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03.05.2021 – 12:11

Ärzte und Pflegefachpersonen gegen Organspende am Lebensende ÄPOL

Organspende: Petition an den Bundesrat für ein Moratorium der Organspende nach Herztod

Organspende: Petition an den Bundesrat für ein Moratorium der Organspende nach Herztod
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Bundeshaus, Bern (ots)

Das Parlament diskutiert diese Woche über die Widerspruchslösung bei der "postmortalen" Organspende. Aber diese Eingriffe sind unter Fachleuten sehr umstritten. Die Petition für ein Moratorium der Organspende nach Herztod wurde von den Ärzten und Pflegefachpersonen gegen Organspende am Lebensende ÄPOL lanciert und von 2327 Personen unterzeichnet. Der Bundesrat wird gebeten, ein Moratorium für die Organspende nach Herztod (Donation after Cardiac Death, DCD) zu verfügen und diese Art der Organspende durch von der Transplantationsmedizin unabhängige Ärzte und Juristen beurteilen zu lassen.

Begründung

In der Schweiz gibt es bei der "postmortalen" Organspende zwei Entnahmearten: Rund 60% erfolgen nach Hirntod durch eine schwere Hirnschädigung (z,B. Hirnschlag, Motorradunfall) und 40% nach Herztod mit darauffolgendem Hirntod (Donation after Cardiac Death, DCD). Bei letzterer Entnahmeart will man Patienten mit aussichtsloser Prognose sterben lassen und ihnen anschliessend die Organe entnehmen. Dazu werden diese Patienten in den Operationssaal gebracht, wo alle lebenserhaltenden Massnahmen wie Beatmung und Medikamente gestoppt werden. Tritt in der Folge der Herzstillstand ein, wird fünf Minuten gewartet bis das Hirn (möglicherweise) abgestorben ist und anschliessend wird der Körper sofort aufgeschnitten und die Organe entnommen. Dazu werden diese "Toten" wieder intubiert und beatmet. 2018 wurde in der Schweiz die Wartezeit von zehn auf fünf Minuten reduziert.

Neueste Forschungsresultate wecken nun schwere Bedenken, dass die Funktionen des Hirns beim Menschen fünf Minuten nach Herzstillstand irreversibel ausgefallen sind. Forscher der renommierten Yale School of Medicine in den USA konnten tot geglaubte Hirnzellen von Schweinen vier Stunden nach Stopp der Blutversorgung wieder teilweise zum Funktionieren bringen [1]. Die Studienresultate wurden im April 2019 in der renommierten wissenschaftlichen Zeitschrift "Nature" zusammen mit einem Kommentar [2] publiziert.

Die New York Times [3] und die Frankfurter Allgemeine Zeitung FAZ [4] sind überzeugt, dass diese Resultate grossen Einfluss auf die Organspende-Debatte haben. Die FAZ titelt: "Der Tod schlägt Funken. Ein Experiment befeuert die Debatte um Organspenden: Wie leblos ist ein Gehirn, das Stunden nach der Enthauptung Regungen zeigt?" Weiter schreibt sie: "Nach dem in einigen Ländern [wie der Schweiz, nicht aber in Deutschland] zulässigen DCDD-Protokoll (Donation after cardiac determination of death) werden den Organspendern Organe nur wenige Minuten nach einem Herzstillstand entnommen... Die Ärzte dort gehen davon aus, dass alle Hirnzellen nur kurz nach dem Abbruch der Blutversorgung irreversibel geschädigt sind. Im Tierversuch könnte das jetzt als widerlegt gelten."

Andere Wissenschafler waren schon 2016 zum Schluss gekommen, dass ein Ausfall der Blutversorgung des Hirns von fünf Minuten Dauer nicht genügt, um die Irreversibilität des Funktionsausfalls des Hirns nachzuweisen [5]. Sie weisen auf mehrere wissenschaftliche Arbeiten hin, die belegen, dass Patienten mit Herzstillstand auch nach 20- bis 30-minütigem Ausfall der Blutversorgung des Hirns mit guten neurologischen Resultaten erfolgreich reanimiert worden sind.

