Medienmitteilung
BFS: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung der Schweiz 2001
Wachstumsverlangsamung 2001 deutlicher als erwartet
2002-09-02T09:15:00
Neuchâtel (ots) - Nach ersten Schätzungen des Bundesamtes für
Statistik (BFS) hat sich das Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP)
sowohl zu laufenden Preisen als auch zu Preisen von 1990 stärker
verlangsamt als erwartet. Das mässige Wachstum ist hauptsächlich auf
zwei Faktoren zurückzuführen: Nachdem die Finanzinstitute im Jahr
2000 ausserordentliche Ergebnisse erzielt hatten, wurden sie danach
wieder von der Realität eingeholt, zudem entwickelten sich die
Investitionen negativ. Das BIP zu laufenden Preisen nahm 2001
gegenüber dem Vorjahr um 2,3% auf 415 Milliarden Franken zu. Die
mässige Erhöhung des allgemeinen Preisniveaus (+1,4%) hatte zur
Folge, dass das BIP zu konstanten Preisen um 0,9% wuchs und sich auf
349 Milliarden Franken belief. 2000 hatte das Plus 3,2% zu
konstanten Preisen betragen. Die ersten Schätzungen des BIP basieren auf den verschiedenen
Verwendungsarten sowie auf der Entwicklung der
Wertschöpfungsentstehung der verschiedenen Sektoren
(produktionsbasierter Ansatz). Unterschiedliche Entwicklungen im Dienstleistungssektor Die Finanzinstitute (Nationalbank, sonstige Banken, Kreditinstitute,
Börsen usw.) spielten 2001 eine nicht unbedeutende Rolle für die
Konjunkturentwicklung. Ihre Aktivitäten litten unter den Turbulenzen
an den Börsen, was sich in einem Einbruch bei den Bankkommissionen
(Courtage- und Depotgebühren, Emissionsgeschäft usw.) äusserte. Ohne
den Rückgang in diesem Sektor hätte das BIP deutlicher zugenommen.
Der Abwärtstrend auf den Finanzmärkten neutralisierte zum Teil
wieder die positiven Ergebnisse des Sektors aus den letzten Jahren,
d.h. die Finanzinstitute verloren wieder einen Teil des Gewichts,
das sie wegen der starken Expansion im Finanzbereich der letzten
Zeit hinzugewonnen hatten. Ihr prozentualer Anteil am BIP fiel auf
den Stand der Periode 1998-1999 zurück. Der Sektor der Versicherungsunternehmen sah sich 2001 mit einer
schwierigen Situation konfrontiert, hatte doch der schlechte
Börsengang auch Auswirkungen auf das Lebensversicherungsgeschäft.
Die betroffenen Unternehmen verzeichneten tiefere Börseneinnahmen
und einen markanten Einbruch bei den Depotgebühren. Im
Schadensbereich - er ist dem Börsengeschehen weniger stark
ausgesetzt - ist zudem der Markt gesättigt. Dank Prämienanpassungen
und Kostenreduktionen vermochte diese Branche jedoch die Talfahrt
ihrer Ergebnisse teilweise zu bremsen. Insgesamt reduzierte sich die
Wertschöpfung zu konstanten Preisen auf Grund der Schmälerung der
Margen deutlich. Demgegenüber setzte sich der Aufwärtstrend bei den nichtfinanziellen
Unternehmungen (Produktion von Waren und marktbestimmten
nichtfinanziellen Dienstleistungen) fort, was sich in einer
deutlichen Steigerung ihrer Wertschöpfung zu konstanten Preisen
äusserte. Im Jahr 2000 war bereits ein ähnliches Plus erzielt
worden. Diese erfreuliche Entwicklung ging hauptsächlich von den
Dienstleistungsbranchen aus. So konnten der Gross- und der
Einzelhandel (ausgenommen die Luftfahrt), das Immobilienwesen sowie
die Fernmeldedienste mit positiven Ergebnissen aufwarten. Die
Warenproduzenten hingegen bekamen die Konjunkturflaute voll zu
spüren. Die Maschinenindustrie verzeichnete tiefere
Ausrüstungsinvestitionen, und die Hersteller von Textilien und
Bekleidung mussten einer Erosion ihrer Margen zusehen. Einzig in der
chemischen Industrie hielt der Schwung aus dem Jahr 2000
insbesondere dank der pharmazeutischen Produkte an. Die nicht marktbestimmten Sektoren (öffentliche Haushalte und
Sozialversicherungen) entwickelten sich unterschiedlich. Die
öffentlichen Haushalte (Bund, Kantone, Gemeinden) notierten
insbesondere im Personalbereich Kostensteigerungen. Nach mehreren
Jahren restriktiver Lohnpolitik stiegen die Löhne vor allem auf
Kantonsebene an. Dadurch erfuhr die Wertschöpfung des Sektors einen
Wachstumsschub sowohl zu laufenden Preisen als auch zu Preisen von
1990. Die Wertschöpfung der Sozialversicherungen hingegen schwächte
sich sowohl zu laufenden als auch zu konstanten Preisen merklich ab.
