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US-Zinswende ade, Marktkommentar von Kai Johannsen

Frankfurt (ots) - Die Leitzinswende in den USA darf nun wohl getrost zu den Akten gelegt werden - zumindest für Juni ist sie erst mal vom Tisch. Vielleicht wird es in der zweiten Jahreshälfte noch eine Chance dafür geben. Wenn es im zweiten Halbjahr noch dazu kommen sollte, dann aber wohl auch eher in Richtung Jahresende.

Dass die Zinswende im Juni nicht mehr Realität wird, dafür sprechen zum einen die aktuelle Datenlage und zum anderen die Äußerungen seitens verschiedener US-Notenbanker. Im vergangenen Jahr, aber auch im ersten Quartal dieses Jahres waren viele Marktteilnehmer immer noch davon ausgegangen, dass die Wahrscheinlichkeit für die erste US-Leitzinsanhebung seit der Finanzkrise zur Jahresmitte vergleichsweise hoch ist. Dann zeichnete sich aber mehr und mehr ab, dass die Wirtschaft in den USA doch nicht so rund läuft, dass sie eine Zinsanhebung auch nachhaltig verkraften könnte.

Schwacher Jahresauftakt

Untermauert wurde das durch die Wachstumszahlen für das erste Quartal. Das Bruttoinlandsprodukt der größten Volkswirtschaft der Welt war in den ersten drei Monaten dieses Jahres nur um 0,2% gewachsen. Der Grund für das schwache Wachstum in den USA war zum einen der strenge Winter, zum anderen der starke Dollar. Denn die US-Unternehmen leiden darunter, dass der Greenback gegenüber dem Euro so stark aufgewertet hat. Und genau dieser Faktor macht der US-Wirtschaft weiterhin zu schaffen, d.h. auch in den kommenden Monaten. Denn hier wirkt ein Hebel, den die Amerikaner selbst nicht betätigen können, nämlich das Bondkaufprogramm der Europäischen Zentralbank, mit dem Disinflation und Deflationsrisiken im gemeinsamen Währungsraum abgewendet werden sollen. Viele Marktteilnehmer sind sich darin einig, dass die europäischen Währungshüter das Quantitative Easing bis September kommenden Jahres durchziehen werden, damit das Programm seine volle Wirkung entfalten kann.

Aber auch zu Beginn des zweiten Quartals zeichnet sich nicht gerade eine kräftige Belebung der US-Konjunktur ab. Ganz im Gegenteil: So sind die US-Einzelhändler mit einem eher schwächelnden Geschäft in das zweite Vierteljahr gestartet. Die Umsätze stagnierten im ersten Quartal im Vergleich zum Vormonat. Volkswirte hatten mit einem Anstieg von 0,2% gerechnet nach einem Plus von 1,1% im März. Der Einzelhandel macht in den USA rund 30% des privaten Konsums aus; dieser wiederum steht für 70% der US-Wirtschaftskraft. Nicht gerade robuste Daten kamen dann aus der US-Industrie, die ihre Produktion im April zur Überraschung vieler Marktteilnehmer gedrosselt hat. Sie fiel im Vergleich zum Vormonat um 0,3%. Die Analysten waren mit ihrer Prognose eines Anstiegs um 0,1% optimistischer. Schlechte Nachrichten kamen dann noch von der Inflationsseite: Die Erzeugerpreise waren im April um 0,4% gesunken. Die am Freitag vorgelegten Verbraucherpreise bestätigten insgesamt das Bild: Sie fielen im April um 0,2% zum Vorjahr. Das ist der kräftigste Rückgang seit fünfeinhalb Jahren. Die Kernrate lag allerdings bei 1,8%, was als robust gewertet werden darf.

Eine Zinsanhebung passt nicht zum Bild schwacher Makrodaten. Aber auch seitens der Fed-Vertreter war jüngst immer wieder zu vernehmen, dass die US-Notenbank es mit der Zinsanhebung nicht so eilig hat, wie mancher im Markt meint. Narayana Kocherlakota, Chef der Fed von Minneapolis, der in der Vergangenheit schon häufiger durch eine sehr realistische Einschätzung der Sachlage aufgefallen ist, meinte schon im vorigen Monat, dass sich die Fed noch sehr viel Zeit lassen kann mit dem ersten Zinsschritt seit der Finanzkrise. Und das bezog er nicht auf dieses Jahr, sondern auf das kommende Jahr. Die Fed könnte sogar bis zur zweiten Jahreshälfte 2016 warten, so seine Einschätzung. Angesichts der gegenwärtigen Entwicklung und Äußerungen aus den Reihen der Fed ist man durchaus geneigt, ihm recht zu geben.

Notenbanker sorgen sich

Und dann kam in der abgelaufenen Woche das Protokoll der Sitzung des Offenmarktausschusses von Ende April. Damit dürfte die Zinsanhebung endgültig vom Tisch sein. Viele Fed-Vertreter sagten in der Sitzung, dass sie das Gefühl haben, dass die Wirtschaft sich wahrscheinlich nicht genug verbessern wird, um eine Zinserhöhung im Juni zu rechtfertigen. Klarer geht es wohl kaum. Außerdem sorgen sich die Verantwortlichen bei der US-Notenbank über die Finanzprobleme Griechenlands. Schlussfolgerung: Die Fed wartet ab - wie schon so oft!

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