Der irreversible Ausfall des Hirns ist gemäss Schweizer Transplantationsgesetz aber für die Feststellung des Todes und die nachfolgende Organentnahme erforderlich. Artikel 9, "Todeskriterium und Feststellung des Todes", Absatz 1 lautet: "Der Mensch ist tot, wenn die Funktionen seines Hirns einschliesslich des Hirnstamms irreversibel ausgefallen sind."

Eine Bestätigung der beschriebenen Studienresultate in Zukunft könnte zu einem Verbot von Organentnahmen fünf Minuten nach Herztod führen. Bis die Studienresultate bestätigt oder widerlegt sind, soll für diese Form von Organspende ein Moratorium gelten.

Nach Lancierung der Petition wurden zusätzliche wichtige Fakten bekannt

In einem 2020 im Fachjournal "Transplantation International" publizierten Artikel wird erwähnt, dass während der Organentnahme nach Herztod das Risiko der Selbstreanimation des Hirns besteht [6]. Darum blockieren Transplantationsmediziner vor der Organentnahme die Blutversorgung zum Hirn mit einem Ballon, den sie in die Hauptschlagader (Aorta) einführen, oder sie klemmen die Halsschlagadern nach Eröffnen des Körpers sofort intern ab. Diese Praktiken werden auch in der Schweiz durchgeführt [7,8].

Damit ist klar, dass die Wissenschaft das Hirn fünf Minuten nach Ausfall der Blutversorgung als nicht irrreversibel ausgefallen betrachtet. Die heutige Praxis der Organentnahme fünf Minuten nach Herztod verstösst somit gegen das Schweizer Transplantationsgesetz.

Vorstand Ärzte und Pflegefachpersonen gegen Organspende am Lebensende ÄPOL, 4. Mai 2021

P.S. Das Sammeln von Unterschriften wurde durch die Covid-19-Pandemie erschwert, aber auch durch die Tatsachen, dass die Thematik recht komplex ist und dass sich viele Personen nicht mit der "postmortalen" Organspende und damit dem eigenen Tod befassen möchten. Dennoch spricht sich in der Schweizer Bevölkerung eine grosse Gruppe gegen die "postmortale" Organspende aus. So haben sich von 70'000 Personen, die sich ins Organspenderegister von Swisstransplant eingetragen haben, 10'000 gegen das Spenden ihrer Organe ausgesprochen.

P.P.S. In Deutschland ist die Organentnahme nach Herztod seit jeher verboten, weil die Deutsche Bundesärztekammer, sowie die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie und Neurologie die Todesfeststellung als zu unsicher betrachten.

LITERATUR

1 Vrselja Z. Daniele S.G. Sestan N. Restoration of brain circulation and cellular functions hours post-mortem, Nature 568, pp 336-343 (2019) https://www.nature.com/articles/s41586-019-1099-1

2 Pig experiment challenges assumptions around brain damage in people , Nature 568, pp 283-284 (2019) https://www.nature.com/articles/d41586-019-01169-8

3 'Partly Alive': Scientists Revive Cells in Brains from Dead Pigs, New York Times, 17.4.2019 https://www.nytimes.com/2019/04/17/science/brain-dead-pigs.html

4 Der Tod schlägt Funken, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.4.2019 https://ots.ch/xqxiNW

5 A.L. Dalle Ave, J.L. Bernat: Using the brain criterion on organ donation after the circulatory determination of death / Journal of Critical Care 33 (2016) 114-118 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26857329

6 Lomero M et al., Donation after circulatory death today: an updated overview of the European landscape. Transpl Int 33 (2020) 76-88, hier 85. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/tri.13506

7 Präsentation von Prof. Christian Toso, Januar 2010: https://www.chuv.ch/fileadmin/sites/glg/Minisymposium2019_handout_Toso.pdf

8 Renato Lenherr, Leiter des DCD-Programms des Universitätsspitals Zürich, erklärte am 6.9.2018 in seinem Vortrag "Herzstillstand muss nicht das Ende sein" an der Ärztefortbildung am Kantonsspital Winterthur, dass nach Eröffnen des Körpers die Halsschlagadern intern abgeklemmt werden.

Pressekontakt:

Dr. med. Alex Frei
Vizepräsident Ärzte und Pflegefachpersonen gegen Organspende am Lebensende ÄPOL
Email: alex-frei@gmx.net
Natel: 079 235 82 07
www.aepol.net