Der Rückgang der Arbeitslosigkeit und die sich daraus ergebende
Reorganisation der regionalen Arbeitsvermittlungszentren sowie die
Umstrukturierungen bei den Krankenkassen (Transfer gewisser
Zusatzversicherungszweige zu den Schadensversicherungen) bewirkten
eine Senkung der Personalkosten. Inlandnachfrage verschiedenen Einflüssen ausgesetzt Die zwei Komponenten der Inlandnachfrage : der letzte Verbrauch und
die Bruttoanlageinvestitionen - entwickelten sich 2001
unterschiedlich. Der letzte Verbrauch der privaten Haushalte und der
privaten Organisationen ohne Erwerbscharakter (POoE) im Inland, der
mehr als 60% des BIP ausmacht, erhöhte sich um 2,9% zu laufenden
Preisen. Dies entspricht einer leichten Wachstumsverlangsamung
gegenüber dem Vorjahr (+3,4%). Zu Preisen von 1990 betrug die
Steigerung 1,8% (Jahr 2000: +2,2%). Die Bruttoanlageinvestitionen
verzeichneten auf Grund einer Tendenzumkehr bei den
Ausrüstungsinvestitionen und eines erneuten Einbruchs im Bausektor
eine markante Baisse um 5,2%. Letzter Verbrauch der privaten Haushalte als hauptsächliche
Wachstumsstütze 2001 setzte der letzte Verbrauch der gebietsansässigen privaten
Haushalte und POoE seinen Weg nach oben fort, indem er sich um 3% zu
laufenden Preisen und um 1,8% zu konstanten Preisen steigerte.
Obwohl zu befürchten war, dass sich die weltweite
Konjunkturverlangsamung und die Attentate vom 11. September negativ
auf das Konsumklima in der Schweiz auswirken würden, gab der letzte
Verbrauch der Gebietsansässigen zu Preisen von 1990 nur geringfügig
nach. Bei genauer Betrachtung der Konsumfunktionen zeigt sich jedoch, dass
die privaten Haushalte ihre Ausgaben für Gebrauchsgüter wie Möbel,
Radios, Computer oder Software sowie für gewisse persönliche
Ausstattungen oder auch für Finanzdienstleistungen gedrosselt haben.
So bekamen die Funktionen «Möbel, Innenausstattung, Haushaltsgeräte
und -gegenstände, laufende Haushaltsführung», «Unterhaltung,
Erholung, Bildung, Kultur» sowie «sonstige Waren und
Dienstleistungen» die ersten Anzeichen eines Vertrauensschwunds der
Konsumentinnen und Konsumenten zu spüren. Demgegenüber wartete die
Funktion «Gesundheitspflege» mit einem starken Plus zu konstanten
Preisen auf, was die Kostensteigerungen im Gesundheitswesen
bestätigt. Einbruch bei den Investitionen Nach dem Ausnahmejahr 2000 ging es mit den Ergebnissen beider
Komponenten der Bruttoanlageinvestitionen (BAI) - den Ausrüstungs-
und den Bauinvestitionen - wieder bergab: Die BAI schrumpften um
3,6% zu laufenden Preisen und um 5,2% zu konstanten Preisen. Nach einem klaren Wiederaufschwung im Jahr 2000 schwächte sich das
Wachstum der Bauinvestitionen gemäss den provisorischen Daten der
«Schweizerischen Bau- und Wohnbaustatistik» deutlich ab (vgl.
