland, Indien und China). Im Verhältnis zur EU wurde der
bilaterale Weg dank dem positiven Ausgang der Volksabstimmung vom
26. November 2006 einmal mehr von den Schweizer Stimmbürgern im
Sinne der Wirtschaft bekräftigt. Die Zeit der grossen Würfe in der
Europapolitik, wie dies bei den Bilateralen I und II der Fall war,
ist zumindest auf absehbare Zeit vorbei. Hingegen stehen im
Verhältnis zur EU zahlreiche Einzelthemen zur Diskussion. Das
Ansinnen der EU-Kommission, einen souveränen Drittstaat wie die
Schweiz in Sachen Unternehmensbesteuerung in die Pflicht nehmen zu
wollen, ist absurd und muss klar und unmissverständlich
zurückgewiesen werden.
- Die Botschaft über Bildung, Forschung, Innovation 2008-11 erneuert
nicht nur die Zahlungsrahmen für die Träger von Berufsbildung,
Hochschulen und Forschung, sondern muss auch inhaltliche,
organisatorische und strukturelle Weichenstellungen vornehmen. Es
ist unbestritten, dass eine hoch entwickelte Volkswirtschaft wie die
Schweiz mehr in Bildung und Forschung investieren muss, um mit den
dynamischen, wissensbasierten Nationen Schritt halten zu können.
Dabei kann es aber nicht einfach darum gehen, mehr Geld auszugeben;
es muss auch produktiver und effizienter eingesetzt werden. Ein
Ausgabenwachstum für diesen Bereich von 6.0 Prozent pro Jahr, wie es
der Bundesrat kürzlich im Rahmen des neuen Finanzplans beschlossen
hat, ist im Verbund mit Schwerpunktsetzungen, strukturellen und
organisatorischen Verbesserungen angemessen, vorausgesetzt, dass
diese Mittel verlässlich zur Verfügung stehen. Eine leistungsfähige
Innovationspolitik ist zudem auf den wirksamen Schutz des geistigen
Eigentums angewiesen, was für die nationale Erschöpfung als globaler
Standard aller Volkswirtschaften mit vergleichbarer Innovationskraft
spricht.
- Nach der Revision von Kartell- und Binnenmarktgesetz steht noch
die Verankerung des Cassis-de-Dijon-Prinzips an. Um eine
Benachteiligung schweizerischer Produzenten zu vermeiden, sollen
auch diese ihre Produkte nach den in der EU geltenden Vorschriften
in der Schweiz herstellen und in den Verkehr bringen dürfen. Im
Weiteren sollte eine unabhängige Instanz die Möglichkeit erhalten
(z.B. WEKO), widersprechende Verwaltungsentscheide aufzuheben.
- Beim Aktienrecht und der Corporate Governance darf die
Organisationsfreiheit der Unternehmen und der Aktionäre nicht durch
unflexible Zwänge ausgehebelt werden.
- Die Agrarpolitik (AP) 2011, die mit dem Abbau der Marktstützung
richtige und wichtige Verbesserungen verspricht, aber im System der
Direktzahlungen noch erhebliche Mängel aufweist, muss zügig
abgeschlossen werden. Es geht vor allem auch darum, im Rahmen einer
flexibleren Aussenwirtschaftspolitik agrarpolitisch mehr
Freiheitsgrade zu erhalten.
- Die schleppende Reform des Krankenversicherungsgesetzes, die in
die drei Teile Pflege, Spitalfinanzierung und Managed
Care/Vertragsfreiheit aufgespaltet wurde, muss unbedingt
beschleunigt werden. Es gilt dabei finanzpolitisch massvoll,
volkswirtschaftlich weitsichtig und gesundheitspolitisch sinnvoll zu
handeln. Der transparente Qualitätswettbewerb ist zu fördern. Das
gilt insbesondere bei der Spitalfinanzierung, dem grössten
Kostenblock sowie bei Managed Care.
- Die Öffnung des Strommarktes kommt nur langsam voran. Das
Stromversorgungsgesetz, wie es vom Ständerat in der Herbstsession
verabschiedet worden ist, bremst den Öffnungsprozess wegen der
Möglichkeit zu einem weiteren Referendum zusätzlich ab. Dieser
schweizerische Weg hinkt dem Liberalisierungstempo der EU hinterher
und droht auf halber Strecke stehen zu bleiben. Wichtig ist, dass
die Einspeisevergütungen für die Förderung von erneuerbaren Energien
den vernünftigen Rahmen nicht sprengen, um keine zusätzlichen
Wettbewerbsnachteile zu schaffen. Im Weitern muss das sich immer
deutlicher abzeichnende Problem der Stromlücke ohne Verzug
angepackt werden.
Die Wirtschaftspolitik hat es in der Hand, durch eine kluge,
langfristig angelegte Politik Zukunftsvertrauen bei Haushalten und
Unternehmen zu schaffen. Dies ist umso wichtiger, als es gilt, die
schwächere Konjunktur im kommenden Jahr durch eine bessere
Wirtschaftspolitik nachhaltig zu unterstützen. Dabei müssen sich
Regierung und Parlament auch fragen, ob der Status quo sozialer
Absicherung immer gerechter ist als die zu seiner Finanzierung
notwendigen höheren Steuern (Deutscher Sachverständigenrat). Die
Wirtschaftspolitik beeinflusst zwar den makroökonomischen
Rahmenkranz massgeblich. Die Produktivität der Volkswirtschaft wird
aber letztlich durch die Leistungsfähigkeit der in ihr agierenden
Unternehmen determiniert. Rückfragen:
Rudolf Walser
Telefon: 044 421 35 35
Permalink:

https://www.presseportal.ch/de/pm/100002808/100521057
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