Medienmitteilung
BFS: Eidgenössische Volkszählung 2000
Schweizer Religionslandschaft im Umbruch
2003-01-30T09:15:00
Neuchâtel (ots) - 41,8 % der Bevölkerung bezeichnen sich in der
eidgenössischen Volkszählung 2000 als römisch-katholisch, 33,0% als
evangelisch- reformiert. Die beiden grossen Landeskirchen haben
gegenüber 1990 nicht nur relativ sondern auch absolut an Anhängern
verloren. Konstant blieb der Anteil der evangelischen Freikirchen
und der übrigen protestantischen Gemeinschaften (2,2%), der
jüdischen Glaubensgemeinschaft (0,2%) und der Christkatholiken
(0,2%). Stark zugenommen haben jene Personen, die sich keiner Kirche
oder Religionsgemeinschaft zugehörig fühlen (11,1%) sowie die "neuen
Religionsgruppen" (7,1%). Dies zeigen die Auswertungen der
Volkszählung 2000 durch das Bundesamt für Statistik (BFS). Die rückläufige Bedeutung der Landeskirchen der Schweiz hat drei
Gründe. Erstens fühlt sich eine zunehmende Zahl von Schweizerinnen
und Schweizern keiner bestimmten Kirche oder Religions-gemeinschaft
mehr zugehörig. Zweitens kommen die Migrantinnen und Migranten aus
Ländern mit anderen religiösen Traditionen. Drittens betrifft die
demografische Alterung auch die Landeskirchen. Die evangelisch-
reformierte Bevölkerung der Schweiz ist besonders stark gealtert. Konfessionslosigkeit als Lebensstil 11,1 % der Wohnbevölkerung bezeichnen sich als keiner bestimmten
Kirche oder Religionsgemeinschaft mehr zugehörig, das sind 300'000
mehr als 1990 (Anteil: 7,4%). 1970 hatte der Anteil der
Konfessionslosen an der Bevölkerung erst 1,1% ausgemacht. Weitaus am
niedrigsten ist er bei den Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 16
Jahren (im Alter der Firmung bzw. Konfirmation) sowie im Alter ab 65
und mehr. Besonders hoch ist er bei den 30- bis 50-jährigen, die im
Zenit ihrer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aktivität
stehen. Männer bezeichnen sich häufiger als keiner Kirche oder
Religionsgemeinschaft zugehörig als Frauen. Zwischen den Kantonen und Regionen der Schweiz bestehen sehr
grosse
Unterschiede. Im städtischen Gebiet ist der Anteil der
Konfessionslosen doppelt so hoch wie in den ländlichen Regionen. Und
in der französischen Schweiz ist er deutlich höher als in der
deutschen und italienischen Schweiz. Ein Bogen der starken
Säkularisierung zieht sich von Genf hinauf über die Waadt,
Neuenburg, die Region Solothurn, Basel, den Aargau, die Stadt Zürich
bis nach Schaffhausen. Am meisten Konfessionslose hat der Kanton
Basel-Stadt mit 31,0%, gefolgt von Genf mit 23,0% und Neuenburg mit
22,0%. Am niedrigsten ist der Anteil mit 2 bis 6% in den
katholischen Kantonen der Innerschweiz, in St. Gallen, Appenzell
Innerrhoden, im Jura, in Freiburg, im Wallis sowie im
gemischtkonfessionellen Graubünden. Pluralisierung der Religionsgemeinschaften durch Migration 41,8 % der Bevölkerung bezeichnen sich als römisch-katholisch
(1990:
46,2%), 33,0% als evangelisch-reformiert (1990: 38,5%). Die beiden
grossen Landeskirchen haben gegenüber 1990 nicht nur relativ sondern
auch absolut an Mitgliedern verloren (- 363'000 Personen). Konstant
blieb der Anteil der evangelischen Freikirchen und der übrigen
protestantischen Gemeinschaften (2,2%) sowie der jüdischen Glaubens-
gemeinschaft (0,2%) und der Christkatholiken (0,2%). 7,1% der Bevölkerung geben an, einer anderen Kirche oder
Religionsgemeinschaft anzugehören. 1970 waren es erst 0,7% gewesen,
1990 3,7%. Den grössten Anteil dieser "neuen Religionsgruppen", die
in der Schweiz in der Vergangenheit nicht oder nur schwach vertreten
waren, stellen die Angehörigen islamischer Glaubens-gemeinschaften
mit 4,3 % (311'000 Personen) sowie jene christlich-orthodoxer
Kirchen mit 1,8% (132'000 Personen). Es folgen die Hindus (28'000
Personen oder 0,4%) und die Buddhisten (21'000 Personen oder 0,3%).
Immer mehr Menschen fühlen sich auch synkretistischen Religionen
verbunden, die christliche Glaubensvorstellungen mit solchen aus
anderen Religionen verbinden. Diese Pluralisierung ist in erster Linie eine Folge der
Migrationen.