Kasten). Auf Grund einer merklichen Steigerung des allgemeinen
Preisniveaus (+3,2%) gaben sie um 1,8% zu laufenden Preisen und um
4,8% zu konstanten Preisen nach. Die Investitionen im Hochbau
stagnierten zu laufenden Preisen, während sie zu konstanten Preisen
um rund 3% einbrachen. Die Abschwächung machte sich hauptsächlich
bei den Wohngebäuden als Folge der allgemeinen
Konjunkturverlangsamung bemerkbar. Noch härter traf es den Tiefbau,
der einen Rückgang um 7,8% zu laufenden Preisen und um 11% zu
konstanten Preisen zu verkraften hatte. Diese ungünstigen Ergebnisse
sind in erster Linie auf eine Verringerung der Aktivitäten der
öffentlichen Auftraggeber (ausser Bund) im Bereich der Verkehrs- und
Telekommunikationseinrichtungen zurückzuführen. Diese ergab sich aus
dem Abschluss oder der Verschiebung von Projekten. Nach mehreren Jahren aussergewöhnlicher Prosperität erlitten die
Ausrüstungsinvestitionen 2001 einen deutlichen Einbruch von 5,2% zu
laufenden Preisen und von 5,5% zu konstanten Preisen. Dieser
Rückgang tangierte insbesondere die Einfuhr von Ausrüstungsgütern,
die sich seit Anfang 2001 immer mehr abschwächte. Der Abwärtstrend
beschleunigte sich besonders im dritten Quartal, als die
Wachstumsraten im August erstmals die Schwelle zum negativen Bereich
überschritten und sich von da an bis Ende Jahr immer mehr
verschlechterten. Sämtliche Untergruppen von Ausrüstungsgütern waren
von dieser Entwicklung betroffen; dabei traf es die
Kommunikationseinrichtungen (welche die Kehrseite des starken
Wachstums der letzten Jahre zu spüren bekamen), die Bürogeräte sowie
insbesondere die Flugzeuge am stärksten. Der Einbruch bei den
Flugzeugen ist auf den Konkurs von Swissair zurückzuführen. Der
einzige Lichtblick in diesem düsteren Bild sind die Käufe von
Nutzfahrzeugen, die zulegten. Schrumpfung des Aussenbeitrags Nach dem Rekordstand von 2000 gilt es, die Situation 2001 in einem
radikal veränderten wirtschaftlichen Umfeld zu betrachten. Parallel
zur Abkühlung der amerikanischen Wirtschaft erlebten weltweit alle
wichtigen Regionen eine starke Rezession. Dies führte zum stärksten
Einbruch des Warenhandels seit der zweiten Ölkrise zu Beginn der
80er-Jahre. Die Attentate vom 11. September, die Stärke des
Schweizer Frankens sowie die Krisen auf den Finanzmärkten belasteten
ebenfalls den Austausch von Dienstleistungen. Vor diesem Hintergrund
erstaunt der Rückgang des Aussenbeitrags zu laufenden und zu
konstanten Preisen nicht. Die Entwicklung wurde durch umfangreiche
konjunkturunabhängige Einfuhren (Wertobjekte, insbesondere Platin
und Palladium) noch verstärkt. Unter Ausklammerung der Wertsachen zeigt die Handelsbilanz eine
klare Verbesserung. Zu laufenden Preisen löste ein Überschuss von
1,6 Milliarden Franken das Defizit von 2 Milliarden des Vorjahres
ab. Die Ausfuhren verstärkten sich deutlicher als die Einfuhren,
jedoch fielen die Veränderungsraten geringer aus als im Vorjahr. Die
Sparten Flugzeuge (-1,3 Mia.), Telekommunikationsgeräte (inkl.
Mobiltelefone), Software und Datenverarbeitungseinrichtungen sind
hauptsächlich für die gedämpfte Entwicklung der Einfuhren
verantwortlich. Angesichts des weltweiten Konjunkturabschwungs muss
die Entwicklung der Ausfuhren als gut bezeichnet werden. Dies gilt
jedoch nur für eine beschränkte Auswahl von Branchen, allen voran
die chemische Industrie. Unter Einbezug des Wertsachenhandels ergibt
sich eine negative Ausfuhrbilanz. Der traditionelle Überschuss der Dienstleistungsbilanz ist 2001
deutlich geschmolzen, nachdem er sich in den zwei Vorjahren noch
kräftig vergrössert hatte. Die Verschlechterung der Exportlage
machte sich an breiter Front bemerkbar, was als Folge der
Konjunkturverlangsamung sowie der Attentate in den USA zu werten
ist. Hingewiesen sei insbesondere auf den markanten Einbruch bei der
Fremdenverkehrsbilanz sowie bei den Bankkommissionen gebietsfremder
Unternehmen, der deutliche makroökonomische Auswirkungen zeitigte.
Normalerweise vermag der Überschuss der Dienstleistungsbilanz die
Handelsbilanz auszugleichen. 2001 trat nun jedoch der Sonderfall
ein, dass sich die Saldi beider Bilanzen verschlechterten. BUNDESAMT FÜR STATISTIK
Informationsdienst Auskunft:
Ruth Meier, BFS, Sektion Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, Tel.:
032/713 60 76
Philippe Stauffer, BFS, Sektion Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung,
Tel.: 032/713 60 75
Weiterführende Informationen finden Sie auf der Homepage des BFS:
http://www.statistik.admin.ch 02.09.02
Permalink:

https://www.presseportal.ch/de/pm/100000114/100019753
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