Von den Personen mit Schweizerischer Staatsangehörigkeit geben nur
1,6% eine der "neuen Religionsgruppen" an, bei den Ausländerinnen
und Ausländern sind es 28,1%. Die Verdoppelung der Zahl der Muslime
und der Angehörigen christlich-orthodoxer Kirchen seit 1990 ist auf
die Immigration aus Bosnien-Herzegowina, Serbien, Mazedonien und dem
Kosovo seit dem Zerfall des ehemaligen Jugoslawien zurückzuführen.
Die Albaner aus dem Kosovo und Mazedonien, die heute die grösste
muslimische Gruppe in der Schweiz darstellen, definieren sich
allerdings in erster Linie sprachlich-ethnisch und nicht über die
Religionszugehörigkeit. Die Angehörigen der "neuen Religionsgruppen" konzentrieren sich
in
der Nordwestschweiz, im Grossraum Zürich und in der Ostschweiz. Am
höchsten ist ihr Anteil in Basel-Stadt (10,8%), in Glarus und St.
Gallen (je 9,8%), Zürich und Schaffhausen (je 9,0%) sowie im Aargau
und Thurgau (je 8,5%). In der ganzen lateinischen Schweiz sind die
"neuen Religionsgruppen" mit einem Anteil von zwischen 2,7% im Jura
und 7,1% in Genf hingegen weit unterdurchschnittlich vertreten
(Tessin: 4,6%). Unterschiedliche Demografie der Religionsgemeinschaften Die Zugehörigkeit zu einer Kirche oder Religionsgemeinschaft wird
meist von den Eltern auf die Kinder übertragen. Die demografische
Struktur einer Religionsgemeinschaft hat daher einen Einfluss auf
ihre zahlenmässige Entwicklung. Die Evangelisch-Reformierte und die
Christkatholische Kirche, die sich nicht durch Zuwanderung aus dem
Ausland erneuern konnten, sind besonders stark gealtert. Bei den
Evangelisch-Reformierten sind 26,2% der Kirchenmitglieder 60-jährig
und älter, 28,0% sind zwischen 40- und 60-jährig. Die evangelischen Freikirchen sowie andere protestantische
Gemeinschaften sind wesentlich jünger, stärker familienorientiert
und haben mehr Kinder. Nur 18,2 % sind über 60-jährig. Diese Gruppen
haben auch deutlich mehr ausländische Mitglieder integriert als die
Evangelisch-Reformierte Landeskirche. Die demografische Struktur der Römisch-Katholiken hat sich durch
Immigration aus Südeuropa stark verjüngt. Die über 60-jährigen
machen 20,2% der Gläubigen aus, die 40- bis 59-jährigen 27,4%.
Allerdings sind die Kinderzahlen der Römisch-Katholiken ebenfalls
auf das tiefe Niveau der evangelisch-reformierten Bevölkerung
gesunken. Die Generationen der Kinder sind nur halb so gross wie
jene der Eltern, so dass sich die Alterung künftig deutlich
beschleunigen wird. Die Angehörigen der "neuen Religionsgruppen" weisen eine ganz
andere
demografische Struktur auf als die Landeskirchen und die Gruppe der
Konfessionslosen. Es sind junge Leute, mit einem Anteil an über 60-
jährigen von nur 4,6%. Die Kinderzahl in den Familien ist
vergleichsweise hoch und die Generationen der Kinder sind fast so
gross wie jene der Eltern. Diese Gruppen haben daher ein wesentlich
grösseres Wachstumspotential. Alte Religionsgrenzen verschwinden, neue Scheidelinien entstehen Durch die Zunahme der Personen ohne Konfession, die wachsende
Bedeutung der nicht traditionellen Religionen, die geografische
Mobilität und die Zunahme der Mischheiraten haben sich die alten
religiösen Grenzen der Schweiz weiter aufgelöst. In einem breiten,
mehrheitlich städtischen Gürtel, der vom Genfersee entlang der
Jurakette bis zum Bodensee und ins St. Galler Rheintal reicht, gibt
es keine deutlich dominierenden Kirchen und Religionsgemeinschaften
mehr. Die Protestanten sind nur noch im Kanton Bern dominierend
(insbesondere im Emmental und im westlichen Berner-Oberland),
vereinzelt in Graubünden und bei Schaffhausen, die Römisch-
Katholiken in Freiburg, im Jura, im Wallis, im Tessin, in Appenzell
Innerhoden und in der Innerschweiz ausserhalb des Raums Luzern. Die Gebiete ohne konfessionelle Dominanz sind aber nicht homogen.
Eine neue Scheidelinie ist entstanden. Die französische Schweiz
weist sowohl einen hohen Anteil an Personen auf, die sich zu keiner
Kirche oder Religionsgemeinschaft mehr zugehörig fühlen, sowie einen
niedrigen Anteil an "neuen Religionsgruppen". In der Nordwest- und
Nordostschweiz sind die "neuen Religionsgruppen" als Folge der
Migrationen besonders stark verbreitet. Im Raum Basel, der eine
Brückenfunktion einnimmt, überlagern sich die beiden Zonen. BUNDESAMT FÜR STATISTIK Informationsdienst Auskünfte: Dr. Werner Haug, Vizedirektor BFS, Tel : 032 713 66 85
Auskunftsdienst Volkszählung, Tel : 032 713 61 11 E-Mail : Deutsch,
info.vz@bfs.admin.ch; Französisch, info.recensement@bfs.admin.ch;
Italienisch, info.censimento@bfs.admin.ch. Weiterführende Informationen finden Sie auf der Homepage des BFS
http://www.statistik.admin.ch Beilagen zur Pressemitteilung: Tabellen: 1. Wohnbevölkerung nach Religion, Nationalität und Geschlecht, 2000
(absolut und in %)
2. Wohnbevölkerung nach Religion und Nationalität, Veränderung 1990-
2000 (absolut und in %)
3. Wohnbevölkerung in den Kantonen nach Religion, 2000, absolut
4. Wohnbevölkerung in den grossen Städten nach Religion, 2000,
absolut
5. Evangelische Freikirchen und übrige protestantische
Gemeinschaften, 2000, absolut
6. Neue Religionsgruppen, 2000, absolut (Die neuen Religionsgruppen umfassen die Ostkirchen, die übrigen
Christen, die Muslime und die übrigen Religionsgemeinschaften) Die Frage nach der Religionszugehörigkeit in der Volkszählung Die multikonfessionelle Schweiz gehört zu den wenigen Ländern
Europas, die in der Volkszählung die Frage zur
Religionszugehörigkeit stellen. Die Frage ist alt und geht bereits
auf die erste eidgenössische Volkszählung von 1850 zurück. Bis 1900
wurde nur nach den Konfessionen Katholisch, Protestantisch und
Israelitisch gefragt. Die "anderen Konfessionen" wurden ab 1860 in
einer Restgruppe zusammengefasst. Es wurde damals davon ausgegangen,
dass alle Einwohner einer Konfession zugehören. 1900 wurde die
Möglichkeit eingeführt, die "anderen Konfessionen" zu präzisieren.
1920 wurden die Christkatholiken erstmals getrennt von den Römisch-
Katholiken erfasst und 1960 wurden im Volkszählungsfragebogen die
neuen Rubriken "ohne Konfessionszugehörigkeit" und "ohne Angabe"
eingeführt (vgl. Bovay, L'évolution de l'appartenance religieuse et
confessionelle en Suisse, OFS, Berne, 1997). 1990 wurde die Frage
nach der Konfession leicht abgeändert und lautet seither: "Welcher
Kirche oder Religionsgemeinschaft gehören Sie an?" 2000 enthielt der
Fragebogen erstmals auch für die islamischen und die christlich-
orthodoxen Gemeinschaften vorgedruckte Antwortfelder. Durch die Säkularisierung hat die Bedeutung der
Konfessionszugehörigkeit abgenommen. Doch gilt sie nach wie vor als
wichtiger Indikator für Einstellungen, Werte und das Verständnis des
sozialen Wandels. Für die Kirchen und Religionsgemeinschaften der
Schweiz sind die Daten der Volkszählung meist die einzige
Informationsquelle über Entwicklung und Struktur der
Kirchenangehörigen. Durch die Zunahme der in der Schweiz
traditionell nur schwach oder nicht vertretenen Religionen hat die
Frage nach der Religionszugehörigkeit wieder eine grosse Aktualität
erhalten. Seit 1960 nimmt die Zahl der Personen zu, die in der Volkszählung
keine Angabe zur Religion machen. Im Jahre 2000 betraf dies 316'000
Personen oder 4,3% der Bevölkerung. Der Anteil ist bei den
Ausländerinnen und Ausländern mit 8,7% besonders hoch. Dies hängt
damit zusammen, dass - trotz Garantie des Datenschutzes in der
eidgenössischen Volkszählung - die Angabe der Religionszugehörigkeit
oft als Privatsache betrachtet wird. Die Verständlichkeit der
Fragestellung für Personen aus einem anderen Kulturkreis sowie die
Schwierigkeit, in religiösen Mischehen die Zugehörigkeit der Kinder
anzugeben, spielen ebenfalls eine Rolle. Bei den Personen mit
schweizerischer Staatsangehörigkeit fehlt die Angabe zur Konfession
überdurchschnittlich häufig bei betagten Menschen und bei Kindern.
Bei den Ausländerinnen und Ausländern fehlt sie vor allem bei
Familien mit Kindern. Da die Frage nach der Religionszugehörigkeit eine stark
subjektive
Komponente hat, verzichtet das BFS darauf, bei fehlenden Angaben
Ergänzungen durch Informationen aus dem Kontext (z.B. aufgrund der
Religionszugehörigkeit der Eltern) vorzunehmen. 30.01.03
Permalink:

https://www.presseportal.ch/de/pm/100000114/100459719
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